Justin Chadwick

Mandela – Der lange Weg zur Freiheit

Nelson Mandela (Idris Elba) inmitten seiner Anhänger. Foto: Senator Film

(Kinostart: 30.1.) Ein Heldenepos als One-Man-Show: Regisseur Chadwick zeichnet getreulich alle Stationen im Leben des Friedensnobelpreisträgers nach, den Idris Elba brillant verkörpert. Dabei kommt die Geschichte der Apartheid in Südafrika zu kurz.

Bigger than life: für den größten afrikanischen Staatsmann die größte Filmproduktion, die je in Afrika gedreht wurde. Mit rund 12.000 Statisten, 100 Schauspielern, 200 Sets und einem zweistelligen Millionenbudget – enormer Aufwand, um dem am 5. Dezember gestorbenen Friedensnobelpreisträger ein Denkmal zu setzen.

 

Info

 

Mandela – Der lange Weg zur Freiheit

 

Regie: Justin Chadwick,

152 Min., Südafrika/ UK 2013;

mit: Idris Elba, Naomie Harris, Mark Elderkin

 

Website zum Film

Es fällt über weite Strecken überraschend menschlich, fast schon menschelnd aus. Drehbuchautor William Nicholson und Regisseur Justin Chadwick halten sich eng an Mandelas gleichnamige Autobiographie. Gewissenhaft schreitet der Film alle wichtigen Stationen in seinem Leben ab.

 

Spross eines Königshauses

 

Angefangen mit seiner Kindheit auf dem Lande: Mandela war Spross des Königshauses der Thembu; viele Landsleute nannten ihn bei seinem Clan-Namen „Madiba“. Er erhielt höhere Schulbildung und begann ein Jura-Studium, floh aber mit 23 Jahren vor einer arrangierten Heirat nach Johannesburg.


Offizieller Filmtrailer


 

Sabotage mit Speer der Nation

 

Dort arbeitete er für Rechtsanwälte und boxte in seiner Freizeit. Die Ehe mit seiner ersten Gattin Evelyn hielt nicht lange: Sie störte sich an Flirts mit anderen Frauen und seinem riskanten Engagement im African National Congress (ANC) gegen die Apartheid.

 

In den 1950er Jahren eröffnete Mandela mit seinem Weggefährten Oliver Tambo die erste schwarze Anwalts-Kanzlei Südafrikas und stieg zum ANC-Führer auf. Nach dem Massaker von Sharpeville, bei dem 70 unbewaffnete Demonstranten starben, griff Mandela zur Gewalt: Seine Untergrund-Organisation Umkhonto we Sizwe („Speer der Nation“) verübte ab 1961 Sabotage-Akte.

 

In lebenslanger Haft Tomaten ziehen

 

Dafür wurde er 1963 mit sieben Mitstreitern zu lebenslanger Haft verurteilt, die sie auf der Gefängnisinsel Robben Island an der Küste vor Kapstadt verbüßten. Erst unter harschen, später unter erleichterten Bedingungen: Im Film sieht man ergraute Häftlinge im Gemüsegarten geruhsam Tomaten ziehen. Dabei werden sie von jungen Schwarzen beobachtet; die können kaum glauben, legendäre ANC-Kämpfer vor sich zu haben.

 

Dann kommen die Verlegung in Festland-Gefängnisse, Geheimverhandlungen mit Regierungsvertretern, Mandelas Freilassung 1990, der Wahlsieg des ANC 1994 und seine Präsidentschaft – ein einziger Triumphzug, den die Welt aus TV-Bildern kennt. Regisseur Chadwick stellt sie mit maximaler Opulenz nach: Vor Massen jubelnder Anhänger verkündet Mandela, unermüdlich winkend, seine Botschaft von Verständigung und Versöhnung.

 

Winnie wurde militant + straffällig

 

Wobei sein privates Drama nicht ausgespart bleibt: Seine zweite Frau Winnie wurde ebenso vom Regime verfolgt. Mandelas lange Haft entfremdete beide voneinander, zumal Winnie auf Militanz setzte und radikale Schwarze um sich scharte. 1992 trennte sich das Paar; dass sie später wegen Mord-Beihilfe und Betrug verurteilt wurde, fällt aber unter den Tisch.

 

Wie so vieles in Südafrikas neuerer Geschichte, die Mandelas politischen Weg bedingte und ihn erst verständlich macht. Die Eckdaten der Apartheid werden kaum genannt, Weiße kommen nur als Richter, Polizisten und Knast-Wärter vor – und weltweit als wohlmeinende Antirassisten, die Mandelas Freilassung fordern.

 

Zulu-Organisation bleibt ungenannt

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Hauptdarsteller Idris Elba über seine Rolle als Mandela

 

und hier einen kultiversum-Bericht über den Film „The Bang Bang Club“ – Drama über Pressefotografen im Südafrika der Apartheid-Endphase von Steven Silver

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Fünf Themen“ des südafrikanischen Künstlers William Kentridge in der Albertina, Wien

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Afropolis“ zur Entwicklung von Johannesburg + vier afrikanischen Metropolen im Rautenstrauch-Joest-Museum, Köln.

 

So bleibt unerfindlich, warum Präsident Frederik de Klerk 1989 plötzlich mit ihm über die Aufhebung der Rassentrennung verhandelte: weil ihre Kosten unbezahlbar waren, der Goldpreis sank, und der Westen nicht mehr Südafrika als antikommunistisches Bollwerk stützte.

 

Geradezu vertuscht werden die Gründe der blutigen Unruhen in den townships Ende der 1980er Jahre: Damals kämpften Schwarze nicht gegen die Apartheid, sondern gegeneinander: Gefolgsleute des Xhosa-dominierten ANC gegen die der Zulu-Organisation Inkhata – doch deren Name fällt kein einziges Mal.

 

Staatstragendes Überwältigungs-Kino

 

Dieses biopic ist eben eine one man show, die Idris Elba in der Hauptrolle brillant vorführt: Er wirkt als vor Tatkraft strotzender Junganwalt genauso glaubwürdig wie als visionärer Staatsmann mit dem Schalk im Nacken. Ihm ist Naomie Harris als Winnie eine ebenbürtige Partnerin; sie erspielt ihrer in der Liebe wie im Kampf gleich leidenschaftlichen Figur Sympathien, die jene kaum verdient hat.

 

Inszeniert als geschmeidiger Bilderbogen, untermalt von üppigen Orchesterklängen: „Mandela“ ist staatstragendes Überwältigungs-Kino, das Kritik im Keim erstickt. Ein Heldenepos, wie es einer der bedeutendsten Staatsmänner des 20. Jahrhunderts zweifellos verdient. Wer aber Zeit und Umstände seines „langen Wegs zur Freiheit“ verstehen will, den lässt dieses human interest movie recht ratlos zurück.


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