Berlin

The Circle Walked Casually

Ausstellungs-Ansicht "The Circle Walked Casually". Fotoquelle: Deutsche Bank KunstHalle/ Mathias Schormann.

Ein genial einfacher Kniff bringt Zeichenkunst zum Schweben: 140 Arbeiten auf Papier sind in der Deutsche Bank KunstHalle an einer Deckenschiene aufgehängt. Das luftige Arrangement bietet überraschende Einblicke in die riesige Firmensammlung.

Die Deutsche Bank (DB) sammelt seit 1979 schwerpunktmäßig Arbeiten auf Papier sowie Fotografien: Als ideelle Wertpapiere passen sie perfekt ins Portfolio. Inzwischen hortet die Großbank einen Bestand von mehr als 60.000 Werken. Sie werden den Mitarbeitern in Büros und den Kunden in Filialen zugänglich gemacht.

 

Info

 

The Circle Walked Casually

 

28.11.2013 – 02.03.2014

täglich 10 bis 20 Uhr

in der Deutsche Bank KunstHalle, Unter den Linden 13/15, Berlin

 

Weitere Informationen

 

Die KunstHalle in Berlin – früher ein joint venture mit der Guggenheim Foundation, seit 2013 jedoch eigenständig – bietet einen Raum, um künftig in regelmäßigen Abständen Teile der Unternehmenssammlung öffentlich auszustellen. Den Anfang macht die argentinische Kuratorin Victoria Noorthoorn: Sie bringt mehr als 130 Werke aus DB-Besitz in „The Circle Walked Casually“ sozusagen auf eine gemeinsame Linie.

 

Strahlende, fast konturlose Wolke

 

Eine Kurzgeschichte des Schriftstellers Felisberto Hernández aus Uruguay inspirierte Noorthoorn zu ihrem experimentellen Umgang mit der Sammlung. Sie ließ die Architekten Daniela Thomas und Felipe Tassara den lang gestreckten Saal der Kunsthalle in eine weiß strahlende, fast konturlose Wolke verwandeln. Hier hängen rund 140 Arbeiten, Blatt neben Blatt; so kann man sich durch eine innovative Präsentation hangeln.

Impressionen der Ausstellung


 

Schiene mäandert an der Decke entlang

 

Die Ausstellung benötigt nämlich keine Zwischenwände: Die Arbeiten schweben im Raum unter einer Führungsschiene, die an der Decke befestigt durch die Kunsthalle mäandert. Eine gewagte Hängung, die den Raum in rundliche Kabinette und exponierte Kurven strukturiert.

 

Auf diesem Parcours macht sich Louise Bourgeois am breitesten: Die vielteilige Arbeit „10 AM Is When You Come to Me“ von 2006 zeigt mit Wasserfarben kolorierte Radierungen von Fingern und Händen; sie greifen einander, begrüßen und verabschieden sich. Ein ähnlich hochkarätiges Exponat ist die Kreidezeichnung „Ruderer“ von Max Beckmann aus dem Jahr 1928.

 

Dominante Präsenz + Glanz im Verborgenen

 

Beckmanns Werk gewinnt neben mehreren kleinformatigen Gouachen von Silvia Bächli eine ikonografische Präsenz, die dem dominanten Künstler sicher gefallen hätte. Doch auch im Verborgenen kann man glänzen; das beweisen drei frühe Formstudien der US-amerikanischen Künstlerin Eva Hesse. Mit Poesie und Materialwitz nahm es die früh verstorbene Bildhauerin in den 1960er Jahren als eine von wenigen Frauen mit der testosterongesteuerten minimal art auf.

 

Die Kuratorin lässt verschiedene künstlerische Positionen, handwerkliche Eigenheiten und thematische Interessen aufeinander treffen. So wird sie trotz knapper Fläche der enormen Vielfalt und Bandbreite der DB-Sammlung durchaus gerecht. Noorthoorn organisiert sogar eine Art von Zwiesprache zwischen den Werken.

 

Liebesgeschichte von Kreis + Dreieck

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Visions of Modernity“  – Impressionismus + klassische Moderne in der letzten Ausstellung der Guggenheim Foundation in Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung Von Beckmann bis Warhol – Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts aus der Firmensammlung der Bayer AG im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Bucky Fuller & Spaceship Earth“ zum Gesamtwerk von Richard Buckminster Fuller im MARTa Herford.

 

Nach strengen, spröden Notaten von Hanne Darboven überraschen plötzlich farbintensive Werke. Frühe Papier-Arbeiten von Katharina Grosse treffen unvermittelt auf kleinformatige Aquarelle von Gerhard Richter, ehe mit Skizzen von John Cage wieder Ruhe einkehrt. In dieser kleinen Geschichte der Abstraktion führt in der Mitte Wassily Kandinskys „Aquarell mit rotem Fleck“ von 1911 vor, wer wirklich einmal Avantgarde war, und wie virtuos man geometrische Formen komponieren kann.

 

Mit den Worten „The Circle walked casually“ beginnt auch Hernández’ Erzählung; die Liebesgeschichte eines Kreises und eines Dreiecks. Beide gehen in der Phantasie auf eine Reise, immer eine horizontale Linie entlang. Die Ausstellung nimmt diese Idee auf, ohne sie allzu wörtlich zu nehmen; sie macht Lust auf weitere Einblicke in die corporate collection.

 

Formen + Linien zum Leben erwecken

 

Etwa Werke des kürzlich verstorbenen Günther Förg: Dessen Gitter aus scheinbar achtlos hingeschmierter Acryl-Farbstreifen eröffnet einen kurzen Abschnitt von Arbeiten, die sich mit Architektur beschäftigen. Vic Muniz persifliert etwa die barocken Kerker-Utopien von Giovanni Battista Piranesi. Entwurfs-Zeichnungen von Richard Buckminster Fuller verweisen auf das weiterhin aktuelle Interesse an geodätischen Körpern – die heutzutage öfter Abhöranlagen verbergen.

 

Die Digitalzeichnungen auf PVC-Folien von Erick Beltrán sind dagegen schon beinahe Grafikdesign. Doch auch an der Schwelle zum Kunstgewerbe wird deutlich, wozu sich das Medium Papier noch immer am besten eignet: in der Kreativität von Geist und Hand neue Formen und Linien zum Leben zu erwecken.


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