München

Traum-Bilder: Ernst, Magritte, Dalí, Picasso, Antes, Nay – Die Wormland-Schenkung

Salvador Dalí: Das Rätsel der Begierde oder »Meine Mutter, Meine Mutter, Meine Mutter«, 1929. Foto: Pinakothek der Moderne München © Salvador Dalí, Fundació Gala-Salvador Dalí / VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Surrealismus-Schatzkammer: Der Sammler Theo Wormland hat der Pinakothek der Moderne seine Kollektion vermacht. Nun wird sie komplett ausgestellt: Surrealistische Einflüsse auf ansonsten gegensätzliche Strömungen reichen bis in die Gegenwart.

Ausstellungen privater Kunst-Kollektionen sind eine knifflige Sache. Entweder pickt sich der Kurator Prunkstücke heraus, die er wie auf einer Perlenkette aufreiht; dann kommt ein best of heraus, aber kein Sammlungs-Überblick. Oder die Kollektion wird vollständig präsentiert, damit die “Handschrift des Sammlers” deutlich werde – meist ein willkürliches Gekritzel.

 

Info

 

Traum-Bilder. Ernst, Magritte, Dalí, Picasso, Antes, Nay – Die Wormland-Schenkung

 

14.09.2013 – 09.02.2014

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

donnerstags 10 bis 20 Uhr

in der Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40, München

 

Katalog 34,80 €

 

Weitere Informationen

 

Da erweist sich die Sammlung des 1983 gestorbenen Textil-Händlers Theo Wormland als Glücksfall, denn sie umgeht dieses Dilemma. Mit 70 hochkarätigen Werken – Gemälden und einigen Skulpturen – kann sie komplett gezeigt werden. Zugleich wird der Geschmack des Sammlers anschaulich, ohne monothematisch verengt zu sein: Wormland sammelte Surrealismus, Informel der 1950er und so genannte Neue Figuration der 1960/70er Jahre – sofern diese Künstler an die Surrealisten anknüpften.

 

Dauerleihgabe für 30 Jahre

 

Kurz vor seinem Tod übertrug Wormland seine Kollektion den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen; erst als Dauerleihgabe für 30 Jahre, danach als Schenkung. Zugleich warb seine Stiftung für den Bau der Pinakothek der Moderne und spendete dafür drei Millionen D-Mark; seither arbeiten beide Seiten intensiv zusammen. Diese Gedenk-Schau ist also ein Dankeschön an den Mäzen.


Impressionen der Ausstellung


 

Fries von Max Ernst über Sammler-Kamin

 

Doch die Ausstellung kommt ohne Sympathie-Bonus aus: So eine Fülle surrealistischer Meisterwerke wird in deutschen Museen selten geboten. Etwa fünf raffinierte Rätselbilder von René Magritte, zwei Gemälde von Richard Oelze und ein mythologisches Motiv des hierzulande kaum bekannten Italieners Fabrizio Clerici. Dalís Frühwerk “Das Rätsel der Begierde” von 1929, nun Blickfang der Schau, wurde nach Wormlands Tod erworben.

 

Allein elf Arbeiten von Max Ernst – darunter Klassiker wie “Die Windsbraut” (1927) , “Der Hausengel” (1937) und “Totem und Tabu” (1941) – führen seine wichtigsten Gestaltungs-Prinzipien vor: Collage- und Frottage-Technik, biomorphe und archaische Formen. Der Maskenfries, mit dem Ernst 1948 sein Haus in Arizona dekoriert hatte, hing als Bronzeabguss über dem Kamin von Wormlands Wohnung im Münchener Nobel-Vorort Grünwald.

 

Harmonische Geschlossenheit

 

Umgeben von den übrigen Stücken, wie Panorama-Fotos der Räume zeigen: Der Sammler lebte in und mit seiner Kollektion, was ihre harmonische Geschlossenheit erklären mag. Auch und gerade dort, wo sie über den Ausgangspunkt Surrealismus weit hinausgreift, bis nah an die Gegenwart.

 

Das militant abstrakte Informel war der dominante Stil der Nachkriegszeit; dagegen versuchten Künstler der Neuen Figuration, figürliche Darstellungen zu rehabilitieren. Diese Schau stellt klar, dass die vermeintlichen Gegenpole beim Aufgreifen des Surrealismus durchaus Berührungspunkte hatten: in fantastischen Bilderfindungen und freizügigem Umgang mit der Formenwelt.

 

Anschluss an Ernst + Magritte

 

Wie bei drei “Migof”-Skulpturen des Informel-Hauptvertreters Bernhard Schultze: Die organisch wuchernden, in allen Farben schillernden Gebilde scheinen direkt den Bildern von Max Ernst entsprungen. Dagegen schließen drei Nachkriegs-Stadtansichten des fast vergessenen Werner Heldt an Magritte an: Scheinbar banale Fenster-Ausblicke auf Fassaden sind durch irritierende Kompositionen zu vielschichtigen Denkbildern verrätselt.

 

Selbst bei Arbeiten der 1970er Jahre legt die Schau Rückgriffe auf den Surrealismus frei. Alle Welt kennt den Kolumbianer Fernando Botero als Maler von überlebensgroßen Fettwänsten. Auch beim traditionellen Herrscher-Doppelporträt von 1969 beeindruckt zunächst die Leibesfülle des Paars.

 

Dichter-Selbstmord im Fluss

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung “Von Beckmann bis Warhol”  – Kunst des 2o. und 21. Jahrhunderts – Die Sammlung Bayer im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier eine Besprechung der schaurig-schönen Ausstellung “Schwarze Romantik: Von Goya bis Max Ernst”  – und Werken des Surrealismus im Städel, Frankfurt/Main

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung “Antes: Malerei 1958 – 2010″  – Retrospektive von Horst Antes im Martin-Gropius-Bau, Berlin.

 

Dann bemerkt man groteske Größen- und damit Machtverhältnisse. Der Orden der Präsidentengattin verschwindet fast in ihren Rundungen; die Dienerin des Staatschefs ist zu winzig, um ihm den Kaffee zu reichen: eine surreal-sarkastische Polit-Parodie.

 

In diesem Kontext wirkt sogar ein Historiengemälde von Eduardo Arroyo, meist als Pop-Artist eingestuft, surrealistisch. “Angel Ganivet stürzt sich in die Düna” (1977) behandelt eine berühmte Episode der spanischen Geschichte: Der Dichter Ganivet beging 1898 als Konsul in Riga mit einem Sprung in den Fluss Selbstmord; danach stilisierte man ihn zum Opfer der nationalen Stagnation.

 

Wechselbezüge wenig erklärt

 

Bei Arroyo wird daraus ein kaum zu entschlüsselndes Bild: Aus dem Wasser in einem Becken ragen Füße, um die sich Seile schlingen. Ringsum schauen Menschen auf einer Galerie zu, ein Uniformträger hält eine Art Schale, ein Mini-Pinguin wandert quer über die Leinwand: eine vermeintlich plakative, de facto verstörend widersprüchliche Szene wie von Neo Rauch.

 

Diese Bezüge könnte die Präsentation ausführlicher erklären; leider belässt sie es bei wenigen erläuternden Raumtexten. Die beschäftigen sich vor allem mit dem Sammler selbst, was verständlich ist, aber etwas kurz greift. Sein Talent, das Fortleben surrealistischer Sichtweisen in späteren, teils gegensätzlichen Kunst-Strömungen aufzuspüren, würde noch besser zur Geltung kommen – und damit der immense Wert dieser Schenkung.


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