Michael Fassbender

Twelve Years a Slave

Chiwetel Ejiofor (Solomon Northup, li.) wird als Sklave verkauft. Foto: Tobis Film

(Kinostart: 16.1.) Sklaverei in Amerika, das größte Verbrechen der Menschheit, kommt fast nie ins Kino: Es fehlt an Zeugnissen. Einen Opfer-Erlebnisbericht von 1853 verfilmt Regisseur Steve McQueen werkgetreu: wohl der beste Geschichtsfilm des Jahres.

Dieser Film war überfällig. Wie es auf einer römischen Galeere oder in einem NS-Konzentrationslager aussah, kann sich jeder dank Dutzender Spielfilme gut vorstellen. Aber wie ging es auf den Zuckerrohr- und Baumwoll-Plantagen in US-Südstaaten zu, die von Sklaven bewirtschaftet wurden?

 

Info

 

Twelve Years a Slave

 

Regie: Steve McQueen,

135 Min., USA 2013;

mit: Chiwetel Ejiofor, Michael Fassbender, Brad Pitt

 

Website zum Film

 

Natürlich kommt in US-Historienfilmen Sklaverei öfter vor. Stephen Spielberg hat 1997 in „Amistad“ die Revolte von Schwarzen auf einem Sklaven-Frachtschiff verfilmt. Vor einem Jahr benutzte – manche finden: missbrauchte – Quentin Tarantino die Sklavenhaltung als Aufhänger für „Django Unchained“, eine Rachefantasie als Neo-Spaghetti-Western.

 

Nur aus der Außenperspektive

 

Doch alle diese Filme betrachten Sklaverei von außen und berühren sie nur en passant; als eigne sich das Phänomen nicht als Hauptthema. Der einzige Massenerfolg, in dem die Eigenperspektive von Sklaven eine größere Rolle spielte, war 1977/78 die TV-Serie „Roots“ – aber nur in den ersten Folgen. Das ist auch schon 35 Jahre her.


Offizieller Filmtrailer


 

Als freier Mann in die Sklaverei verkauft

 

Ein Manko, das zu Verschwörungstheorien geradezu einlädt: Schließlich ist Sklaverei in Nord- und Südamerika das größte Verbrechen der Geschichte. In allen Epochen und Erdteilen sind riesige Menschenmengen verschleppt und für Zwangsarbeit eingesetzt worden. Doch der 350-jährige transatlantische Sklavenhandel dauerte länger, war systematischer und forderte mehr Blutzoll als alles Vergleichbare zuvor oder danach.

 

Dennoch hat seine audiovisuelle Abwesenheit einen verständlichen Grund: Es gibt kaum Zeugnisse. Sklavenhalter hatten daran kein Interesse; analphabetische Sklaven konnten nichts hinterlassen. Eine der wenigen Ausnahmen ist „Twelve Years a Slave“ von Solomon Northup. Das Buch erschien 1853: Der Schwarze war als freier Mann entführt und in die Sklaverei verkauft worden. Sein Erfahrungsbericht wurde ein Erfolg, geriet aber später in Vergessenheit.

 

New York schaffte Sklaverei 1837 ab

 

Nun hat ihn der britische Künstler und Regisseur Steve McQueen verfilmt. Ganz werkgetreu, denn Northups Erfahrungsbericht ist ungeheuerlich genug: Die Vereinigten Staaten sind Mitte des 19. Jahrhunderts ein völlig zerrissenes Land. In den einzelnen Bundesstaaten herrschen so unterschiedliche Gesetzeslagen und zivilisatorische Standards, dass man kaum glauben mag, sie gehörten ein und derselben Nation an.

 

Die Neuengland-Staaten hatten die Sklaverei schon Ende des 18. Jahrhunderts abgeschafft: Dort brauchte man keine Sklaven. Im Staat New York wurde die Sklaverei 1837 endgültig untersagt: Der dort mit seiner Familie lebende Northup, ein Tischler und versierter Violonist, war ein geachteter Bürger mit fast denselben Rechten wie Weiße.

 

Betäubt + nach New Orleans verschifft

 

Anders im Süden: In der ersten Jahrhundert-Hälfte erlebte die Plantagen-Wirtschaft ihren Höhepunkt, und damit der Sklavenhandel. Als Nachschub wurden etliche Schwarze aus nördlichen Bundesstaaten, in denen ihre Befreiung bevorstand, in den Süden verfrachtet – zuweilen auf kriminelle Weise. Northup (überzeugend: Chiwetel Ejiofor) wird zum Opfer dieser Praktiken.

 

Zwei Gauner locken ihn mit einem gut bezahlten Job als Stehgeiger, betäuben ihn dann und legen ihn in Ketten. Per Schiff wird er mit anderen Schwarzen nach New Orleans gebracht, zum größten Sklavenmarkt im Süden. Plötzlich findet sich der unbescholtene Mann in der Stube eines Händlers wieder, der seine Ware potentiellen Kunden wie Vieh anpreist.

 

Sklavin vergewaltigen + auspeitschen

 

Ihn kauft ein kultivierter Plantagenbesitzer, der seine Sklaven halbwegs anständig behandelt. Doch ein Aufseher hat es auf Northup abgesehen: Er knüpft ihn am Baum auf, wobei dessen Füße gerade noch den Boden berühren. Der Schwarze muss stundenlang auf Zehenspitzen trippeln, um zu überleben; vor den Augen seiner Leidensgenossen.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Steve McQueen über „Twelve Years a Slave

 

und hier eine Besprechung des Films Shame von Steve McQueen mit Michael Fassbender als Sex-Süchtigem

 

und hier einen Beitrag über den Film “Django Unchained” Italo-Western über Südstaaten-Sklaverei von Quentin Tarantino

 

und hier einen Bericht über die Doku „BB King – The Life of Riley“ – Porträt der Blues-Legende, der einst Baumwoll-Pflücker war, von Jon Brewer.

 

Dann verkauft Ford ihn an Edwin Epps (brillant bösartig: Michael Fassbender) weiter. Der Sadist lässt keine Gelegenheit aus, seine Sklaven zu quälen. Insbesondere die junge Patsy: Heimlich vergewaltigt Epps sie, im Beisein seiner eifersüchtigen Frau peitscht er sie aus. Ein kanadischer Zimmermann (engagiert: Brad Pitt) hilft endlich, indem er Northups Angehörige im Norden informiert. Er kommt nach zwölf Jahren frei, kann aber seine Peiniger rechtlich nicht verfolgen: Seine Aussage wird vor Gericht nicht anerkannt.

 

Briefe schreiben streng verboten

 

Aus seiner Leidensgeschichte zeigt Regisseur McQueen Episoden, die so anschaulich wie irrwitzig sind. Etwa Sonntagsbesuche von Patsy bei einer Schwarzen auf der Nachbar-Plantage: Die ist nun Lebensgefährtin ihres früheren Besitzers und lässt Patsy auf ihrer Veranda Tee trinken – den andere Sklavinnen servieren.

 

Oder Northups vergebliche Versuche, seine Verwandten per Brief zu kontaktieren. Papier muss er geschickt abzweigen, als Tinte dient ihm Brombeersaft. Bei Botengängen in die Stadt darf er nicht auf die Post gehen. Ein erster Verbindungsmann denunziert ihn bei Master Epps; erst der Zimmermann leitet sein Schreiben weiter: Einwurf in den Briefkasten als Befreiungstat.

 

Betulich verfilmt, trotzdem fesselnd

 

So wird elendes Sklavendasein im Dschungel zermürbender Arbeit, allgegenwärtiger Verbote und brutaler Gewalt fast physisch spürbar. Regisseur McQueen reiht betulich Szene an Szene ohne stilistischen Ehrgeiz: Das könnte ermüdend wirken, wäre der Stoff nicht so fesselnd.

 

Das verdrängte Schicksal von Unterdrückten wieder sichtbar zu machen, ist eine häufig bemühte Phrase: Hier stimmt sie in jeder Einstellung. Wichtiger, lehrreicher und nachhaltiger als die nächsten zehn Schinken über Nazi-Gräuel: vielleicht der beste Geschichtsfilm dieses Jahres.


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