Martin Scorsese

The Wolf of Wall Street

Die lebende Geld-Transporterin: Danny (Jonah Hill, 2. v. li.) und Belfort (DiCaprio, mi.) wollen Schwarzgeld ins Ausland schaffen. Foto: Universal Pictures

(Kinostart: 16.1.) Turbo-Achterbahnfahrt mit Sex & Drugs & Rock’n’Roll: Leonardo DiCaprio brilliert als Finanzhai mit dem Lebensstil von Caligula. Das malt Martin Scorsese lustvoll aus: Börse als organisierter Betrug wird zum höllischen Heidenspaß.

Das geht ab: mit Banknoten-Bündeln wie mit Spielgeld um sich werfen. Alle Pillen und Pulver einpfeifen, die der pusher liefern kann. Busenwunder unter Kollegen-Gejohle auf dem Büro-Schreibtisch rannehmen. Mit dem Privathubschrauber herumgondeln, seinen Lamborghini verschrotten, eine 50-Meter-Yacht versenken. Und dann in die nächste Runde: Noch mehr Klunker, Koks und Kapital.

 

Info

 

The Wolf of Wall Street

 

Regie: Martin Scorsese,

179 Min., USA 2013;

mit: Leonardo DiCaprio, Jonah Hill, Matthew McConaughey

 

Website zum Film

 

Drei Stunden lang. Falls irgendjemand vermutet hat, Martin Scorsese werde auf seine alten Tage bedächtig, straft ihn die Regie-Legende Lügen. Und wer annahm, nach den rauschenden Mega-Partys in „Der große Gatsby“ sei von Leonardo DiCaprio ein Kammerspiel zu erwarten, sieht sich getäuscht: Hier haut er dermaßen auf den Putz, dass Baz Luhrmanns Ausstattungs-Orgie wie ein steifer Cocktail-Empfang wirkt.

 

Ramschpapiere + Börsengänge

 

Ausschweifungen sind der Treibstoff von Jordan Belfort (DiCaprio): Nach seiner Börsenmakler-Ausbildung an der Wall Street entdeckt er sein Talent, penny stocks zu verkaufen. Solche billigen Anteile an kleinen, obskuren Firmen werden abseits der Börse gehandelt; ihr Wert lässt sich leicht manipulieren. Genauso wie der Emissions-Preis bei Börsengängen (IPOs): Die Beteiligten können dabei hohe Gewinne einstreichen.


Offizieller Filmtrailer


 

Gleich gierig, weniger gerissen

 

Genau das macht seine Maklerfirma „Stratton Oakland“ – wie genau, erklärt Belfort mehrmals kurz in die Kamera, um dann abzubrechen: „Das wollen Sie doch gar nicht wissen!“ So ist es: Anfang der 1990er Jahre boomt die US-Wirtschaft, die Kurse schießen in die Höhe, und alle wollen absahnen – egal wie. Auch die unbedarften Provinzler, die „Stratton Oakland“ um ihr Erspartes erleichtert: Ihre Gier ist die gleiche, nur fehlt ihnen die Gerissenheit der Finanzhaie.

 

Im ersten, aufschlussreicheren Teil zeigt der Film, wie Belfort seine Firma aufbaut: mit einer Bande alter buddies, die zuvor herumkrebsten; für fette Schecks würden sie ihre Oma verhökern. Dazu kommen allerlei Figuren mit Karriere- oder Biographie-Knick, die eine zweite Chance brauchen. Von Ökonomie haben sie keine Ahnung, aber Belfort bringt ihnen das Einmaleins der Verkaufs-Psychologie bei: Mit haltlosen Versprechen drehen sie ihren Opfern am Telefon Aktienpakete an – und lästern über deren Blödheit, sobald sie den Hörer auflegen.

 

„Wollt Ihr den totalen Profit?“

 

Belfort spielt mit seinen Leuten wie die mit ihren Kunden. Hinreißend sind die Einpeitscher-Szenen, in denen DiCaprio seine Belegschaft mit „Wollt Ihr den totalen Profit?“-Parolen zur Massen-Extase aufputscht, bis sie wie eine Steinzeit-Horde grölend und grunzend herumtobt: Regression zur Rendite-Maximierung. Da können sich alle real existierenden Motivations-Trainer und „Reich in 30 Tagen“-Gurus noch eine Menge abgucken.

 

Solche kicks verschafft sich der Boss lieber chemisch. Er steht ständig unter Starkstrom, zieht lines am liebsten vom Po seiner Edelnutten und schluckt händevoll Methaqualon, ein euphorisierendes Narkotikum: Leben im Überschall-Kanal. Alles muss immer größer, teurer und protziger sein. Bis die Betrugsmanöver zu dreist, die Zahl der Geprellten zu hoch und die Börsenaufsicht SEC samt FBI auf „Stratton Oakland“ aufmerksam werden.

 

Kapital- und Kapitalisten-Flucht

 

Das Katz-und-Maus-Spiel von Belfort und Spießgesellen mit den Strafverfolgern füllt den zweiten Teil. Auch diese Kapital- und Kapitalisten-Flucht ist wunderbar virtuos inszeniert: Die Treffen mit dem skrupellosen Schweizer Bankier (Jean Dujardin) hätte sich die Pravda nicht drastischer ausmalen können.

 

Doch es ist eben nur eine catch me if you can story mit absehbarem Ende. Allerdings ohne Reue und Läuterung: Okay, Ihr habt die ganze Staatsmacht hinter Euch, aber Ihr werdet nie solche Exzesse erleben, wie ich sie mir schon zum Frühstück gönne!

 

Cäsar beim antiken Bacchanal

 

Alles nur Kino, Traumfabrik, Illusionsmaschine? Keineswegs: „The Wolf of Wall Street“ hält sich eng an die gleichnamige Autobiographie, die Belforts in der Haft schrieb – und die ihn abermals reich machte. Zu eng, finden manche: Scorsese und DiCaprio haben sich in den USA Zynismus-Vorwürfe eingehandelt. Sie feierten lustvoll ausufernde Verschwendungssucht, kriminelle Energie und Menschenverachtung, wird kritisiert: Wo bleibt die Moral?

 

Schade, dass US-Puritaner nicht dialektisch denken. Sie haben völlig Recht: Wilder kann man es auf der Leinwand kaum treiben. Doch mitzuerleben, wie der Film das ausreizt, ist ein höllisches Vergnügen. DiCaprio vergleicht seine Figur mit Caligula, dem zügellosesten aller römischen Cäsaren. Ein passendes Vorbild: Das Geschehen gleicht einem antiken Bacchanal, das alles niederwalzt, das sich nicht dem Malstrom von Wein, Weib und rock ’n‘ roll hingibt.

 

Indiskretionen aus den Glaspalästen

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung „Martin Scorsese“  – zum Gesamtwerk des Regisseurs in der Deutschen Kinomathek, Berlin

 

und hier einen Bericht über den Film Der große Gatsby von Baz Luhrmann mit Leonardo DiCaprio über die „Roaring Twenties“ in den USA

 

und hier eine Lobes-Hymne auf den Finanzmarkt-ThrillerDer große Crash – Margin Callvon JC Chandor mit Kevin Spacey

 

Bloß mit weniger Klasse: Belfort und seine buddies starten als Hamburger mampfende Vorstadt-Parvenüs, und das bleiben sie trotz Millionen auf dem Konto. Ihr Stil ist abgekupfert, ihr Geschmack vulgär – was umso deutlicher wird, je mehr Statussymbole und Luxusspielzeuge sie anhäufen. Die ersehnte Anerkennung der society können sie sich nicht erkaufen. Für die wahren Herren der Wall Street sind sie nur lästige Radaubrüder. Gewinnziele übererfüllt, Geschäftszweck verfehlt: Das ist die Moral des Films.

 

Wobei natürlich – zwei Jahrzehnte und Finanzkrisen später – sich fragt, was er zur heutigen Börsenpraxis zu sagen hat. Barocke Prachtentfaltung und dröhnend hinausposaunter Größenwahn sind derzeit passé: Die Strippenzieher des „too big to fail“ treten gemessen auf und schotten sich ab. Doch ab und zu dringen Indiskretionen aus ihren Glaspalästen nach draußen: wie abfällig trader intern über ihre Kunden reden, und wie hemmungslos sie weiter aberwitzigen Boni nachjagen.

 

Verachtung für den Rest der Welt

 

Seit 2008 hat sich wenig geändert; wie auch? Bei den einschlägigen Investmentbanken mag es feiner und berechenbarer zugehen als bei „Stratton Oakland“, aber die treibenden Prinzipien sind die gleichen: schrankenlose Gier, Rücksichtslosigkeit und höhnische Verachtung für den Rest der Welt, der von den Banken abhängig, aber offenbar außerstande ist, ihr Treiben effektiv zu kontrollieren. Wer nach dem Genuss dieses Films sein Geld noch an die Börse trägt, dem ist nicht zu helfen.


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