Wieland Speck

Was man dem Publikum zumuten kann

Nix digital - hier wird noch von Hand eingefädelt: Vorführraum des Cinemaxx, Hauptspielstätte der Berlinale. Foto: Jan Windszus © Berlinale 2010

Meister der Beziehungsgeschichte

 

Dazu die Beziehungsgeschichte "Arrête Ou Je Continue" von Sophie Fillières, in der Emmanuelle Devos und Mathieu Amalric mitspielen; in diesem Genre sind die Franzosen große Meister. Der Trip nach Paris ist jedes Jahr immer meine letzte Reise zur Filmauswahl und gleichzeitig die wichtigste.

 

Dieser Reise verdanken wir den Panorama-Eröffnungsfilm "Yves Saint Laurent". Dieser Film über die Karriere eines schwulen Modemachers in einer nicht-schwulen Welt macht großen Spaß und ist hervorragend besetzt.

 

Italien + Spanien bleiben schwach

 

Aus Griechenland kommt "Na Kathese Ke Na Kitas" ("Standing Aside, Watching"), der der neuen griechischen Welle zuzuordnen ist, genau wie der Wettbewerbs-Film "Stratos". Hellas ist in den letzten Jahren ein aufregendes Filmland geworden, sperrig und eigen.

 

Italien hat früher einmal mit seinen Filmen die Welt regiert, ist nun aber schon lange sehr abwesend, genau wie Deutschland in der Filmwelt lange sehr abwesend war. Auch Spanien, das für uns immer ein wichtiges Standbein war, ist relativ schwach. So geht es mit der Kreativität in den Ländern rauf und runter.

 

Furchtbare Filme aus Russland

 

In Indien scheint die Branche im Aufbruch. Entsteht dort ein Kino abseits der Bollywood-Filmfabriken?

 

Genau; diesmal haben wir zwei indische Filme im Programm. Auch in den letzten Jahren hatten wir immer wieder Filme im Programm, die teilweise mit Bollywood-Stars ganz andere Geschichten erzählten: etwa mit einer Frau in der Hauptrolle, was im Bollywood-System nicht vorgesehen ist.

 

Auch China wird in diesem Jahr sehr stark sein; obwohl es zu den Ländern zählt, in denen Geldflüsse stark kontrolliert werden. Wie in Russland, wo unheimlich viel Geld in die Filmindustrie gesteckt wird; dort entstehen ganz furchtbare Filme, mit denen wir nix anfangen können.

 

Das liegt nie an mangelnden Talenten; die sind immer da. Wie das Geld verteilt wird, zeigen die Filme, die dabei herauskommen. Als Festival versucht man, dagegen zu steuern: in eine Richtung, die wir gut und richtig finden.

 

Deutsches know how + Erfindungsreichtum

 

Wie steht es um den deutschen Film? Im Panorama läuft beispielsweise "Über-Ich und Du" von Benjamin Heisenberg.

 

Deutsche Filmemacher sind mit viel know how, aber auch Erfindungsreichtum bei der Sache. Das zeigt sich bei "Über-Ich und Du", aber auch bei "Stereo" von Maximilian Erlenwein. "Anderson" ist ein toller Dokumentarfilm über Sascha Anderson; eine große, schillernde Figur in Sachen Kunst und Künstlerleben der DDR.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier das Interview "Krisen können fruchtbar sein" mit Berlinale-Leiter Dieter Kosslick über Tendenzen und Höhepunkte der 63. Berlinale 2013

 

und hier eine Besprechung des Films "The Broken Circle" von Felix van Groeningen mit Veerle Baetens, Europäischer Filmpreis als Beste Darstellerin 2013.

 

Er war in der Szene im Prenzlauer Berg eine Schlüsselfigur; nach der Wende kam heraus, dass er Stasi-Spitzel war. Das hat Leute wie Wolf Biermann in schwere Krisen gestürzt; eine unglaubliche Geschichte.

 

Schwuler Fußballer in Ungarn

 

Den schwulen Fußballer-Film "Viharsarok" aus Ungarn rückt das Panorama in den Fokus.

 

Ein ungarischer Fußballspieler kehrt aus Deutschland nach Ungarn zurück und zieht in ein leeres Haus. Dorfjungen klauen ihm das Moped; er erwischt einen Dieb und macht ihn zu seinem Helfer. Er versucht, sich in der Puszta einzurichten, doch er ist vom westlichen Lebensstil angefixt und kommt mit den Grobianen auf dem Land nicht klar.

 

Irgendwann entsteht Liebe zwischen den beiden jungen Männern, was die anderen Männer dort merken. Es kommt zu Überfällen und allem, was man sich denken kann. Dann kommt ein anderer schwuler Fußballspieler aus Deutschland zu Besuch, von dem der Ungar vorher nichts wissen wollte. Ein ganz romantischer, toll gespielter Film.


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