Andreas Prochaska

Das finstere Tal

Greider (Sam Riley) kommt im Tal an. Foto: X-Verleih

(Kinostart: 13.2.) Perfekter Western aus Südtirol: Regisseur Andreas Prochaska lässt einen mysteriösen Fremden im verschneiten Berg-Dorf alte Rechnungen begleichen. Formvollendet sorgfältig inszeniert – als hätte Sergio Leone in den Alpen gedreht.

Der Wilde Westen ist keine Ortsangabe, sondern eine Geisteshaltung: Glückssuche, Überlebenskampf und Selbstjustiz. Kommen raue Wildnis und Pistoleros hoch zu Pferde hinzu, wird ein Film zum Western. Insofern hat der Österreicher Andreas Prochaska einen perfekten Western gedreht: in den Hochalpen.

 

Info

 

Das finstere Tal

 

Regie: Andreas Prochaska,

115 Min., Deutschland/  Österreich 2013;

mit: Sam Riley, Paula Beer, Tobias Moretti

 

Website zum Film

 

Dessen Handlung ist für das Genre so archetypisch, dass sie in einen Satz passt: Ende des 19. Jahrhunderts erscheint ein geheimnisvoller Fremder in einem abgeschiedenen Dorf, das von einer Bande Schurken terrorisiert wird, und räumt auf. Das Dorf könnte in New Mexico liegen, doch es befindet sich im Südtiroler Schnalstal, kaum fünf Kilometer von der Grenze zu Österreich entfernt. In der Nähe wurde Ötzi gefunden.

 

Landschafts-Fotografie mitten im Winter

 

Der Fremde namens Greider (feinfühlig cool: Sam Riley) kommt ironischerweise aus Amerika, wohin seine Mutter einst ausgewandert ist. Er gibt sich als Fotograf aus, der mitten im Winter Landschaftsaufnahmen machen will, und wird auf dem Hof einer Witwe einquartiert. Von den sechs Brenner-Brüdern, die im Ort das Sagen haben; der Wille ihres Vaters (archaisch grausam: Hans-Michael Rehberg) ist hier Gesetz.


Offizieller Filmtrailer


 

Clan-Boss beansprucht Hochzeitsnacht

 

Witwen-Tochter Luzi (ausdrucksstark: Paula Beer) ist von dem unerwarteten Gast angetan: Er bringt eine Ahnung von weiter Welt in die Enge des Dorflebens. Luzi will bald ihren Liebsten Lukas heiraten, doch zugleich graut ihr davor: Der alte Brenner beansprucht bei jeder Hochzeit das ius primae noctis. Noch nie hat ein frisch getrautes Paar gewagt, sich dem zu widersetzen.

 

Das wird Greider natürlich ändern, wie sämtliche Machtverhältnisse im Dorf; mit ihm verbindet den Fremden mehr, als es zunächst den Anschein hat. Dabei überrascht weniger, wie raffiniert er seine wahren Absichten verfolgt, als vielmehr, wie formvollendet Regisseur Prochaska das ins Bild rückt – unter denkbar unwirtlichen Bedingungen.

 

Gebirgs-Gefängnis auf Lebenszeit

 

Anstelle sengender Sonne über der Wüste hängt dichter Nebel über steilen Berghängen. Nadelwald-Dickicht verstellt den Blick; Schnee liegt so hoch, dass man bis zu den Waden einsackt. Dennoch gleitet die Kamera virtuos durchs Unterholz und kriecht behände in die massigen Holzhäuser der Dörfler, in denen jeder düstere Winkel schaudern lässt: ob des Leids, das sich hier zutrug.

 

Wettergegerbte Gesichter erzählen stumm vom Daseinsfron in ihrem gottverlassenen Nest. In diesem Gefängnis auf Lebenszeit sieht selbst die Feldstein-Kirche wie eine kahle Einzelzelle aus – vor grandios aufragender Gebirgskulisse. Doch die Berge sind Mauern, aus denen es kein Entrinnen gibt; außer durch gewaltsamen Tod.

 

Untertitel für Mundart fehlen

 

Mit dem ist Regisseur Prochaska vertraut. Er fing als Cutter von Michael Haneke an, drehte dann diverse TV-Krimis und landete 2006 einen Hit: Sein Horror-Thriller „In drei Tagen bist Du tot“ mit Dialekt sprechenden Laiendarstellern war der erfolgreichste Kino-Spielfilm des Jahres in Österreich.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Gold“  – Spät-Western über Goldsucher mit Nina Hoss von Thomas Arslan

 

und hier einen Beitrag über den Film “Django Unchained” – Italo-Western über die Südstaaten-Sklaverei von Quentin Tarantino

 

und hier einen kultiversum-Bericht über den Film Bergblut – packendes Historien-Drama über den Tiroler Aufstand 1809/10 von Philipp Pamer

 

Auch „Das finstere Tal“ hört sich absolut authentisch an; manche Mundart-Dialoge könnte man untertiteln. Denn die Tonspur ist häufig lebenswichtig: Knirschen im Schnee, tropfende Eiszapfen oder Glockenläuten kündigen Unheil oder Rettung an. Auf Klangeffekte verwendet Prochaska ebenso viel Mühe wie auf die Bilder.

 

Todessturz in Rasier-Wasserschale

 

Dabei übernimmt er manches vom Übervater des Genres, Sergio Leone, wie die Wechsel von extrem nahen Porträt-Aufnahmen zu Panorama-Totalen. Andere Schnitte sind völlig eigenständig und originell; etwa vom Sturz in den Abgrund zu einer Wasserschale, mit der sich der Fremde rasiert. Da wird glasklar, wer beim Unfall seine Hand im Spiel hatte.

 

Oder der Prototyp einer Bob-Bahn, auf der die Brenner-Brüder Holz ins Tal schaffen; ein bekanntlich hochriskanter Sport. An solchen liebevoll in Szene gesetzten Details zeigt sich die ungeheure Sorgfalt, mit der dieser Film komponiert wurde; keine Einstellung und kein Wortwechsel sind zuviel. Und wenn die alte Fabel von der Befreiung aus Tyrannei und Bestrafung der Übeltäter zu Ende erzählt ist, wird deutlich: Die Wahrheit des Western passt auch zu Südtirol.


Diesen Artikel drucken