München

Happy Birthday! 20 Jahre Sammlung Goetz

William Copley: Three Graces, 1965, Öl auf Baumwolle. Fotoquelle: Sammlung Goetz
Eine der größten deutschen Privat-Kollektionen von Gegenwartskunst feiert Geburtstag. Zum Jubiläum stellt Ingvild Goetz Prunkstücke ihrer Sammlung aus; im Haus der Kunst sind Videos zum Verhältnis von bewegten und unbewegten Bildern zu sehen.

Sie schlafen tief, in Seitenlage dicht an dicht; weniger als zwei Quadratmeter Platz bleibt jedem der chinesischen Wanderarbeiter im Massen-Schlaflager. Zhao Liang dokumentiert in seiner entschleunigten Zwei-Kanal-Videoinstallation „Heavy Sleepers“ nicht nur bedrückende Lebensumstände, sondern verdeutlicht auch, warum diese modernen Sklaven kaum Zeit oder Kraft zur Rebellion gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen haben: Sie sind zu müde.

 

Info

 

Happy Birthday! 20 Jahre Sammlung Goetz

 

24.10.2013– 12.04.2014

donnerstags + freitags

14 bis 18 Uhr, samstags

11 bis 16 Uhr nach telefonischer Anmeldung in der Sammlung Goetz, Oberföhringerstr. 103, München

 

Weitere Informationen

 

Bilder in der Zeit - Sammlung Goetz im Haus der Kunst

 

25.01.2014 - 15.06.2014

donnerstags 10 bis 22 Uhr, freitags - sonntags bis 20 Uhr im Haus der Kunst, Prinzregentenstraße 1, München

 

Weitere Informationen

 

„Heavy Sleepers“ ist eines der eindrücklichsten Werke aus der Sammlung Goetz, die derzeit im Bunker des Hauses der Kunst unter dem Titel „Bilder in der Zeit“ zu sehen sind. Seit 2011 zeigt die Münchner Sammlerin Ingvild Goetz hier in wechselnden Formaten ihre Bestände.

 

Alles dem Land Bayern überlassen

 

In einer weiteren Ausstellung feiert zudem Goetz den 20. Geburtstag ihrer Kollektion, die sie im Herbst letzten Jahres zum Teil dem Land Bayern schenkte: die Medienkunst und das Gebäude ihres Privatmuseums. Alle anderen Exponate der insgesamt 4700 Werke umfassenden Sammlung überließ sie dem Freistaat als Dauerleihgabe.

 

Das 1993 von den Star-Architekten Herzog & de Meuron erbauten Domizil der Sammlung Goetz war damals ein für München sensationell avantgardistischer Riegel-Bau. Nun werden dort 50 Arbeiten von zehn Künstlern präsentiert, die schon lange nicht mehr oder noch nie zu sehen waren.

 

Zehn Werke von Louise Bourgeois

 

Das größte Paket innerhalb der Jubiläumsschau wurde von Künstlerinnen geschaffen. Allein zehn Werke von Louise Bourgeois; darunter die textile Plastik „The Couple“ von 2004, ein puppenhaft-kleines Paar in Umarmung, oder die aussagestarke Bronzeplastik „Le Père“ (1998). Sie besteht aus einem großen Stuhl, unter den sich drei kleine Stühlchen quetschen.


Interview (in Englisch) mit Ausstellung-Leiter Stefan Urbaschek + Impressionen der Sammlung Goetz; © crane.tv


 

Phalluspralle Phantasmagorien

 

Yayoi Kusama, die von 1958 bis 1972 in New York lebte und mit dem minimal art-Pionier Donald Judd liiert war, kreierte in den 1970er Jahren mit ihren phallusprallen Phantasmagorien wie „Sex Obsession“ und „The End of Summer“, wenn man so will, auch eine Möglichkeit von minimal art.

 

Ihre grazilen frühen Zeichnungen von Vögeln und Fischen sind jedoch noch sehenswerter. Ebenfalls sexuell konnotiert, wenn auch nicht so drastisch, sind abstrakt biomorphe Plastiken aus Gips und Bronze der Tschechin Mária Bartuszová. Diese Künstlerin ist eine von Goetz’ späten Entdeckungen, ebenso wie die Rumänin Geta Bratescu.

 

Monströses pittoresk, Niedliches schaurig

 

Großformate von Anselm Kiefer, darunter zwei aus dem Zyklus „Die Ungeborenen“ (2010/12) sowie das düster-kalte Werk “Der Wolken heiter Stimmung“ von 2011, sehen so aus, wie man sich Kiefers Bilder vorstellt: Handwerklich aufwändig, schrecklich ästhetisch, stark aufgeladen, aber ohne überraschende Erkenntnisse.

 

Schnörkellos und immer noch packend subtil wie eine Familienaufstellung erscheinen dagegen George Segals Gipsfiguren in dem environment „Die Legende von Lot“ von 1966. Kindliche Schaulust wecken vier Spiel-Karusselle von Hans-Peter Feldmanns: In Endlosschleife flackern Schatten an der Wand, die wahlweise Monströses pittoresk und Niedliches schaurig aussehen lassen.

 

Kontrastreiches im Haus der Kunst

 

Die Video-Präsentation im Haus der Kunst ist kontrastreich und lose thematisch sortiert. Alle 13 Projektionen reflektieren Gemeinsamkeiten von bewegten und unbewegten Bildern: etwa das tableau vivant „The Servant“ von Sam Taylor-Wood, in dem alles still steht und nur die Flamme eines Feuerzeugs flackert.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Vidéo Vintage 1963-1983"  - frühe Video-Kunst aus der Sammlung des Centre Pompidou Paris im  ZKM | Medienmuseum, Karlsruhe

 

und hier einen Bericht über das Festival “Kino der Kunst” mit Filmen von bildenden Künstlern in München

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Geschichten im Konflikt" über "Das Haus der Kunst + der ideologische Gebrauch von Kunst 1937-1955" im Haus der Kunst, München

 

Dass auch die Natur unbewegte Bilder kennt, führt Florian Pumhösl vor. Er beobachtet in Schwarzweiß die Gymnastik der Stabheuschrecke: Man sieht, wie die Tiere sich recken, strecken und Blätter verzehren. Aber in ihrer Regungslosigkeit sind sie nicht von den Ästen zu unterscheiden, auf denen sie sitzen – Camouflage in Bestform.

 

Blick ins Gartenbeet

 

Peter Fischli & David Weiss werfen einen melancholischen Blick ins Gartenbeet mit Rosen, Kohl, Astern und Tomaten: Sie lassen den Lauf der Dinge mittels Doppelbelichtung und Überblendung zum vanitas-Gemälde zusammenschnurren.

 

Nicht Natur, sondern Kunst dient als Ausgangspunkt für Kathrin Sonntags ideenreiche Dia-Inszenierungen „ANNEX“: Sie arrangiert um Abbildungen der Werke von Künstlern wie Klee, Kandinsky und Miró in einem Auktions-Katalog andere Formen und Fundstücke herum, so dass neue Gesamtkunstwerke entstehen.

 

Lebendige Kriegskrüppel

 

Auch Yael Bartana greift auf ein Kunstwerk zurück: Für seine Arbeit „Entartete Kunst lebt“ erweckt er mittels Zeichentrick die „Kriegskrüppel“ aus dem gleichnamigen, verschollenen Gemälde von Otto Dix zum Leben. Sie wirken wesentlich lebendiger als die Protagonisten von Zhao Liang – obwohl seine „Heavy Sleepers“ ganz sicher kein „Stillleben mit Schläfern“ sind.


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