Abbas Kiarostami

Like Someone in Love

Cruising durch Tokio: Studentin Akiko (Rin Takanashi) auf dem Weg zum nächsten Callgirl-Kunden. Foto: Peripher Filmverleih

(Kinostart: 27.2.) Quatschen, bis der Gehörnte kommt: Ein alter Gelehrter bestellt ein Callgirl, doch aus dem Schäferstündchen wird nichts. Stattdessen lässt der iranische Regisseur Kiarostami seine japanischen Schauspieler ausufernd palavern.

Exil macht redselig. In Abbas Kiarostamis letzten beiden Filmen, die im Ausland entstanden sind, wird wahrscheinlich mehr gesprochen als in all seinen früheren zusammen. Obwohl seine im Iran gedrehten Werke keineswegs wortkarg waren: Manchmal debattierten die Protagonisten ausgiebig und tiefschürfend existentielle Fragen.

 

Info

 

Like Someone in Love

 

Regie: Abbas Kiarostami,

108 Min., Japan/ Frankreich 2012;

mit: Rin Takanashi, Tadashi Okuno, Ryo Kase

 

Weitere Informationen

Dazwischen gab es jedoch stets ausgedehnte Passagen ohne eine Silbe. In langen Einstellungen verließ sich der Nestor der iranischen Autorenfilmer ganz auf die Wirkung seiner Bilder. Das ist offenbar vorbei. Der spontane Toskana-Tagesausflug von Juliette Binoche und William Shimell in „Die Liebesfälscher – Copie Conforme“ von 2010 wird nur durch die unablässige Unterhaltung der beiden zusammengehalten.

 

Wankelmütiges girlie als Callgirl

 

In „Like Someone in Love“ geht es genauso geschwätzig zu; was umso mehr auffällt, weil das Personal kaum so geistreich parliert wie Binoche und Shimell in ihren vor Esprit funkelnden Rededuellen. Das sollte man den Beteiligten nachsehen: Studentin Akiko (Rin Takanashi) verdient sich als Callgirl etwas hinzu, ist aber ein wankelmütiges girlie. Wenn sie unsicher ist, was oft vorkommt, muss sie ihre Freundin um Rat fragen.


Offizieller Filmtrailer, Englisch untertitelt


 

Escort lady mit Suppe + Wein bewirten

 

So hat ihr Zuhälter seine liebe Mühe, sie zu ihrem nächsten Kunden zu bugsieren. Akiko fühlt sich eher verpflichtet, ihre Oma aus der Provinz zu treffen, die für einen Tag nach Tokio angereist ist, lässt sich aber schließlich breitschlagen. Nach langer Taxifahrt in eine Vorstadt landet sie bei Herrn Takashi (Tadashi Okuno): Der pensionierte Soziologie-Professor empfängt sie in seiner Wohnung voller Bücher.

 

Als Galan alter Schule hat er Suppe gekocht und will mit seiner escort lady bei einem Glas Wein plaudern, doch die müde Akiko schläft bald ein. Das weckt beim Gastgeber väterliche Instinkte: Am nächsten Morgen kutschiert er sie zur Uni. Dort treffen beide auf ihren eifersüchtigen Freund Noriaki (Ryo Kase); ihm stellt sich Takashi als Akikos Großvater vor.

 

Ladehemmung bei allen Akteuren

 

Da Takashis Wagen streikt, repariert Noriaki ihn in seiner Auto-Werkstatt. Nach einigem Hin und Her treffen die Hobby-Hure und ihr Pseudo-Opa wieder in dessen Haus ein. Hier muss Akiko die langatmige Tirade einer neugierigen Nachbarin über sich ergehen lassen, die behauptet, sie hätte den alten Herrn einst geliebt und beinahe geheiratet. Bis sich unversehens die Handlung überschlägt: Noriaki entpuppt sich als ungestümer Mann der Tat.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Die Liebesfälscher – Copie Conforme“ – Liebesdrama mit Juliette Binoche von Abbas Kiarostami

 

und hier einen Bericht über den Film „Guilty of Romance“  – brillanter japanischer Erotik-Psycho-Thriller von Sion Sono

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Stille und bewegte Bilder“ mit Fotografien von Abbas Kiarostami in Bochum, Wiesbaden + Chemnitz.

 

Was nach vielen weitschweifigen Wortwechseln total überrascht: Aktion ist möglich. Man kann nicht nur endlos räsonieren und abwägen, sondern tatsächlich handeln. Ansonsten leiden alle Akteure unter einer Art Ladehemmung: Sie würden gerne, können sich aber nicht so recht entscheiden, kurzfristig disponieren sie um, und dann ist es zu spät.

 

Behäbig dahinplätschern wie das Leben

 

Als sarkastischer Kommentar zur Welt der käuflichen Liebe ist das ganz treffend. Keiner kriegt, was er erhofft: Das leichte Mädchen kein schnelles Geld bei unkomplizierten dates, der rüstige Rentner kein prickelndes Schäferstündchen und der aufbrausende Mechaniker keinen Kontakt zur Familie seiner Verlobten. Stattdessen verheddern sich alle in einem Netz aus Notlügen, aufkeimenden Sympathien, Verantwortungsgefühl und Verpflichtungen.

 

Das breitet der Film in Sequenzen aus, die so behäbig dahinplätschern wie wahres Leben: Dass sich Handlung raffen lässt, ignoriert Kiarostami. Geduldig folgt die Kamera dem Wagen des Professors, wenn er im Schritttempo durch die Straßen schleicht; hört Akiko zehn Nachrichten ihrer Oma auf dem Handy ab, wird kein Räuspern ausgelassen.

 

Völlig auf Mimik konzentriert

 

Angeblich hat der Regisseur während der Dreharbeiten genossen, dass er kein Wort von den japanischen Dialogen seiner Darsteller verstand; so konnte er sich völlig auf ihre Mimik konzentrieren. Das mag für ihn beim Aufnehmen die reine Freude gewesen sein; beim Zusehen weniger.


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