Charlotte Gainsbourg

Ich war für anstößigen Sex zuständig

Charlotte Gainsbourg, Hauptdarstellerin in "Nymphomaniac". Foto: Wikipedia

Für Lars von Trier würde Charlotte Gainsbourg beim Dreh alles tun, doch das Skript zu „Nymphomaniac“ jagte ihr Angst ein. Im Interview spricht sie über seinen respektvollen Umgang mit Schauspielern wie Porno-Darstellern – und seine Liebe zu Frauen.

Mme. Gainsbourg, wie würden Sie Ihre Beziehung zu Lars von Trier beschreiben, unter dessen Regie Sie bereits drei Filme gedreht haben?

 

Jeder Film ist für mich wieder eine völlig neue Erfahrung, und jedes Mal überrascht er mich von neuem. Wir haben eine sehr rätselhafte Beziehung zueinander, weil er sehr rätselhaft ist. Aber das mag ich daran, denn ich möchte gern zu seiner Film-Familie gehören.

 

Info

 

Nymphomaniac – Teil 1

 

Regie: Lars von Trier

118 Min., Dänemark/ Deutschland/ Frankreich 2013

mit: Charlotte Gainsbourg, Shia LaBeouf, Stellan Skarsgård, Stacy Martin

 

Website zum Film

 

Manchmal habe ich das Gefühl, ich gehöre dazu, manchmal auch nicht. Man kann Lars von Trier schwer einschätzen. Insofern bin ich sehr glücklich darüber, inzwischen drei Filme mit ihm gedreht zu haben, mit denen er mich jeweils an ganz unterschiedliche Orte geführt hat.

 

Verstand vom Skript nur die Hälfte

 

Mussten Sie trotzdem erst einmal in sich gehen, als er Ihnen das Drehbuch zu „Nymphomaniac“ anbot, oder war für Sie sofort klar, dass Sie mitmachen?

 

Ich bin sicher, dass ich jeden Film mit ihm machen würde. Was aber nicht heißt, dass ich furchtlos zu den Dreharbeiten komme. In diesem Fall war ich sogar sehr ängstlich vor dem, was mich erwartet. Schon als ich das Drehbuch las, war ich sehr überrascht, weil er so etwas zuvor noch nie geschrieben hatte.

 

So eine verrückte Geschichte, die in Kapiteln aufgeteilt ist, hatte ich nicht erwartet. Aber gleichzeitig gefiel mir genau das daran. Das Skript zu lesen war aufregend, obwohl ich zuerst nur die Hälfte von dem verstand, was er da schrieb. Ich musste wirklich nochmals selbst recherchieren, um alles zu verstehen.


Offizieller Filmtrailer


 

Bei SM-Szene an 50-jährigen Bullen gedacht

 

Vermutlich gehört dazu auch die Sadomasochismus-Szene, in der Sie von Jamie Bell gefesselt und gefoltert werden, um erotische Lust zu verspüren? 

 

Ja, das empfand ich wirklich als sehr seltsam und verstörend. Ich fühlte mich wirklich bloßgestellt und war peinlich berührt, diese Szenen zu drehen; aber ich wollte sie durchstehen. Schließlich hatte mich Lars nicht zu diesem Film gezwungen, sondern ich wollte ihn machen.

 

Ich fand auch sehr clever von ihm, dass er Jamie Bell die Rolle meines SM-Partners gab. Beim Lesen dieser Szene dachte ich an einen bulligen Kerl um die 50 Jahre. Doch Jamie ist ein süßer und jungenhafte Mann, und damit bekommt das Ganze eine weitere Ebene.

 

Mix aus Porno-Körpern und Schauspieler-Köpfen

 

Aber Sie wurden nicht wirklich von Jamie Bell geschlagen, oder?

 

Nein, nein, es wurde viel mit Make-up und Prothesen gearbeitet. Erst in der Nachbearbeitung und beim Schnitt ist die Szene so zusammengefügt worden, dass man wirklich den Eindruck hat, es wäre alles echt. Genauso wurde bei den pornografischen Szenen vorgegangen.

 

Die expliziten Szenen sind jedes Mal ein Mix von Einstellungen mit Porno-Darstellern, die wirklich miteinander Sex haben, kombiniert mit den Gesichtern von mir und den anderen Schauspieler. Das ist alles ziemlich gut gemacht, finde ich.

 

Gute + geborgene Atmosphäre am Set

 

Sie mussten also keine einzige Sexszene selbst drehen?

 

Nein, keine einzige. Von Anfang an war klar geregelt, dass wir Schauspieler dafür nicht zur Verfügung stehen, und dass es keinerlei Manipulationen in diese Richtung geben würde. Das war die Abmachung. Lars ist sehr respektvoll mit uns umgegangen, wie auch mit den Porno-Darstellern. Es passierte alles in einer guten und geborgenen Atmosphäre.

 

Ein schönes Porträt einer Frau

 

Würden Sie „Nymphomaniac“ als einen feministischen Film bezeichnen?

 

Das kann ich nicht sagen. Ich finde, es ist ein Film über eine Frau, die sich mit all ihrer Lust und all ihrem Leiden selbst porträtiert. Anfangs stellt sie sich als schrecklichen Menschen dar, doch gegen Ende versteht sie besser, wer sie ist. Für mich ist es ein schönes Porträt einer Frau. Aber ist es feministisch, wie sie ihre eigene Sexualität darstellt? Ich weiß es nicht!

 

Wollte Lars von Trier mit diesem Film nicht ursprünglich die weibliche Sexualität feiern? Doch dann stellt er Ihre Figur als besessen dar. Sie wird gefoltert und muss wirklich leiden.

 

Es wurde ja schon öfters behauptet, dass Lars von Trier Frauen hassen würde. Ich glaube jedoch, dass er die Frauen liebt, sonst würde er ihnen in seinen Filmen nicht so viel Tiefe und Empathie geben.

 

Drittes Kind vor den Dreharbeiten

 

Auch ohne Sexszenen sind Sie sehr oft nackt zu sehen, was Ihnen anscheinend nichts ausmacht. Woher haben Sie diese Freizügigkeit?

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Nymphomaniac“ mit Charlotte Gainsbourg von Lars von Trier

 

und hier einen Beitrag über das Weltuntergangs-Epos Melancholia mit Charlotte Gainsbourg von Lars von Trier

 

und hier einen Bericht über den Film „Confession“ – Historien-Liebesdrama mit Charlotte Gainsbourg + Pete Doherty von Sylvie Verheyde

 

Es ist schon unangenehm für mich, völlig nackt vor einer Kamera zu agieren. Da ich vor den Dreharbeiten mein drittes Kind bekam, war es mir sogar etwas peinlich. Dabei musste ich mich für „Nymphomaniac“ weit weniger ausziehen als Stacy Martin, die meine Figur als junge Frau spielt. Sie hatte eigentlich die schönen Sex-Momente, während ich für die anstößigen zuständig war (lacht).

 

Mehr Sexszenen in der Langversion

 

Was denken Sie darüber, dass „Nymphomaniac“ zuerst auf der Berlinale vorgestellt wurde?

 

Es war großartig, dass auf dem Festival die lange Version gezeigt wurde. Ich kenne zwar die Vierstunden-Fassung fürs Kino, habe aber zuerst die viereinhalbstündige Langversion gesehen und das Gefühl: Das ist der Film, den Lars von Trier machen wollte.

 

Natürlich wurden aus der kürzeren Version etliche harte Sexszenen entfernt, aber darum geht es in der Langfassung gar nicht, sondern um den Geist des Films. Ich hoffe nur, dass die Kinozuschauer nach der Vier-Stunden-Version trotzdem noch neugierig auf die Langfassung sind.


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