Sérgio Andrade

A Floresta De Jonathas – Im Dunklen Grün

Jonathas (Begê Muniz) sucht für Milly im Wald wilde Passionsfrüchte. Foto: Bildkraft

(Kinostart: 6.3.) Wo die wilden Maracujas wachsen: Ein Junge wohnt mit seiner Familie am Rand des Urwalds – und geht verloren, als er etwas wagt. Regisseur Andrade zeigt authentisch das Leben in Amazonien, findet sich aber im Dschungel kaum zurecht.

Todo bem: Positives Denken ist neben Fußball Brasiliens zweite National-Sportart. Dafür braucht es nicht viele Worte. Hat man es eilig und will Scherze oder Nachfragen unterbinden, bevor sie in lange Gespräche ausufern, genügt es, den Daumen nach oben zu recken – schon sind alle zufrieden.

 

Info

 

A Floresta De Jonathas – Im dunklen Grün

 

Regie: Sergio Andrade,

99 Min., Brasilien 2012;

mit: Begê Muniz, Francisco Mendes, Viktoryia Vinyarska, Ítalo Castro

 

Website zum Film

 

Solche unkomplizierten Umgangsformen führt „A Floresta De Jonathas“ ganz entspannt vor. Mit einem Familien-Porträt aus einem Landesteil, von dem schon die Küstenbewohner kaum etwas wissen, geschweige denn die restliche Welt: Amazonien, das in Brasilien el norte („der Norden“) genannt wird.

 

Brasilien nur bei Wahlen

 

Die Urwald-Region um den wasserreichsten Strom der Erde mit unzähligen Nebenflüssen ist trotz Abholzung immer noch die größte Waldfläche der Erde. Das dünn besiedelte und mit den Metropolen am Atlantik nur durch wenige Routen verbundene Gebiet ist eine Welt für sich. „Nur Wahlen erinnern mich daran, dass auch hier noch Brasilien ist“, sagt Juliano (Ítalo Castro), der ältere Bruder der Hauptfigur.


Offizieller Filmtrailer


 

Familienleben am Rand der Überlandstraße

 

Jonathas (Begê Muniz) macht sich keine solchen Gedanken. Wenn er nicht Gitarre spielt, zieht er mit seinem Vater (Francisco Mendes) in den Wald, um tropisches Obst von den Bäumen zu pflücken. Das verkauft er in einer hölzernen Bude am Rand der Überlandstraße, wo seine Familie wohnt. Sie lebt von den mageren Erlösen und Kleinvieh, das sie hält.

 

Eine bescheidene Existenz, aber es scheint ihnen an nichts zu mangeln: Alle sind guter Dinge. Mehr Klamotten als T-Shirts, Shorts und Turnschuhe brauchen die Jungs nicht. Dann hält eines Tages ein Auto mit fremden Grazien; Juliano, der gern flirtet, freundet sich mit ihnen an.

 

Wilde Maracujas mit Wunderkräften

 

Er nimmt anderntags seinen kleinen Bruder mit auf ein Camping-Wochenende im Dschungel. Bezahlt von Milly (Viktoryia Vinyarska), einer in den USA lebenden Ukrainerin mit offenbar wohlhabenden Eltern. Ihr gefällt der schüchterne Jonathas; er erzählt ihr von wild wachsenden Maracujas mit Wunderkräften, was die Touristin natürlich fasziniert.

 

Ganz romantischer Schwärmer, zieht Jonathas heimlich los, um für Milly die seltenen Früchte aus dem Wald zu holen. Die Suche nach ihnen verläuft schwieriger als gedacht; bald muss sich der Passionsfrucht-Jäger eingestehen, dass er weder wilde Maracujas noch den Weg zurück findet.

 

Schweigen zwischen Einwanderern + Ureinwohnern

 

In diesem Dickicht müsste sich Regisseur Sérgio Andrade eigentlich auskennen: Er wurde in Amazoniens Hauptstadt Manaus geboren. Das Lebensgefühl dieser abgelegenen Weltgegend entfaltet er in seinem Debütfilm so locker wie anschaulich. Auch wenn sie ihre Reais an der Landstraße verdienen, sind die Jugendlichen keine Hinterwäldler. Morgens fahren sie mit dem Bus zur Schule; danach übt Juliano breakdance moves zur Musik seines mp3-players.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Paulista– Geschichten aus São Paulo” – metrosexuelle Liebes-Dramen in Brasilien von Roberto Moreira

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Brasiliana“ mit Installationen von 1960 bis heute in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt/ Main

 

und hier einen Bericht über den Film““Der Fluss war einst ein Mensch” – beeindruckendes Psycho-Drama über eine Odyssee in der Wildnis Afrikas von Jan Zabeil

 

Als die Ausflügler am Flussufer baden, führt ihnen ein Indio ein traditionelles Ritual vor; das wirkt keine Sekunde lang aufgesetzt oder voyeuristisch. Später kommen drei weitere Indio-Teenager auf einem Waldweg vorbei – auf skateboards. Da bleiben alle stumm; beide Gruppen haben sich nichts zu sagen. Wie Einwanderer und Ureinwohner auf nationaler Ebene bis heute.

 

Unglaubwürdige Urwald-Verirrung

 

Nach dem Verschwinden von Jonathas sorgen sich auch seine Eltern schweigend. Die Mutter füllt mit seinem Passbild eine Avocado, mit ihrem Fruchtfleisch seift sich der Vater rituell ein. Diese magischen Praktiken werden kommentarlos gezeigt; der Film registriert wertfrei, was Zaungäste ebenfalls sähen.

 

Leider legt der Film seine dezente Diskretion ab, wenn er im letzten Drittel seinem Helden ins Unterholz folgt. Um die aufsteigende Panik eines Verirrten darzustellen, bräuchte es einen besseren Schauspieler als Begê Muniz: Flackernde Blicke und zielloses Stapfen im Kreis erscheinen kaum glaubhaft bei einer Figur, die am Rande des Urwalds aufgewachsen ist.

 

Orientierungslose Manaus-Städter

 

Diese Szenen sehen aus, als seien Regisseur Andrade und sein Team mit dem tatsächlichen Wesen des Dschungels ebenso wenig vertraut wie deutsche Wandervögel. Manaus hat immerhin zwei Millionen Einwohner; da muss man die Stadt nicht ohne Not verlassen. So geht dieser wunderbar authentisch wirkende Einblick ins Dasein am Rande des Urwalds spürbar in die Irre, sobald er sich ins dunkle Grün hineinwagt.


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