Milo Rau

Die Moskauer Prozesse

"Pussy Riot"-Mitglied Katja Samuzewitsch wird als Zeugin der Verteidigung verhört. © IIPM / Maxim Lee. Foto: Real Fiction Filmverleih

(Kinostart: 20.3.) Kreml und Kirche kopulieren: Regisseur Milo Rau lässt in Moskau drei Gerichtsverfahren gegen Künstler nachspielen. Seine Schauprozess-Doku bietet tiefe Einblicke in das vormoderne Weltbild der moralischen Mehrheit in Russland.

„Postdramatisches Theater“ klingt wie ein Widerspruch in sich. Anstelle von Dramen bringt solches Theater ungefilterte Wirklichkeit auf die Bühne: Minderheiten und Randgruppen führen ihr Dasein voller Erniedrigungen und Beleidigungen vor. Häufig wird daraus banale Verdoppelung der Realität – für ein Publikum, das sich ihren Zumutungen nur im Schutzraum des Kulturbetriebs aussetzen mag.

 

Info

 

Die Moskauer Prozesse

 

Regie: Milo Rau,

86 Min., Russland/ Deutschland 2013; 

mit: Maxim Schwetschenko, Anna Stavickaja, Katja Samuzewitsch

 

Weitere Informationen + Kinoliste

 

Bei Schauprozessen ist das anders: Solche Gerichtsverfahren sind selbst eine Art Theater, dessen Textvorlage die Mächtigen verfasst haben. Die Aufführung soll ein vorher festgelegtes Urteil nur bestätigen und begründen – gleichsam als öffentliches re-enactment dessen, was hinter verschlossenen Türen ausgebrütet wurde.

 

Extremfälle der Zeitgeschichte

 

Insofern passt die Inszenierung der „Moskauer Prozesse“ von Milo Rau perfekt zum Sujet. Der Schweizer Theatermacher hat schon einige Extremfälle der Zeitgeschichte auf die Bühne gebracht: von der Erschießung des rumänischen Diktatoren-Ehepaars Ceauçescu über Völkermord-Propaganda im Radio von Ruanda bis zum Weltbild des norwegischen Rechtsterroristen Anders Behring Breivik. Doch bei diesem Justiz-Spektakel sind Form und Inhalt so deckungsgleich wie nie zuvor.


Offizieller Filmtrailer


 

Letzte Enklave der liberalen Intelligenzija

 

Der Titel erinnert nicht zufällig an die drei großen Schauprozesse, mit denen Stalin Ende der 1930er Jahre seine parteiinterne Konkurrenz liquidierte. Die neuen Moskauer Prozesse der Putin-Ära begannen 2004 gegen die Organisatoren der Ausstellung „Vorsicht, Religion!“ und drei Jahre später gegen diejenigen der Schau „Verbotene Kunst – 2006“.

 

Beide Ausstellungen waren zuvor von christlich-orthodoxen Eiferern gestürmt und zerstört worden, weil sie angeblich ihren Glauben beleidigten. Die Kuratoren wurden bezichtigt, sie hätten religiösen Hass geschürt. In einer kleinen Enklave: Die Ausstellungen fanden im Sacharow-Zentrum statt. Der abgelegene Mehrzweck-Bau ist einer der letzten Rückzugsorte der regierungskritischen Moskauer Intelligenzija; hier pflegt sie noch eine freigeistige Atmosphäre, die im übrigen Land längst verschwunden ist.

 

Prozess-Akteure übernehmen gleiche Rollen

 

2012 folgte der Prozess gegen „Pussy Riot“: Für ihr 40-sekündiges „Punk-Gebet“ in der Christus-Erlöser-Kathedrale wurden drei Mitglieder der Frauen-Gruppe wegen „Rowdytums aus religiösem Hass“ zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Bei allen drei Fällen wurde die Öffentlichkeit erst durch Strafverfolgung darauf aufmerksam; in der gelenkten und zensierten Medien-Berichterstattung Russlands kamen fast nur Vertreter von Staatsmacht und -kirche zu Wort.

 

Regisseur Rau will das ändern. Sein Verfahren läuft ebenfalls im Sacharow-Zentrum ab; Anklage und Verteidigung haben gleiches Rederecht. Sie berufen „Experten“ in den Zeugenstand, die für ihre jeweilige Sache argumentieren: Künstler, Akademiker, Priester und orthodoxe „Aktivisten“. Zu Gericht sitzt eine Jury von sieben Geschworenen; die einzigen Laien bei einer Profi-Veranstaltung, deren Akteure meist die gleichen Rollen übernehmen wie in den drei realen Prozessen.

 

Verhandlung über Gesellschafts-Ordnung

 

An drei Verhandlungstagen werden die Prozesse aufgerollt: mit Beweisaufnahmen, Kreuzverhören und Plädoyers. Der Regisseur respektiert die Unabhängigkeit der Justiz und hält sich völlig im Hintergrund. Erst als die Außenwelt hereinbricht, muss er eingreifen: Plötzlich lässt die Einwanderungs-Behörde alle Pässe kontrollieren. Kurz darauf tauchen Kosaken auf, die „antireligiöse Propaganda“ unterbinden wollen.

 

Als Tumult und Abbruch drohen, verbünden sich beide Parteien miteinander: Sie wollen ihre Inszenierung unbehelligt zu Ende führen. Im Gerichtssaal streiten sie dann wieder bis aufs Messer: Die Wortschlachten gehen inhaltlich weit über die drei Prozesse hinaus. Verhandelt wird nichts Geringeres als die Werte-Ordnung der russischen Gesellschaft.

 

Nachlässige Auftritte der Verteidigung

 

Recht defensiv wirkt die Strategie von Verteidigerin Anna Stavickaja. Sie versucht, den Schlägern einer „orthodoxen Kampfsport-Gruppe“ Widersprüche nachzuweisen: Wenn sie Kunst-Ausstellungen zertrümmerten, in denen religiöse Embleme auftauchten, dann zerstörten sie damit ihnen heilige Symbole, die sie zu schützen vorgäben.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der  Presseschau  bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier ein Interview mit den Regisseuren Mike Lerner + Maxim Posdorowkin über ihre Doku „Pussy Riot − A Punk Prayer“ zur Verfolgung der russischen Aktivisten-Gruppe

 

und hier einen Bericht über den Vortrag von Kunsthistorikerin Jekaterina Degot über revolutionäre Staatskunst in der Sowjetunion auf den „Künstler-Kongressen“ der dOCUMENTA (13)

 

und hier einen Beitrag über die Dokumentation „Der Fall Chodorkowski“ von Cyril Tuschi über den Prozess gegen den russischen Oligarchen Michail Chodorkowski.

 

Auch die achtlose Argumentation der Kunsthistorikerin und -kritikerin Jekaterina Degot verwundert: Sie verbreitet sich über die Bedeutung von Kunst und wirft den Angreifern „faschistische“ Geisteshaltung vor, verschwendet aber kein Wort auf die in der Verfassung garantierte Meinungsfreiheit. Vertrauen die Verteidigerinnen darauf, im Sacharow-Zentrum ein Heimspiel zu haben? Oder liegt ihr nachlässiges Gebaren an Resignation – wissend, dass Liberale in Russland eine winzige Minderheit sind?

 

Kreml + Kirche kopulieren

 

Dagegen tritt die Anklage mit Aplomb auf. Wortgewaltig wettert der Journalist und TV-Moderator Maxim Schwetschenko gegen „liberal-faschistisches“ und „liberal-totalitäres“ Gedankengut – auf solche Neuschöpfungen des politischen Vokabulars muss man erst einmal kommen. Lautstarke Unterstützung erhält er von diversen Glaubenskämpfern, die für die Einheit von Kirche, Staat und Nation streiten.

 

Ihre Aussagen sind für westliche Ohren besonders aufschlussreich: Da kommt ein vormodernes Weltbild zum Vorschein, das jeden Zweifel oder Kritik an vermeintlich ewigen Wahrheiten für blasphemischen Frevel hält – der vom gottlosen und verruchten Westen ausgeht. Wie bei evangelikalen Sekten oder radikalen Islamisten – doch in Russland agieren solche Leute mit Billigung der Staatsmacht. Das „Kopulieren“ von Kreml und Kirche nennt es der russisch-orthodoxe Priester-Dissident Gleb Jakunin.

 

Nächstes Drama auf der Krim

 

Zumindest im Sacharow-Zentrum setzen sich die Rechtgläubigen nicht durch: Die Geschworenen-Jury spricht die Angeklagten vom Vorwurf frei, sie hätten absichtlich die Gefühle von Gläubigen verletzt. Doch dieses Urteil ist nur postdramatisches Theater. Eine viel realitätsnähere Produktion wird derzeit auf der Krim aufgeführt: „Sammeln russischer Erde“, wie es unter den Zaren hieß, und Heimholung ihrer Bürger, die von ukrainischen Liberal-Faschisten bedroht sind.


Diesen Artikel drucken