Feo Aladag

Koran-Rezitation nur bei Beerdigung

Feo Aladag. Foto: Majestic Filmverleih

Filme machen unter dem Schutz des Verteidigungs-Ministeriums: Feo Aladag hat „Zwischen Welten“ an den Original-Schauplätzen in Afghanistan gedreht. Im Interview spricht sie über Hilfe durch die Bundeswehr und gestrichene Szenen; Authentizität geht vor.

Frau Aladag, stimmt es, dass Sie Ex-Verteidigungsminister Thomas de Maizière beknien mussten, um in Afghanistan drehen zu dürfen?

 

Nein, ich musste ihn nicht beknien, aber man musste sich besprechen. Es ist klar, dass er dahinter stehen musste; dazu mussten wir erst einmal erzählen, was wir vorhatten. Zugleich haben wir von Anfang an klargestellt, dass die Bundeswehr niemals einen detaillierten inhaltlichen Einblick in das bekommt, was wir da herstellen.

 

Info

 

Zwischen Welten

 

Regie: Feo Aladag,

98 Min., Deutschland 2014;

mit: Ronald Zehrfeld, Mohsin Ahmady, Saida Barmaki

 

Website zum Film

 

Das wäre für beide Seiten ungünstig gewesen. Man muss frei gestalten können, um die eigene künstlerische Integrität zu wahren. Dass dies möglich war, sagt viel über das demokratische System aus, in dem wir hier leben. Wir bekamen vom Ministerium Unterstützung, ohne dass es Kenntnisse über den Kontext hatte. In wie vielen Ländern wäre das wohl möglich?

 

In Medien nicht lieb behandelt

 

Welche konkreten Bedenken hatte man im Verteidigungsministerium?

 

Stellen Sie sich vor, einem Filmteam passiert dort etwas. Da würde sofort ein Sturm der Entrüstung losbrechen. Sicherlich zu Recht, und die Verantwortlichen würden in die Pflicht genommen. Insofern fühlte man sich im Ministerium für uns verantwortlich.

 

Die nächste Sorge war, wie wir die Bundeswehr darstellen würden. Sie wurde in den letzten Jahren medial nicht immer nur lieb behandelt. Man hat uns viele Fragen gestellt, die aber auch notwendig waren.


Offizieller Filmtrailer


 

Im Ausland nicht nur Brunnen bauen

 

Die Bundeswehr wird generell selten in Filmen thematisiert. Was hat Sie bewogen, sich damit auseinandersetzen zu wollen?

 

Ausgangspunkt war für mich die Frage, warum man nicht im Kino erzählen sollte, dass deutsche Soldaten im Ausland im Einsatz sind und dabei offensichtlich nicht nur Brunnen bauen. Warum tauchen deutsche Soldaten in internationalen wie deutschen Filmen immer nur im Zusammenhang mit dem Ersten und Zweiten Weltkrieg auf? Ich wollte sie in der Gegenwart zeigen, selbst wenn ich damit vielleicht provoziere; aber das regt gleichzeitig einen notwendigen und konstruktiven Dialog an.

 

Ständige Absprachen mit Sicherheitskräften

 

Wie sehr war die Angst präsent, in einem für Europäer so gefährlichen Land wie Afghanistan zu drehen?

 

Gefahr war jeden Tag spürbar: Wir hatten sowohl mit der Bundeswehr als auch mit afghanischen Sicherheitskräften ein ziemlich engmaschiges Kommunikations-Netz. Wir haben uns nirgendwo hinbewegt, ohne uns im Vorfeld mit unseren Partnern abzusprechen; die haben sich wiederum untereinander ausgetauscht.

 

Das heißt: Man überprüft immer wieder ganz genau, wo man sich hinbewegt und wie lange man dort bleibt. Es gab auch Drehorte, die von vornherein ausfielen, weil es dort vielleicht einen Mullah gab, der nicht freundlich gesonnen war, oder eine Stimmung herrschte, in der alles hätte kippen können. Man geht nicht freiwillig irgendwo hin, wo man offensichtlich nicht erwünscht ist.

 

Gemeinsam mit Afghanen Kultur herstellen

 

US-Filme mit ähnlicher Thematik werden meist in anderen Ländern gedreht, die weniger gefährlich sind. Warum war Ihnen wichtig, an Original-Schauplätzen zu drehen?

 

Erstens glaube ich, dass jedes Umfeld, in dem man etwas schafft, schreibt oder malt, das Ergebnis der eigenen Arbeit beeinflusst. Zweitens war für mich wichtig, als afghanisch-deutsches Team etwas gemeinsam auf kultureller Ebene herstellen. Gemeinsam arbeiten und etwas zu erzählen bedeutet auch, dass man sich aufeinander eingelassen hat. Das ist für mich in diesem Zusammenhang ein wichtiges Signal.

 

Bundeswehr-Beteiligte sind vom Film angetan

 

Gibt es schon Reaktionen von der Bundeswehr auf Ihren Film?

 

Wir haben den Film einigen Beteiligten, mit denen wir eng zusammen gearbeitet haben und die teilweise mit uns in Afghanistan gewesen sind, bereits im Vorfeld der Berlinale gezeigt: Sie waren ganz angetan. Ich hatte ein bisschen Angst davor, dass sie mit den Fragen, die wir im Film stellen, nicht klarkommen oder sich daran stoßen.

 

Es kamen aber durchweg sehr schöne Reaktionen: Uns wurde gesagt, dass wir absolut richtige Fragen aufwerfen. Daraus ergab sich ein sehr gutes Gespräch; das war mir auch wichtig, weil diese Menschen uns extrem unterstützt und ihren Hals dafür hingehalten haben. Dafür bin ich wirklich dankbar; es freut mich, dass auch sie hinter dem Film stehen können.

 

Salutieren + aus dem Koran vorlesen

 

Eine dieser Fragen ist, inwieweit ein Soldat nicht nur seinem Befehl, sondern auch seinem Gewissen folgen soll. Wurden Sie beim Drehen selbst einmal damit konfrontiert?

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films  „Zwischen Welten“ von Feo Aladag

 

und hier eine Besprechung des Films „Stein der Geduld“  – Frauen-Schicksal in Afghanistan mit Golshifteh Farahani von Atiq Rahimi

 

und hier einen Beitrag über die Doku “Generation Kunduz – Der Krieg der Anderen” von Martin Gerster über Jugend in Afghanistan

 

und hier einen kultiversum-Bericht über den Film “Die Fremde” – deutsch-türkisches Ehrenmord- Drama mit Sibel Kekilli von Feo Aladag.

 

Ja, das ist passiert. Was das Ausmaß der Authentizität angeht, musste ich auf Dinge verzichten, die eine Szene zwar stärker gemacht hätten, die aber einfach nicht richtig gewesen wären. Im Film gibt es beispielsweise die Szene, in der eine Leiche hineingetragen wird; das basiert auf einer wahren Begebenheit.

 

Ein Hauptmann erzählte mir, damals habe er seinen Übersetzer gebeten, dass nicht nur salutiert werde, wenn die Leichen hereingetragen werden, sondern es solle auch aus dem Koran vorgelesen werden. Wir probten die Szene entsprechend; es war eine sehr berührende Probe mit starken Momenten.

 

Änderungen offen annehmen

 

Dann kam plötzlich das halbe afghanische Team und wies mich darauf hin, das stimme so nicht: Aus dem Koran wird nur vorgelesen, während die Toten beerdigt werden. Darauf musste ich also verzichten, egal wie stark dieser Augenblick war: Für den Anspruch von Authentizität und Respekt wäre es nicht stimmig gewesen.

 

Ich finde es wichtig für einen Film, dass man solche nötigen Änderungen auch während des Entstehungsprozesses offen annimmt. Das muss man auch bei einem Projekt wie diesem. Man kann nicht alles vorbereiten, sondern muss auf die jeweiligen Umstände eingehen.


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