Arne Birkenstock

Keiner will Fälschungen entlarven

Regisseur Arne Birkenstock. Foto: arnebirkenstock.de

Regisseur Arne Birkenstock hat Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi ausgiebig bei der Arbeit beobachtet. Im Interview spricht er über das Schweige-Kartell der Geschädigten und erklärt, warum enorme Nachfrage Bilder-Fälschungen quasi provoziert.

Herr Birkenstock, wie kamen Sie auf die Idee einer Dokumentation über den Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi?

 

Die Geschichte wurde an mich herangetragen. Mein Vater ist Strafverteidiger; er hat Wolfgang und Helene Beltracchi im Strafprozess in Köln vertreten. Nach der Urteilsverkündung fragte er, ob mich das Thema interessieren würde. Ich fand es toll, wusste aber nicht, ob ich das als Anwaltssohn machen sollte.

 

Info

 

Beltracchi – Die Kunst der Fälschung

 

Regie: Arne Birkenstock,

97 Min., Deutschland 2013;

mit: Wolfgang Beltracchi, Helene Beltracchi

 

Website zum Film

 

Der Strafprozess war aber abgeschlossen. In langen Diskussionen mit den Beltracchis habe ich mir zusichern lassen, dass ich freie Hand habe und sie keine Abnahmerechte beanspruchen. Unter diesen Voraussetzungen konnte ich dann mit dem Film beginnen.

 

Viele Anfragen für Bücher + Filme

 

War es schwierig, die Beltracchis für die Idee zu gewinnen, oder hatten sie umgekehrt ein Interesse daran, dass diese Doku entsteht?

 

Nach der Urteilsverkündung bekamen die Beltracchis viele Anfragen für Bücher, TV-Interviews und Filme. Sie haben es sich gut überlegt, meine bisherigen Filme angeguckt und viele Gespräche mit mir geführt, bis sie sich zur Zusammenarbeit mit mir entschieden haben.


Auszüge des Interviews


 

Enttäuschung über Abschied von Szenen

 

Gab es Streitpunkte, über die Sie sich mit den Beltracchis nur schwer einigen konnten?

 

Es gab schon einige Konflikte, aber wir hatten ja geklärt, dass sie kein Abnahmerecht haben würden. Für einen Protagonisten, der nicht im Schneideraum sitzt, ist es immer enttäuschend, sich von bestimmten Szenen verabschieden zu müssen, die im fertigen Film nicht vorkommen. Als Regisseur habe ich für diesen Abschiedsprozess mehr Zeit.

 

Der Film setzt stellenweise andere Akzente, als die Beltracchis gern hätten. Es ist meine Sicht auf ihre Geschichte; sie haben in ihren beiden Büchern ihre Version der Geschichte erzählt. Beide Versionen unterscheiden sich etwa in der Auffassung, wie der Wert von Original und Fälschung einzustufen ist. Die Beltracchis sind auch keine Fans der Sequenz über Max Ernst (in der Wolfgang Beltracchi behauptet, seine Bilder seien leicht nachzuahmen, A.d.R.).

 

Warum verweigern Experten Antworten?

 

Die Beltracchis kommen ausführlich zu Wort; dagegen andere Akteure kaum oder gar nicht. Auffallend ist, dass der Max-Ernst-Experte Werner Spies fehlt, obwohl sein Ruf unter dieser Affäre wohl am stärksten gelitten hat. Hat er sich geweigert? Und warum stehen nur wenige andere Fachleute Rede und Antwort? Haben Sie versucht, sie vor die Kamera zu holen?

 

Ja, natürlich. Es war ganz schwierig, überhaupt diejenigen Leute vor die Kamera zu bekommen, die nun im Film auftreten. Da musste ich sehr viele Vorgespräche führen, um Vertrauen aufzubauen. Viele Opfer haben sich gar nicht gemeldet, obwohl sie dazu aufgefordert worden waren im Rahmen eines Insolvenz- bzw. Vergleichsverfahrens.

 

Bei manchen hat das mit Scham zu tun; andere wollen mit dem Fall nicht in Verbindung gebracht werden. Ich bin sehr froh, dass wir zumindest das Brüsseler Sammler-Ehepaar Ommeslaghe gefunden haben, außerdem die Galeristin Sofia Komarova aus Genf und den Auktionator Hendrik Hahnstein aus Köln sowie zwei naturwissenschaftlich arbeitende Kunst-Experten aus London. Sehr viele Leute wollen über diesen Fall vor laufender Kamera nicht reden.

 

Verteufeln oder zum Genie erheben

 

Woran liegt das?

 

Das wäre aus ihrer Sicht geschäftsschädigend. Wenn man im Kunstbetrieb tätig ist, in welcher Funktion auch immer, möchte man nicht, dass darauf herumgeritten wird, dass man sich hat linken lassen. Etwa, indem man ein falsches Urteil über ein Gemälde getroffen oder eine Fälschung in Umlauf gebracht hat, selbst wenn man es nicht wusste.

 

Es wird auch einiges totgeschwiegen. Auf dem Kunstmarkt gibt es eine Tendenz, Beltracchi entweder zu verteufeln oder zum Genie zu erheben. Eine interessante Strategie: Wenn ich mit dem Teufel oder einem Genie zu tun habe, kann ich nichts für das Resultat, weil ich machtlos bin.

 

Beltracchi als zwar besonders versierten und pfiffigen, aber letztlich doch ganz normalen Fälscher zu betrachten, müsste zu einer selbstkritischen Auseinandersetzung des Kunstmarkts mit diesem Fall führen: Was müsste geändert werden, um künftigen Beltracchis die Tür nicht ganz so weit zu öffnen?

 

Händlern sind Gutachter zu teuer

 

Hat der Kunstmarkt Lehren aus dem Fall Beltracchi gezogen – und falls ja, welche?

 

Der Kunstmarkt ist ein sehr vielschichtiges Gebilde. Wir reden hier von der klassischen Moderne: einem sehr hochpreisigen Segment mit sehr großen Akteuren. Ich habe beispielsweise einen Kunsthändler gefragt: Warum macht Ihr nicht bei jedem Bild ein naturwissenschaftliches Gutachten? Er antwortete allen Ernstes, das sei zu teuer.

 

Solche Gutachten kosten 2.000 Euro. Bei jedem Kauf eines Einfamilienhauses schickt die Sparkasse einen Gutachter los, der etwa genauso viel kostet. Als ich dem Händler vorhielt, verglichen mit dem Wert in Millionenhöhe eines Bildes sei das Gutachten nicht teuer, entgegnete er: Bei einer einzigen Auktion würden so viele Bilder verkauft, dass man sie nicht alle unter die Lupe nehmen könne. Es ist schon absurd, welche Argumente da bemüht werden.

 


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