Baden-Baden

Kindheit – Eine Erfindung des 19. Jahrhunderts

Puppentheater. Foto: Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts, Baden-Baden

Die Kindheit ist noch jung: Erst seit rund 200 Jahren wird sie als eigene Lebensphase betrachtet. Das zeigt das Museum LA8 mit einem Rundgang durch bürgerliche Kinderzimmer – von Schulheften bis zu Baukästen, mit denen Walter Gropius spielte.

Invasion der süßen Fratze: Von allen Wänden des Museums schauen den Besucher Kindergesichter an. Unbeteiligt starrend oder schelmisch lugend, in Alltagskluft oder mit Häubchen und Rüschen zurechtgemacht wie kleine Prinzen oder Prinzessinnen – so vielgestaltig wie die Kindheit selbst.

 

Info

 

Kindheit – Eine Erfindung des 19. Jahrhunderts

 

21.09.2013 – 16.03.2014

täglich außer montags

11 bis 18 Uhr

im Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts, Kulturhaus LA8, Lichtentaler Allee 8, Baden-Baden

 

Katalog 19 €

 

Weitere Informationen

 

Die im vorvorigen Jahrhundert eigentlich erst erfunden wurde, wie das Museum zeigen will. Natürlich wissen Menschen seit jeher, dass ihr Nachwuchs jahrelanger Pflege bedarf. Doch als Lebensphase mit eigenen Gesetzmäßigkeiten und Bedürfnissen, die sich vom Erwachsenenalter deutlich unterscheiden, wird Kindheit erst seit rund 200 Jahren betrachtet.

 

Unschuld muss mithelfen

 

Zuvor war das Verhältnis zu ihr paradox. Einerseits wurde kindliche Unschuld verherrlicht und davon das Heil erwartet: der Jesus-Knabe als Erlöser. Andererseits sah man die Unselbstständigkeit von Kindern als Defizit, das rasch zu überwinden sei. Möglichst früh mussten sie im Haushalt und bei der Arbeit mithelfen; ab Geschlechtsreife galten sie als heiratsfähig.


Interview mit Kuratorin Barbara Wagner + Impressionen der Ausstellung


 

Brei-Teller zum Alphabet-Lernen

 

Das änderte sich mit Aufklärung, Aufstieg des Bürgertums und Industrialisierung. Anforderungen in Beruf und Gesellschaft wurden komplexer; es genügte nicht mehr, dass Jüngere einfach hineinwuchsen, indem sie Ältere nachahmten. Systematische Ausbildung, vorher das Privileg von Adel und wenigen Akademikern, wurde mit der Schulpflicht flächendeckend.

 

Eine neue Branche entstand, die ABC-Schützen mit Lehrmitteln versorgte: von Schautafeln für die Klassenzimmer bis zu Brei-Tellern, in deren Rand das Alphabet eingeprägt war. Dazu die ganze Ikonographie der Schulzeit – vom strengen, aber leicht zu foppenden Pauker über Scherze und Streiche der Pennäler bis zu frechen und lärmenden Knilchen auf der letzten Bank.

 

Multi-Millionär mit Anker-Baukästen

 

Dagegen half nur Disziplin, die jedem Dreikäsehoch eingebläut wurde: Ein Musterschüler liest und bastelt auch nach dem Unterricht, ein Tagträumer wird als Taugenichts enden. Als Anreiz zur sinnvollen Selbstbeschäftigung kam pädagogisch wertvolles Spielzeug auf den Markt: Brett- und Legespiele, aber auch die ersten Baukästen.

 

Davon breitet die Ausstellung ein buntes Sortiment aus, das jedes Sammlerherz erfreut: etwa die “Anker Baukästen”, mit denen Friedrich Adolf Richter ab 1880 mehrfacher Millionär und reichster deutscher Spielwaren-Produzent wurde. Die Rechte hatte er Gustav und Otto Lilienthal, dem späteren Flugpionier, für wenig Geld abgekauft.

 

Bis 1839 Kinderarbeit unter neun Jahren

 

Mit Richters Keramik-Spielsteinen konnte man Gebäude und Brücken nachbauen, die bei Wettbewerben prämiert wurden; zu den Juroren zählte Walter Gropius, der seine Architekten-Karriere mit Anker-Baukästen begann. In Fan-Vereinen waren 1909 rund 16.000 Mitglieder organisiert. Ähnlich beliebt waren Dampfmaschinen oder Steckleisten-Systeme: alles für den kleinen Techniker.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier einen Beitrag über die Ausstellung “Kosmos Runge – Der Morgen der Romantik” mit Kindheits-Malerei von Philipp Otto Runge in Hamburg + München

 

und hier eine Rezension des britischen Films “Große Erwartungen” – Adaption des Klassikers von Charles Dickens über Kindheit + Jugend im 19. Jahrhundert

 

und hier eine Besprechung des Films “Ein freudiges Ereignis” – französische Tragikomödie über werdende Eltern von Rémi Bezançon.

 

Was für behütete Bürgerkinder nur spielerischer Zeitvertreib war, war für Arbeiter- und Bauern-Sprösslinge harter Alltag: Sie mussten wie die Großen zwölf bis 15 Stunden malochen. Erst 1839 verbot etwa Preußen, in Fabriken Kinder unter neun Jahren zu beschäftigen; 1853 wurde das Mindestalter auf zwölf Jahre heraufgesetzt.

 

Kinder sind die Zukunft

 

Dennoch blieb das Elend massenhafter Kinderarbeit ein fortwährender Missstand. Dagegen protestierten nicht nur Pädagogen und Romanciers wie Charles Dickens und Victor Hugo, sondern auch das Militär: Ausgemergelte, körperlich verbrauchte Rekruten aus dem Proletariat waren untauglich zum Dienst an der Waffe.

 

Dieser Ausbeutungs-Aspekt kommt in der Ausstellung nur mit ein paar Bildern junger Hirtenknaben vor. Sie konzentriert sich auf Porträts aus dem Stadtmuseum Baden-Baden, die vorführen, wie Familien ihre Kinder sehen wollten: anfangs als kleine Könige in Herrscher-Pose, später als sensible Wesen mit eigener Individualität, deren Talente die Zukunft gestalten werden. Woran sich wenig geändert hat; insofern dauert das bürgerliche Zeitalter in der Kinderstube an.


Diesen Artikel drucken