Golshifteh Farahani

My Sweet Pepper Land

Govend (Golshifteh Farahani) und Baran (Korkmaz Arslan) kommen sich langsam näher. Foto: rapid eye movies

(Kinostart: 27.3.) Wildwest in Kurdistan: Lehrerin und Polizei-Chef verbünden sich gegen feindliche Schmuggler und Dörfler. Mit Genre-Mitteln zeigt Regisseur Hiner Saleem seine Heimat so unterhaltsam wie berührend; dabei glänzt Golshifteh Farhani.

Jeder Jungregisseur sollte sich möglichst früh an einer Hinrichtungs-Szene versuchen, hat Lars von Trier einmal gesagt – und ergänzt, wie leicht es sei, Hinrichtungen schlimm aussehen zu lassen. Wer aber eine Hinrichtung inszeniert, muss seine Filmsprache im Griff haben und entscheiden, auf welcher Seite er steht.

 

Info

 

My Sweet Pepper Land

 

Regie: Hiner Saleem,

95 Min., Frankreich/ Kurdistan 2013;

mit: Golshifteh Farahani, Korkmaz Arslan, Tarik Akreyi

 

Weitere Informationen

 

Die Exekution, mit der „My Sweet Pepper Land“ beginnt, inszeniert Regisseur Hiner Saleem als Farce. Sein Held Baran (Korkmaz Arslan) hat jahrelang in der kurdischen Guerilla gegen Saddam Husseins Regime gekämpft; nun wird er Zeuge, wie das Wetter, dienstliche und religiöse Vorschriften einem Verurteilten die letzte Würde nehmen.

 

Alle Vorgänger im Dienst gestorben

 

Baran will nicht mehr mitmachen: Er verlässt die Guerilla und kehrt ins Haus seiner Mutter zurück. Die will ihn allerdings schnellstmöglich verheiraten; ihre Hochzeits-Kandidatinnen treiben ihn zurück in die Berufstätigkeit. Er bekommt den Polizeichef-Posten in einem abgelegenen Bergnest in der irakisch-türkischen Grenzregion; seine Vorgänger sind alle im Dienst gestorben.


Offizieller Filmtrailer


 

Lehrerin steht vor verschlossener Schule

 

Bei seiner Ankunft in der rauen Gegend lernt er die Lehrerin Govend (Golshifteh Farahani) kennen: Die allein stehende Frau kümmert sich gegen den Willen ihres Vaters und ihrer zwölf Brüder um die örtliche Schule. Abends muss sie feststellen, dass die Schlösser am Schulgebäude ausgetauscht worden sind: Sie ist im Dorf nicht wirklich willkommen.

 

Da hat sie etwas gemeinsam mit Baran, der alsbald für sie entflammt. Beim ersten Kontakt zu den lokalen Tunichtguten wird klar, dass der neue Polizeichef nicht vorhat, dem Clan-Paten Aziz Aga (Tarik Akreyi) sein Schmugglerleben leicht zu machen. Verständlicherweise nähern sich die beiden Außenseiter im Dorf einander an.

 

Feministische Kurdinnen-Kampfbrigade

 

Das löst natürlich Gerüchte aus und ruft Govends zwölf Brüder auf den Plan. Alles läuft auf einen showdown hinaus, der aber ganz anders ausfällt, als das Genre Wildwest-Film vorschreibt: „My Sweet Pepper Land“ ist ein kurdischer Heimat-Western.

 

Mann trägt immer und überall Hut und Schnurrbart. Seitdem die Brücke über den Fluss kaputt ist, sind alle in der menschenleeren Gebirgslandschaft stets zu Pferd unterwegs; ihre Waffen sitzen locker. Der fiesen Bande macht ihre Schmuggel-Pfade durch enge Täler und über unwegsame Pässe auch noch eine feministische Brigade kurdischer Guerilleras streitig.

 

Schweizer Trommel im kurdischen Hochland

 

Alle Zutaten für einen so unterhaltsamen wie berührenden Western sind also versammelt: Authentische Elemente und postmoderne gehen fließend ineinander über. Beispielsweise ist die Hang-Trommel von Govend eigentlich ein Schweizer Instrument; wenn die Lehrerin sie schlägt, wird ihr Klang eins mit dem kurdischen Hochland.

 

In weniger poetischen Momenten erinnert Saleems Blick auf seine nordirakische Heimat an den lakonischen Humor von Detlev Buck oder der Coen-Brüder. Aus der kargen Umgebung sticht das Haus von Clan-Chef Aziz Aga heraus; es ist im Spießer-Barock eingerichtet, den Drittwelt-Neureiche schätzen. Dagegen hängt in Barans Büro eine eindrucksvolle Bildergalerie – die Fotoporträts seiner toten Vorgänger.

 

Zur „Pepper Land“-Spelunke nur ohne Auto

 

Wie in klassischen Italo-Western von Sergio Leone und Brunio Corbucci nutzt auch Regisseur Saleem seinen Genre-Film zur Reflexion aktueller Themen: Verflechtung von Staat und Kriminalität, Unabhängigkeitskampf der Kurden, Lebensbedingungen im Nachkriegs-Irak und – das westliche Festival-Publikum erwartet das – die Stellung der Frau in einer islamischen Gesellschaft.

 

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Stein der Geduld“  – Frauen-Porträt aus Afghanistan mit Golshifteh Farahani von Atiq Rahimi

 

und hier einen Beitrag über den Film Huhn mit Pflaumen – Melodram im Teheran der 1950er Jahre von Marjane Satrapi mit Golshifteh Farahani

 

und hier einen Bericht über den Film „Das finstere Tal“ – perfekter Western in den Südtiroler Alpen von Andreas Prochaska.

 

Dieser Mix von Erzählebenen funktioniert auch in Kurdistan. Der Wilde Westen der USA war Projektionsfläche und Freiheits-Versprechen für zahllose Amerikaner. Hier ist das mythische „Pepper Land“ eigentlich bloß eine örtliche Spelunke, in die nur gelangt, wer das Auto stehen lässt – doch für die beiden Protagonisten wird es zur schwersten Prüfung und zugleich zum Gelobten Land.

 

Liebe + Tod ohne Wimperzucken

 

Dorthin entflieht sie vor der Enge ihrer Familienverhältnisse; er flieht vor seiner Vergangenheit. Sie sucht Freiheit, er sucht Erlösung. Beides liegt direkt vor ihrer Nase und scheint doch unerreichbar. Aus dieser edlen Verzweiflung bezieht der Film seine Kraft, wozu die Schauspieler ihren Teil beitragen.

 

Korkmaz Arslan, der dem ostanatolischen Volk der Zaza angehört, ist ein charismatischer, stiller Hauptdarsteller. Er steuert für seine Prinzipien dem Tod entgegen, ohne mit der Wimper zu zucken, und zerschmilzt dabei glaubwürdig in Liebe und Bewunderung für die Stimme von Elvis – ebenfalls, ohne mit der Wimper zu zucken.

 

Mit fragiler Stärke leiden

 

Das erledigt stellvertretend für ihn die Kamera. Sie lässt sich von Golshiftehs Farahanis fragiler Stärke nach allen Regeln der Kunst verführen: Die iranische Schauspielerin leidet erneut formvollendet seelenvoll. In ihrem Heimatland ist sie unerwünscht, im westlichen Exil dagegen ein Weltstar des arthouse-Kinos. Ihr wäre zu wünschen, dass sie im nächsten Film einmal gegen den Strich besetzt wird. 


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