Haolun Shu

Shanghai, Shimen Road

Foto-Entwicklung in Handarbeit: Lili (Lili Wang) lässt Abzüge auf dem Hausdach trocknen. Foto: Kairos Filmverleih
(Kinostart: 13.3.) Jugend in China 1989: Ein 17-Jähriger schwankt zwischen zynischer Nachbarstochter und idealistischer Mitschülerin. Wunderbar stimmungsvoller Schwanengesang auf eine Generation, deren Hoffnungen brutal zerschlagen wurden.

Diese Geschichte ist erst 25 Jahre her, doch sie spielt in einer weitgehend zerstörten Welt: den Altstadt-Quartieren von Schanghai mit ihren shikumen. Solche mehrstöckigen Backstein-Reihenhäuser für die Mittelklasse wurden vor allem in den 1930er Jahren gebaut; zeitweise sollen sie vier Fünftel aller Einwohner der Stadt beherbergt haben.

 

Info

 

Shanghai, Shimen Road

 

Regie: Haolun Shu,

85 Min., China 2011;

mit: Ewen Cheng, Xufei Zhai, Lili Wang

 

Weitere Informationen

 

In der subtropischen Metropole Südchinas spielte sich das Leben auf den longtang, den Gassen ab: Hier kannte jeder jeden. Ab der Kulturrevolution der späten 1960er Jahre wurden in den shikumen viele Arbeiterfamilien untergebracht; alle mussten sich Küchen und Balkone teilen. Das förderte Nachbarschaftshilfe und erleichterte Überwachung: Privatsphäre gab es kaum.

 

Emigration oder escort lady

 

In einem solchen Haus lebt der 17-Jährige Xiaoli (Ewen Cheng), dessen Mutter in die USA emigriert ist, mit seinem Großvater. Nebenan wohnt die gleichaltrige Lanmi (Xufei Zhai); ihr macht der verliebte Xiaoli mit Gefälligkeiten vergeblich den Hof. Das Arbeiterkind will höher hinaus: Solange sie nicht in den Westen auswandern kann, wirft sie sich im Luxushotel als escort lady reichen Ausländern an den Hals.


Offizieller Filmtrailer


 

Jugend vor dem Tiananmen-Massaker

 

Dagegen hat Lili (Lili Wang) ein Auge auf Xiaoli geworfen. Die Tochter eines hohen Funktionärs ist erst vor kurzem aus Beijing nach Schanghai umgezogen. Sie weiß von den Studenten-Protesten, die im Sommer 1989 die Hauptstadt lahm legen, und will mit ihrem Klassenkameraden dorthin. Doch Xiaoli zögert: Er schwankt genauso zwischen zwei Mädchen wie zwischen Anpassung und Revolte.

 

Coming of age in Chinas jüngster Vergangenheit – die schon sehr lange vergangen scheint. Indem er Erinnerungen an seine eigene Jugend verfilmt, erzählt Regisseur Haolun Shu vom Werdegang seiner Generation, die Ende der 1980er Jahre wie in Osteuropa auf mehr Freiheiten und Systemveränderung drang. Ihre überschwänglich diffusen Hoffnungen begrub das Tiananmen-Massaker vom 4. Juni 1989 mit mehreren tausend Toten.

 

Lebensgefühl wie in Leningrad oder Ostberlin

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Animationsfilms "Alois Nebel" von Tomáš Luňák über die "Samtene Revolution" 1989 in der tschechoslowakischen Provinz

 

und hier einen Beitrag über den Film "A Touch of Sin" - groteskes Sozialdrama von Jia Zhangke über Ausbeutung + Gewalt im heutigen China

 

und hier einen Bericht über den Film "Shanghai" - opulenter Spionage-Thriller in Schanghai 1941 von Mikael Hafström mit John Cusack + Gong Li.

 

Die Katastrophe kommt im Film nur indirekt vor: Als Lili einen Mitschnitt der Voice of America-Nachrichten über die Hausfunk-Anlage ihrer Schule abspielt. Jeder versteht, aber niemand spricht darüber. Zuhause verbirgt Xiaoli vor seinem Großvater, dass er Auslandsradio hört. Chinas Scham-Kultur des Verschweigens, Vertuschens und Beschönigens lässt sich kaum anschaulicher darstellen.

 

Wie das Lebensgefühl der Umbruchphase von 1989/90, das in Chinas Großstädten offenbar dem in Leningrad, Warschau oder Ostberlin sehr ähnelte. Der Rahmen ist noch klassisch kommunistisch: karge Gemeinschaftswohnungen mit allgegenwärtigem Klatsch und Spitzeln, aber auch kleine Freuden beim gemeinsamen Tee oder Schnaps.

 

Abriss für Beton-Wohntürme

 

Doch die Sitten haben sich gelockert: Xiaoli fotografiert viel und eifert seinem Vorbild Henri Cartier-Bresson nach, Lanmi hört Pop-Kassetten auf dem Kassetten-Recorder, beide tragen Jeans, und alle träumen von einer Zukunft ohne Drill und voller Möglichkeiten. Das rekonstruiert Regisseur Shu sehr authentisch mit Liebe zum Detail; die Bilder wirken mit ihren fahlen Farben wie aus Ostblock-Filmen von damals.

 

So entsteht ein wunderbar stimmungsvoller Schwanengesang auf die Perestroika-Periode à la chinoise. Wobei Enttäuschung und Ernüchterung dort noch radikaler ausfielen als im früheren Warschauer Pakt: Am Ende streift die Kamera durch menschenleere Gassen. Die shikumen sind verwaist, verfallen und zum Abriss vorgesehen. Dahinter ragen 30-stöckige Wohntürme aus Beton in den bleichen Himmel.  


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