Bong Joon-ho

Snowpiercer

Der Snowpiercer dient für die Überlebenden der neuen Eiszeit als letzte Zuflucht. Foto: © Copyright MFA+ FilmDistribution e.K.

(Kinostart: 3.4.) Endzeit-Action als Ausstattungsorgie: Regisseur Bong Joon-ho, Wunderkind des koreanischen Kinos, verfilmt eine Graphic Novel über einen Hightech-Zug im ewigen Eis – mit üppig surrealem Dekor und reichlich blutigen Gewaltszenen.

Jede Zeit hat ihre eigenen Utopien – und ihre eigenen Katastrophenfilme. Untergangs-Visionäre sind sich weitgehend einig, dass die Menschheit sich selbst zugrunde richten wird. Dass dies durch plötzlichen Klimawandel geschehen wird, ist ebenfalls ein beliebtes Szenario.

 

Info

 

Snowpiercer

 

Regie: Bong Joon-ho,

126 Min., Südkorea/ USA 2013;

mit: Chris Evans, Tilda Swinton, Ed Harris

 

Website zum Film

 

Wem „The Day After Tomorrow“ (2004) von Roland Emmerich Angst vor einer neuen Eiszeit einjagte, die uns drohen könnte, dem wird wohl bei „Snowpiercer“ von Bong Joon-Ho genauso gruseln. Er erweitert die frostige Endzeit-Vision um ein closed room-Szenario, das es in sich hat.

 

Auf Schienen nonstop um die Erde

 

Auf der Erde herrscht ewiger Winter; alles Leben ist unter einer dicken Schicht aus Schnee und Eis verschwunden. Alle Überlebenden – wenige tausend Menschen – befinden sich an Bord eines high tech-Zuges; diese moderne Arche Noah muss unablässig auf einem Schienen-Rundkurs die Erde umkreisen, damit der Maschinenantrieb Energie und Wärme produziert.


Offizieller Filmtrailer


 

Mehrheit ist in Lumpen gehüllt

 

Befehlshaber des Zuges ist sein Erfinder, ein ehemaliger Ingenieur namens Wilford (Ed Harris); er ist 17 Jahre, nachdem die Rest-Menschheit den Zug bestieg, längst zur legendären Gestalt geworden. Nur eine kleine Elite hat Zugang zu Wilford, der mit seinen Vertrauensleuten an der Spitze des Zuges lebt.

 

Die Menschen im vorderen Zugteil sind gepflegt, wohlgenährt und mit allen Segnungen der Zivilisation versehen. In den hinteren Waggons dagegen gibt es nichts. Die dort lebenden Menschen, also die übergroße Mehrheit, sind in schmutzige Lumpen gekleidet und ernähren sich von pechschwarzen, gallertartigen Protein-Riegeln, die man ihnen zuteilt.

 

Arm-Amputation als Strafe

 

Doch eine kleine Gruppe unter ihnen plant bereits den Aufstand, als etwas geschieht, das den Beginn ihrer Revolte beschleunigt: Plötzlich und ohne Begründung werden zwei Kinder ihren Eltern weggenommen und zur Spitze des Zuges gebracht. Als ein Vater sich widersetzt, amputieren ihm Wachen zur Strafe einen Arm.

 

Während der Bestrafungsaktion folgert Curtis (Chris Evans), der ungekrönte Anführer der Widerständler, aus dem Verhalten der Wachen, dass sie über keine scharfe Munition mehr verfügen. Er beschließt, mit seinen Gefolgsleuten loszuschlagen.

 

Nach jedem kleinen Kampf ein großer

 

Den Aufständischen hilft ein drogenabhängiger Sicherheits-Experte (Song Kang-ho), der für Rauschgift-Nachschub bereit ist, die Stahltüren zwischen den einzelnen Waggons zu öffnen. Nun beginnen Curtis und seine Kämpfer, den Zug von hinten nach vorne aufzurollen.

 

Das Handlungsmuster dieses Actionfilms ist relativ einfach: Auf einen kleinen Kampf folgt ein großer, auf ein entsetzliches Opfer ein zu verschmerzendes, und in jedem Waggon wartet eine neue Überraschung – meist unangenehmer, aber manchmal auch erfreulicher Art.

 

Optik aus Tschechien, Gewalt aus Korea

 

Der Film wurde größtenteils in den Barrandov-Studios von Prag gedreht; seine extrem üppige Ausstattung grenzt an eine visuelle Orgie. In den absurd luxuriösen Umgebungen, die auf die Ausgehungerten aus dem hinteren Zugteil warten, ist zum einen eine Phantasie am Werke, die noch erkennen lässt, dass eine graphic novel als Vorlage diente.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier einen Beitrag über den Film “Prometheus – Dunkle Zeichen”  – Science-Fiction-Epos von Ridley Scott

 

und hier eine Besprechung des Films „Only Lovers Left Alive“ – Vampirfilm-Parodie von Jim Jarmusch mit Tilda Swinton

 

und hier einen kultiversum-Bericht über den Film Mother von Bong Joon-Ho über eine Übermutter in Südkorea

 

Zum anderen lebt in den in jeder Hinsicht phantastischen Räumen, die Szenenbildner Ondřej Nekvásil entworfen hat, wohl auch die große surrealistische Tradition des tschechischen Films fort. Die blutige Ästhetisierung vieler Gewaltszenen ist dagegen ein typisches Charakteristikum des koreanischen Kinos.

 

Vorhersehbares Ende macht nichts

 

40 Millionen US-Dollar Budget hat „Snowpiercer“ gekostet; die teuerste Produktion, die je unter südkoreanischer Federführung entstand. Bong Joon-ho kann sich das leisten: Er ist das Wunderkind unter den Regisseuren seines Landes. Mit „The Host“ – einem skurrilen Mix aus Monsterfilm, Familiendrama und Sozialsatire – landete er 2006 einen Riesenhit: Der Film lockte 13 Millionen Zuschauer ins Kino und wurde in Südkorea zum größten Kassenschlager aller Zeiten.

 

Für „Snowpiercer“ hat sich Bong erstmals ausländische Partner gesucht. Da ein Großteil des Geldes aus den USA kam und der Film weltweit vermarktet wird, sind fast alle Hauptdarsteller englische native speakers; in einer unerhört komischen Nebenrolle etwa Tilda Swinton, die sich dafür sogar falsche Zähne einsetzen ließ.

 

Das Ende des Films kommt dann, trotz einer durchaus überraschenden Wendung, etwas vorhersehbar daher. Allerdings ist das in diesem Fall möglicherweise kein entscheidendes Kriterium. Für einen Genrefilm ist dieser „Snowpiercer“ auf jeden Fall ein ganz schöner Brecher.


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