Christian Schwochow

Westen

Nelly Senff (Jördis Triebel) und ihr Sohn Alexej (Tristan Göbel) warten mit ihrem Gepäck auf ein Taxi, um nach Westberlin auszureisen. Foto: Senator Film

(Kinostart: 27.3.) Aus den Stasi- in die CIA-Verhöre: DDR-Übersiedler kamen im Westen zunächst in Notaufnahmelager. Dieses triste Zwischenreich einer abgeschlossenen Parallelgesellschaft zeigt Regisseur Schwochow atmosphärisch dicht und pointiert.

„Herr Becker ist mein neuer Papa“, erzählt der elfjährige Alexej ungefragt jedem, der ins Auto guckt; das hat er mit seiner Mutter Nelly so geübt. Gerade am Berliner Grenzübergang Bornholmer Straße im Jahr 1978 wollen eine Menge Uniformierter alles mögliche von ihm wissen.

 

Info

 

Westen

 

Regie: Christian Schwochow,

102 Min., Deutschland 2013;

mit: Jördis Triebel, Alexander Scheer, Anja Antonowicz

 

Weitere Informationen

 

Vor allem aber von seiner Mutter, die nichts mehr im Arbeiter-und-Bauern-Staat hält. Ihr Geliebter, ein russischer Wissenschaftler und Vater des Kindes, hat sich das Leben genommen. Danach wurde sie immer wieder von der Stasi verhört. Da wird eine angeblich geplante Heirat mit Herrn Becker in Westdeutschland Mittel zum Zweck.

 

Spiele misstrauischer Geheimdienste

 

Nach einer schier endlosen Reihe von Schikanen darf Nelly Senff (Jördis Triebel) endlich ausreisen; sie lässt sich mit Sohn Alexej am Notaufnahmelager für DDR-Übersiedler im Westberliner Bezirk Marienfelde absetzen. Dass es dort kaum angenehm werden dürfte, ist ihr klar. Sie hat aber nicht damit gerechnet, dass die westlichen Geheimdienste in der Endphase des Kalten Kriegs ihre eigenen misstrauischen Spielchen treiben.


Offizieller Filmtrailer


 

Trotz Job-Verlust nicht politisch verfolgt

 

Um neue Bundesbürgerin zu werden, muss Nelly nicht nur normale Behördengänge wie den zum Arbeitsamt absolvieren. Sie wird auch ständig von Mitarbeitern des US-Geheimdienstes befragt, die über ihr künftiges Schicksal mitentscheiden. Die Amerikaner laden sie immer wieder vor und lassen sie zappeln, denn sie vermuten hinter Nellys einsilbigen Aussagen mehr.

 

Zudem bezweifeln die CIA-Leute, dass ihr russischer Freund tot ist. Sie nehmen Nelly nicht ab, dass sie nach ihrer DDR-Emigration nur woanders unbehelligt leben will. Dabei sieht sie sich nicht als politisch Verfolgte, obwohl sie ihren Job als Wissenschaftlerin verlor und auf dem Friedhof arbeiten musste, nachdem sie ihren Ausreise-Antrag gestellt hatte. Nelly will einfach frei sein und nicht mehr von Fremden über ihr Leben ausgequetscht werden; deswegen hat sie ja Ostdeutschland verlassen.

 

Liebäugeln mit dem CIA-Agenten

 

Im Aufnahmelager freundet sie sich mit ihrer polnischen Zimmernachbarin Krystyna (Anja Antonowicz) an; ihr Sohn Alexej dagegen mit Hans Pischke (Alexander Scheer), der schon seit zwei Jahren im Lager haust. Er scheint ein Auge auf Nelly geworfen zu haben, ebenso wie der CIA-Agent John Bird.

 

Mit ihrer geradlinigen Ehrlichkeit wirkt Nelly verwirrend und verführerisch zugleich; das macht sie stark, aber auch verwundbar. Die immergleichen Verhöre zermürben sie; allein die Vorstellung, dass ihr russischer Geliebter noch leben könnte, wirft sie aus der Bahn.

 

Als „Ostpocke“ gehänselt werden

 

Zunehmend fühlt sich Nelly verfolgt und verliert die Kontrolle über ihr Verhalten. Sie merkt nicht, wie sehr Alexej darunter leidet, dass seine neuen Mitschülern ihn als „Ostpocke“ hänseln; sie verkennt auch, dass sich eigentlich alle um ihr Wohl bemühen.

 

Über Flucht aus der DDR und deren Vorbereitung gibt es viele Romane und Filme, aber seltsamerweise kaum welche über die Umstände nach deren Gelingen. Genau davon handelt „Westen“ – atmosphärisch dicht und äußerst pointiert.

 

Abgewetztes Linoleum + Küchendünste

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Westwind“  – bittersüßes Melodram über DDR-Flucht aus Liebe von Robert Thalheim

 

und hier einen Beitrag über die Doku “Goldrausch – Die Geschichte der Treuhand” von Prod. Thomas Kufus

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung “Heimatkunde” zum Lebensgefühl in Deutschland im Jüdischen Museum Berlin.

 

Regisseur Christian Schwochow adaptiert Motive des Romans „Lagerfeuer“ von Julia Franck, die darin ihre eigenen Erlebnisse als Kind verarbeitete: Sie lebte 1978 mit ihrer Mutter und drei Schwestern neun Monate lang im Notaufnahmelager Marienfelde.

 

Schwochow entwirft das beklemmende Bild einer abgeschlossenen Parallelgesellschaft, die noch in den gewohnten, totalitären Strukturen denkt und handelt; ein Zwischenreich ohne viel Komfortzone. Man meint, das abgewetzte Linoleum auf dem Boden und die Küchendünste zu riechen. Alles ist winterlich graubraunblau, die Sonne scheint nur woanders zu strahlen.

 

Keine Ruhe für die Kamera

 

Unstet wie die Hauptfigur wandert die Kamera durch die Szenerie und kommt nie wirklich zur Ruhe. Genau wie Nelly möchte der Zuschauer diesen unwirtlichen Ort schnellstmöglich verlassen. Aber das gelingt nicht jedem: Hans Pischke macht keine Anstalten, endlich rauszukommen; Freundin Krystyna gibt schließlich auf und kehrt nach Polen zurück.

 

Anders als der Roman konzentriert sich die Filmhandlung ganz auf Nelly, beeindruckend intensiv gespielt von Jördis Triebel. Auch das übrige Ensemble überzeugt durchweg. Dabei steht außer Zweifel, dass Alexej und seine Mutter es schaffen werden: vielleicht nicht in die große Freiheit, die sie sich erträumt haben, aber doch in eine Wirklichkeit, die zu leben sich lohnt.


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