Feo Aladag

Zwischen Welten

Bundeswehrsoldat Jesper (Ronald Zehrfeld) spricht mit seinem Dolmetscher Tarik (Mohsin Ahmady). Foto: Wolfgang Ennenbach / Majestic

(Kinostart: 27.3.) Unsere Jungs in Afghanistan wirken wie Jedi-Krieger auf dem falschen Planeten. Regisseurin Feo Aladag erfindet im Alleingang den zeitgenössischen deutschen Kriegsfilm: Bei der Bundeswehr ist Eigeninitiative strikt untersagt.

In Sachen Kriegsfilm leben die Deutschen immer noch im Windschatten der Weltgeschichte. Bundeswehrsoldaten sind in einem Dutzend Krisengebiete auf drei Kontinenten im Einsatz. Sie führen „friedenschaffende“ und „friedenserhaltende Missionen“ durch oder leisten „Aufbauhilfe“ – aber Krieg führen sie natürlich nicht.

 

Info

 

Zwischen Welten

 

Regie: Feo Aladag,

98 Min., Deutschland/ Afghanistan 2014;

mit: Ronald Zehrfeld, Mohsin Ahmady, Saida Barmaki

 

Website zum Film

 

Deutsche Soldaten, die auf der Leinwand schießen, müssen Wehrmachts-Uniformen tragen. Dieser Krieg ist lange her und sein Ende bekannt, ebenso die Rollenverteilung von Gut und Böse. Danach wollten ein halbes Jahrhundert lang weder die Deutschen noch sonst jemand, dass sie wieder zu den Waffen griffen. Es genügte, dass sie Panzer und Haubitzen exportierten.

 

Dorthin sehen, wo es weh tut

 

Das ist vorbei, aber dem Kinopublikum offenbar nicht zuzumuten. Feo Aladag findet sich damit nicht ab. Die gebürtige Wienerin türkischer Herkunft sieht mit Vorliebe dorthin, wo es weh tut. Ihr Debütfilm „Die Fremde“ handelte von einem Ehrenmord im Immigranten-Milieu – und wurde prompt 2011 als deutscher Kandidat für den Auslands-Oscar nominiert.


Offizieller Filmtrailer


 

In den Fußstapfen von Kathryn Bigelow

 

Nun tritt Aladag in die Fußstapfen von Kathryn Bigelow: Die US-Regisseurin sucht sich gern harte Stoffe und Schauplätze aus, vor denen männliche Kollegen zurückschrecken. Ihr Irakkriegs-Drama „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ über Bomben-Entschärfer in Bagdad erhielt 2010 sechs Oscars. „Zero Dark Thirty“ über die Jagd auf Osama Bin Laden brachte Bigelow 2012 Ärger mit amerikanischen Patrioten ein: US-Einheiten foltern natürlich nicht.

 

„Zwischen Welten“ lief immerhin im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale. Aladag hat komplett on location in Afghanistan gedreht, was nur mit Billigung und Hilfe des Verteidigungsministeriums möglich war. Dieser Kriegsfilm kommt praktisch ohne Aufmarschpläne, Truppenbewegungen, Munition und Pyrotechnik aus. Er ist ein leises Kammerspiel – und dadurch so realistisch.

 

Ohne Dolmetscher keine Mittagspause

 

Bundeswehrsoldat Jesper (Ronald Zehrfeld) soll mit wenigen Männern ein afghanisches Dorf vor Angriffen schützen. Dazu muss er sich mit Miliz-Chef Haroon (Abdul Salam Jolofzai) verständigen, und dafür braucht er seinen Dolmetscher Tarik (Mohsin Ahmady). Der wird rasch sein Vertrauter, denn ohne ihn kann Jesper nichts bewerkstelligen – nicht einmal Bauarbeiter in die Mittagspause entlassen.

 

Tariks Übersetzer-Job ist lebensgefährlich; schon sein Vater wurde von Extremisten ermordet. Seine Schwester, die Ingenieurswesen studiert, wird gleichfalls angefeindet: Frauen hätten an der Uni nichts zu suchen. Als Tarik seinen Arbeitgeber um Schutz bittet, will Jesper helfen. Was jedoch der Dienstordnung widerspricht, auf die sein Vorgesetzter (Burkhard Klaußner) pocht.

 

In voller Kampfmontur unter sengender Sonne

 

Auch militärisch bewirkt das Kommando nichts. Als das Dorf attackiert wird und die lokale Miliz zurückschlägt, müssen Jespers Leute untätig zusehen: Ihr Einsatzbefehl lässt auf sich warten. Bestens ausgerüstet, doch verpflichtet, nur für ihre schlagkräftigeren NATO-Partner das Hinterland zu sichern, kapitulieren sie vor der hit and run-Taktik der Taliban-Angreifer.

 

Was Jesper am Sinn dieses Einsatzes ebenso zweifeln lässt wie Haroon und Tarik am Wert solcher Verbündeten. Für diesen culture clash findet Regisseurin Aladag beeindruckende Bilder. Wenn Bundeswehrsoldaten in voller hightech-Kampfmontur unter sengender Sonne in einer menschenleeren Bergwüste herumstehen oder mit rundum gepanzerten Transportern durch Hüttendörfer rollen, erscheinen sie wie Jedi-Krieger auf dem falschen Planeten.

 

Charity dance als Husarenstreich

 

Wobei sie weder Rambos noch Weicheier sind: Aladags Militärs, allen voran Jesper, entsprechen dem Idealbild vom verantwortungsvollen Bürger in Uniform. Sie wollen etwas bewirken und das Richtige tun, doch sie können und dürfen es nicht: Im bürokratischen Moloch Bundeswehr ist soldatische Eigeninitiative strikt untersagt.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Regisseurin Feo Aladag über „Zwischen Welten“

 

und hier eine Besprechung des Films „Stein der Geduld“  – Frauen-Schicksal in Afghanistan mit Golshifteh Farahani von Atiq Rahimi

 

und hier einen Beitrag über die Doku Generation Kunduz – Der Krieg der Anderen von Martin Gerster über Jugend in Afghanistan

 

und hier einen kultiversum-Bericht über den Film „Die Fremde“ – deutsch-türkisches Ehrenmord- Drama mit Sibel Kekilli von Feo Aladag.

 

Ihr wildester Husarenstreich ist ein charity dance event mit viel Bier und Gejohle: Die feiernden Kämpen sammeln Geld für den Besitzer einer versehentlich erschossenen Kuh, um ihn zu entschädigen. Dafür enthält das milliardenschwere Armee-Budget keinen Haushaltsposten.

 

Sozialexperiment mit unklarem Ausgang

 

Für das Aufspießen derartiger Absurditäten ist „Zwischen Welten“ auf der Berlinale kritisiert worden: Die Figurenzeichnung sei recht schematisch, die Handlung zu konstruiert und die Botschaft arg didaktisch. Doch solche Vorwürfe gehen ins Leere. Sie könnten nur greifen, gäbe es Gegenbeispiele, die es besser machten.

 

Die gibt es aber nicht: Regisseurin Aladag erfindet den zeitgenössischen deutschen Kriegsfilm quasi im Alleingang. Da mag man über manche leicht papierne Dialogzeile und absehbare Wendung getrost hinwegsehen. Dafür wird ein aufregendes Sozialexperiment mit ungewissem Ausgang vorgeführt.

 

Was passiert, wenn brave Bundesbürger – hervorragend trainiert, in Seminaren gecoacht und psychologisch betreut – in archaischen Weltgegenden landen und dort sogar, horribile dictu, auf Feinde feuern müssen? Diese Frage beantwortet „Zwischen Welten“, obwohl niemand sie stellen will: Die Bundeswehr führt natürlich keine Kriege.


Diesen Artikel drucken