München + Damstadt

Der Stachel des Skorpions: Ein Cadavre exquis nach Luis Buñuels »L’Âge d’or«

Der Stachel des Skorpions: 5. Episode, Julian Rosefeldt, Standbild, © Julian Rosefeldt. Fotoquelle: Villa Stuck, München

Im surrealistischen Filmklassiker „Das Goldene Zeitalter“ zeigte Buñuel 1929/30 verstörende Szenen voller Absurdität und Gewalt. Daran wollen sechs Kunst-Filme in der Villa Stuck anschließen: Ihre Attacken auf guten Geschmack geraten zur Attitüde.

„Cadavre exquis“ („Vorzüglicher Leichnam“) heißt ein Malspiel, bei dem jeder Mitspieler einen Teil des Körpers zeichnet, das Blatt faltet und weitergibt. An der Nahtstelle macht der Nächste weiter, ohne das ganze Bild zu kennen; am Ende ergeben sich bizarre Gestalten. Dieses Spiel war bei den Surrealisten als Methode zur absichtslosen Formfindung sehr beliebt.

 

Info

 

Der Stachel des Skorpions: Ein Cadavre exquis nach Luis Buñuels »L’Âge d’or«

 

28.03.2014 – 09.06.2014

täglich außer montags

11 bis 18 Uhr

im Museum Villa Stuck, Prinzregentenstraße 60, München

 

Weitere Informationen

 

22.06. – 05.10.2014

täglich außer montags

11 bis 18 Uhr

im Platanenhain der Mathildenhöhe,
Olbrichweg 15, Darmstadt

 

Weitere Informationen

 

So funktioniert auch die Ausstellung „Der Stachel des Skorpions“, die zurzeit in der Villa Stuck zu sehen ist. Marc Weis und Martin de Mattia vom Münchner Künstlerduo M + M träumen seit ihrem Studium von einer Hommage an den surrealistischen Avantgarde-Film „L’Age d’Or – Das Goldene Zeitalter“ von Luis Buñuel. Dafür wird nun die Villa zum Kunst-Kino mit sechs Beiträgen zeitgenössischer Künstler, allesamt Auftragsarbeiten. Sie entstanden in Kooperation mit der Mathildenhöhe in Darmstadt und werden anschließend dort gezeigt.

 

Sechs Episoden wie Skorpion-Schwanz

 

Struktur und Inhalt gibt Buñuels Film vor, der mit Doku-Aufnahmen von Skorpionen beginnt und aus sechs Episoden besteht – wie die Glieder des Reptil-Schwanzes. Den Auftakt macht Tobias Zielony: Er filmte mit Schwarzlicht Teilnehmerinnen eines Workshops in Palästina, während sie tote oder betäubte Skorpione animierten und quasi mit dem Tod spielten – eine irrlichternde Dokumentation.

 

Im Videoclip der Kunst-Musik-Combo „Chicks on Speed“ sind die Farben regenbogenbunt bis grell. Befreite Frauen recken ihre Extremitäten in den Himmel über der Wüste, und ein sprechendes Känguru referiert gesellschaftskritische Betrachtungen.

Der Film "L'âge d'Or" von Luis Buñuel (62 Min.)


 

Sodom + Gomorrha mit phallischem Zeppelin

 

M + M selbst drehten mit den Schauspielern Birgit Minichmayr und Christoph Luser ein kleines Schwarzweiß-Drama vor der Infrarotkamera; entsprechend wächsern sehen die Darsteller aus. Ein Liebespaar wird abgeführt, ein paar Beschimpfungen, ein paar Anrufungen, und wieder ist Nacht.

 

Bei Keren Cytter führt Kleinstadt-Langeweile in einer Bar zur Eskalation mit zwei Toten. Julian Rosefeldt schickt einen tumben Toren durch Sodom und Gomorrha. Die kaputte Kulissenstadt erinnert an Berlin: nackte alte Männer, ewig lockende Frauen vor hohlen Fassaden, und ein kleiner Zeppelin schwebt hübsch phallisch durch die Straßenflucht.

 

Obsessive Körpersäfte-Inszenierung

 

In einem Nachtclub beobachtet Rosefeldts Protagonist mit Faszination und Abscheu sexuelle Ausschweifungen – verschärftes „Cabaret“ in der Techno-Disco „Berghain“ als perfekt choreographierte 1920er-Jahre-Groteske in Schwarzweiß. Auch John Bock liefert einen Beitrag, eher eine Installation: Sein armer, alter und noch auf dem Totenbett geiler Marquis de Sade ist ein Maskenbildner-Artefakt aus Eiter, Krätze und Sperma.

 

Die anale Phase kehrt in der Kunst regelmäßig mit der obsessiven Inszenierung von Körpersäften wieder – wie auch in Matthew Barneys jüngstem, fünfstündigen Film „River of Fundament“, der Mitte März an der Bayerischen Staatsoper uraufgeführt wurde. Ein bisschen erinnert das an kleine Jungs, die demonstrativ in den Sandkasten pinkeln. Oder ist es immerwährender Ausdruck von Rebellion?

 

50 Jahre lang Aufführungs-Verbot

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Traum-Bilder – Die Wormland-Schenkung“ – mit Werken des Surrealismus von Max Ernst, René Magritte, Salvador Dalí und anderen in der Pinakothek der Moderne, München

 

und hier eine Besprechung der schaurig-schönen Ausstellung “Schwarze Romantik: Von Goya bis Max Ernst”  – mit Werken des Surrealismus im Städel, Frankfurt/Main

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Meret Oppenheim – Retrospektive“ – bislang größte deutsche Werkschau der surrealistischen Künstlerin im Martin-Gropius-Bau, Berlin.

 

„Die bürgerliche Moral ist für mich Unmoral, die man bekämpfen muss; diese Moral, die sich auf unsere äußerst ungerechten sozialen Institutionen wie Religion, Vaterland, Familie, Kultur gründet; überhaupt alles, was man so die Pfeiler der Gesellschaft nennt“, erklärte Buñuel seine Motivation, Filme zu drehen.

 

„Das Goldene Zeitalter“ entstand 1929/30, auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise. Nachdem Rechtsextremisten bei einer Pariser Aufführung wüteten, wurde der Film verboten; bis 1981 stand er auf dem Index. Vor dem Hintergrund der Psychoanalyse war Buñuels Blick ins (Alp-)Traumhafte und Unbewusste damals revolutionär.

 

Stachel des Skorpion sticht nicht

 

Mehr als 80 Jahre später muss man sich jedoch fragen: Was bedeutet „bürgerliche Moral“ heute, und welche – eventuell bekämpfenswerten – Institutionen prägen die Werte-Ordnung unserer Gesellschaft? Man kann viele, auch konträre Antworten finden, doch man sollte zumindest diese Fragen stellen.

 

Vielleicht ist das der Grund, warum „Der Stachel des Skorpions“ nicht recht sticht: Der Adressat bleibt unklar, und die Attacke auf den guten Geschmack gerät zur Attitüde, es krankt an einem Mangel an Aussagekraft.

 

Faszinierend an den sechs Episoden ist ihre stilistische Vielfalt, doch anders als das Original bleiben sie mehrheitlich l’art pour l’art. Ein interessantes Experiment, das aber als Ganzes misslungen ist.


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