Wien

Eric Fischl – Friends, Lovers and other Constellations

Study for "Annie, Gwenn, Lillie, Pam & Tulip", 1985. © Eric Fischl + Jablonka Galerie. Fotoquelle: Albertina, Wien

Der Maler des 11. September 2001: Seine Bilder von Terror-Opfern lösten in den USA einen Skandal aus. Dabei zählen die zarten Aquarelle fallender Menschen zu den besten Arbeiten von Eric Fischl, wie eine Werkschau in der Albertina augenfällig macht.

Glücklich ist ein Land, das unantastbare Institutionen kennt: etwa der sonntägliche Kirchgang, Waffenbesitz für alle oder die Helden der Nation. Das musste Eric Fischl erfahren, als er am ersten Jahrestag des Terror-Anschlags auf das World Trade Center seine Gedenk-Skulptur im Rockefeller Center enthüllte. Der allgemeine Aufschrei war so groß, dass sie nach zwei Tagen entfernt wurde.

 

Info

 

Eric Fischl – Friends, Lovers and other Constellations

 

12.02.2014 – 11.05.2014

täglich 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 21 Uhr in der Albertina, Albertinaplatz 1, Wien

 

Katalog 23 €

 

Weitere Informationen

 

Kritiker warfen Fischl vor, er wolle auf Kosten der Toten seine Karriere befördern. Was ihn in den für ihre taktvolle Pietät berühmten Vereinigten Staaten sofort disqualifiziert: mit patriotischen Gefühlen sein Süppchen kochen oder einen schnellen Dollar machen zu wollen, ist dort völlig indiskutabel.

 

Schulter-Landung schadet schwer

 

Nun kann sich das alte Europa ein Bild vom corpus delicti machen: Die Bronzeplastik „Tumbling Woman“ („Stürzende Frau“) ist Blickfang der Werkschau in der Albertina. In der Tat hat die lebensgroße, nackte Frau nichts Heroisches: Sie landet gerade in Hochspringer-Manier auf den Schultern, doch ihr Leib ist so verdreht, dass der Aufprall schwer schaden wird.


Impressionen der Ausstellung


 

Von 9/11 zu besten Arbeiten inspiriert

 

Offensichtlich hat sie ihre Körper-Kontrolle gänzlich verloren; wie nach langem Sturz aus großer Höhe nicht anders zu erwarten. Fischl stellt ein Terror-Opfer als desorientierte, hilflose und leidende Kreatur dar – das war ein Jahr nach dem Attentat so ungefähr das Allerletzte, was die US-Öffentlichkeit sehen wollte.

 

Eine Dekade später und 7000 Kilometer vom Ort des Geschehens entfernt zeigt sich jedoch: 9/11 hat Fischl zu einigen seiner besten Arbeiten inspiriert. An den Wänden um die Skulptur herum hängen Aquarelle voller Menschen mit grotesk verdrehten Gliedern in allen denkbaren Posen: Ihr Fall hebt die Schwerkraft und jede Ordnung auf.

 

So oberflächlich wie Alltagskultur selbst

 

Um solche Schlaglichter des Grauens zu skizzieren, genügen dem Künstler wenige hingetuschte Farbflächen auf weißem Grund. Dem Ausnahmezustand begegnet er mit äußerster Ökonomie seiner Mittel. Im Normalfall ist das anders, wie die übrige Ausstellung zeigt: Da malt Fischl oft genau so oberflächlich, beliebig und belanglos, wie die Alltagskultur erscheint, die er festhält.

 

Ende der 1970er Jahre begann er mit Schwarzweiß-Figuren auf transparentem Pergament-Papier, das er wie Folien ineinander schob; ein Legespiel für Kunststudenten. In den 1980ern entdeckte er Farben, Strandleben und das Bad in der Menge: Seither bevölkern mehr oder weniger nackte Gestalten bei Freizeitspaß und dolce far niente seine Bilder – gerne in mehr oder weniger eindeutig erotischen Konstellationen.

 

Alles Mögliche – oder auch gar nichts

 

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Maria Lassnig: Der Ort der Bilder in den Deichtorhallen, Hamburg

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Gottfried Helnwein – Retrospektive in der Albertina, Wien

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „BubeDameKönigAss“ mit Körperbildern von Martin Eder in der Neuen Nationalgalerie, Berlin.

 

Schwimmer planschen im pool wie Epheben von David Hockney; üppige Vorstadt-Grazien räkeln sich auf Gartenliegen wie weightwatcher-Olympias. Häufig sind Hunde unziemlich nahe; sodomitische Anspielungen verleihen diesen suburbia-Schnappschüssen ein wenig Würze. Doch Genaues weiß man nicht: Dafür sind die Situationen zu offen und unbestimmt. Vorher oder nachher könnte alles Mögliche passieren – oder auch gar nichts.

 

Fischl-Fans sehen ihn in einer Reihe mit großen Einzelgängern der Gegenwartskunst, die stets unbeirrt vom Zeitgeist an figurativer Malerei festhielten: etwa Lucian Freud oder Maria Lassnig. Doch deren psychologische Schärfe fehlt dem Amerikaner; nicht nur motivisch, sondern auch handwerklich.

 

Schauder für mystery-thriller-Fans

 

Schwungvoll umreißt er Körperformen, verwischt Gesichter, deutet Requisiten oder Räume fahrig an und lässt alles in der Schwebe – möge sich jeder seinen eigenen Reim drauf machen. Diese aufreizend anonymisierten Bilder lassen couch potatoes ahnungsvoll schaudern, die zu viele mystery thriller oder David-Lynch-Filme gesehen haben. Bis eine wirkliche Katastrophe hereinbricht: Dann wird gegen Fischls Kunst der ambivalenten Andeutung protestiert.


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