Louise Archambault

Gabrielle – (K)eine ganz normale Liebe

Martin (Alexandre Landry) und Gabrielle (Gabrielle Marion-Rivard) lernen sich in der Therapiegruppe kennen. Foto: P. Bosse / Alamode Film

(Kinostart: 24.4.) Girl meets Boy bei der Chorprobe: Zwei junge Behinderte mit Willams-Beuren-Syndrom wünschen sich ein normales Liebesleben. Das zeigt die kanadische Regisseurin Archambault mit wahrhaftiger Leichtigkeit und kleinen Kitsch-Momenten.

Girl meets boy: Gabrielle und Martin, beide Anfang 20, verlieben sich leidenschaftlich ineinander. Gabrielles Schwester Sophie ist von ihrer zarten Liebe begeistert und hilft mit Rat und Tat. Martins Mutter ist besorgt, überfürsorglich und hat Schwierigkeiten, ihren Sohn loszulassen.

 

Info

 

Gabrielle – (K)eine ganz normale Liebe

 

Regie: Louise Archambault,

104 Min., Kanada 2013;

mit: Gabrielle Marion-Rivard, Alexandre Landry, Mélissa Désormeaux-Poulin

 

Website zum Film

 

Einige Widerstände, ein bisschen Liebeskummer und die Frage: Kriegen sie sich oder nicht? Das hört sich nach einer ganz gewöhnlichen romantic comedy an. Ja und nein: Mit ihrer Liebe und Lust gehen die beiden Protagonisten ganz unbedarft um, lösen damit in ihrem Umfeld jedoch allerlei Sorgen aus.

 

WBS ähnelt Down-Syndrom

 

Gabrielle und Martin sind behindert: Sie haben das Williams-Beuren-Syndrom (WBS). Für diesen genetischen Defekt, der dem Down-Syndrom ähnelt, sind bestimmte äußere Merkmale und verminderte Intelligenz charakteristisch. Manche Betroffene leiden an Diabetes, Herzfehlern oder sind motorisch eingeschränkt. Doch WBS-Patienten haben auch besondere Stärken: Sie sind sehr musikalisch, kontaktfreudig und eloquent – und werden deshalb oft als cocktailparty personalities bezeichnet.


Offizieller Filmtrailer


 

Sie lebt betreut, er noch zuhause

 

Regisseurin Louise Archambault stellt in ihrem sensiblen Film „Gabrielle – (K)eine ganz normale Liebe“ die Frage nach Norm und Normalität in vielen Facetten. Ihr unbefangener Blick, das grandiose Spiel der Hauptdarstellerin mit WBS und wunderbare Nebendarsteller ergeben einen berührenden Film, der unterhält und nachdenklich stimmt.

 

Schauplatz ist Montreal: Gabrielle (Gabrielle Marion-Rivard) lebt in einer betreuten Wohngruppe, Martin (Alexandre Landry) bei seiner Mutter. Beide singen leidenschaftlich gern im Chor eines Kulturzentrums für Behinderte. Dort probt man für ein großes Festival und fiebert dem Auftritt eines bekannten frankokanadischen Sängers entgegen.

 

Sexualität und Liebe unter Behinderten

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Die Thomaner” – Doku von Paul Smaczny + Günter Atteln zum 800-jährigen Bestehen des Knaben-Chors

 

und hier einen Bericht über den Film „Im Garten der Klänge“  – über einen blinden Musik-Therapeuten von Nicola Bellucci

 

und hier einen Beitrag zum Film “Das Lied des Lebens” – Doku von Irene Langemann über einen Chor alter Menschen.

 

Im Kulturzentrum erhalten Menschen mit Behinderung eine professionelle Ausbildung in Schauspiel, Tanz und Gesang. Alle Darsteller spielen sich selbst und verleihen den Szenen dokumentarische Wahrhaftigkeit: Hier begegnen alle einander auf Augenhöhe. Die Chorproben gehören zu den Höhepunkten des Filmes. Mit Fragen wie „Wollt Ihr, dass die Zuschauer sagen: nicht schlecht für Behinderte?“ spornt der Leiter seinen Chor zu professionellen Leistungen an.

 

Als sich Gabrielle und Martin ineinander verlieben, wünschen sich beide mehr Freiheit und Selbstbestimmung. Ihr Wunsch, ein ganz „normales“ Leben zu führen, bringt aber Probleme mit sich: Was ist möglich, und wer hat die Verantwortung? Sexualität und Liebe unter Behinderten ist immer noch tabuisiert, mit Unsicherheiten und Ängsten besetzt. Das junge Paar muss sich durchsetzen und dabei auch eigene Grenze erkennen.

 

Realität unter Zuckerguss

 

Die Stärke des Films liegt in seiner Leichtigkeit. Die Darsteller spielen sich mit Lebensfreude und Authentizität sofort in die Herzen der Zuschauer. Anstelle eines Filmes über Behinderte hat Regisseurin Archambault einen Film mit starken Persönlichkeiten gedreht, der Einblicke in eine sonst oft verborgene Welt offenbart. Kleine Kitsch-Momente wie die süßliche Filmmusik verzeiht man da gerne: Unter dem Zuckerguss blitzt stets Realitätsnähe durch.


Diesen Artikel drucken