Pawel Pawlikowski

Ida

Mit leichtem Befremden betrachtet Wanda (Agata Kulesza, r.) das Gebet von Ida (Agata Trzebuchowska) im Freien. Foto: Arsenal Filmverleih

(Kinostart: 10.4.) So geht Vergangenheits-Bewältigung: Regisseur Pawlikowski lässt eine jüdische Nonne mit ihrer kommunistischen Tante in Polen 1962 nach ihren Wurzeln fahnden. Diese Zeitreise beschwört lakonisch den morbiden Charme Alteuropas herauf.

Polen im Winter 1962: Die junge Anna (Agata Trzebuchowska) ist als Kriegswaise im Nonnenkloster aufgewachsen. Sie kennt nur die Routine und Rituale der klösterlichen Gemeinschaft; von der übrigen Welt weiß sie praktisch nichts.

 

Info

 

Ida

 

Regie: Pawel Pawlikowski,

80 Min., Polen 2013;

mit: Agata Kulesza, Agata Trzebuchowska, Dawid Ogrodnik

 

Website zum Film

 

Bevor das Mädchen ein Gelübde ablegen darf, um sein Leben Gott zu weihen, schickt es die Äbtissin zur einzigen lebenden Verwandten. Anna fährt in die Stadt zu ihrer Tante Wanda (Agata Kulesza), der sie noch nie begegnet ist. Die begrüßt sie frostig und eröffnet ihr, sie sei Jüdin und heiße eigentlich Ida.

 

Kettenrauchendes KP-Mitglied

 

Wandas Lebenswandel könnte weltlicher kaum sein. Sie raucht Kette und trinkt schon zum Frühstück, ist KP-Mitglied, arbeitet nur noch widerwillig als Richterin und gönnt sich wechselnde Liebhaber. Doch Idas plötzliches Auftauchen rührt sie: Gemeinsam brechen sie auf, um das frühere Haus ihrer Familie auf dem Land aufzusuchen.


Offizieller Filmtrailer


 

James Dean spielt Jazz-Saxophon

 

Ein road movie über leer gefegte Landstraßen durch verschneite Wälder beginnt: In Wandas klapprigem Wartburg ist es so kalt, dass sie dauernd zum Flachmann greift. Zur Unterhaltung nimmt sie einen Anhalter mit: Der Jazz-Saxophonist Lis (Dawid Ogrodnik) ähnelt mit scheuem Blick und lässiger Tolle entfernt an James Dean.

 

Abends spielt Lis mit seiner Band just in dem Provinz-Hotel zum Tanz auf, in dem auch das ungleiche Duo absteigt. Wanda amüsiert sich feuchtfröhlich, Ida flieht das sündige Treiben – doch der Musiker hat ein Auge auf sie geworfen.

 

Naive Novizin stößt auf Kriegsgewinnler

 

Im einstigen Bauernhof von Idas Eltern empfängt man beide Frauen abweisend: Der katholische Bauer, der mit seiner Familie dort wohnt, fürchtet Rückgabe-Forderungen. Erst als Wanda mit dem Nachdruck einer studierten Juristin versichert, sie hegten keine Ansprüche, zeigt er ihnen widerstrebend die Stelle im Wald, wo Idas Angehörige ermordet und verscharrt wurden.

 

Naive Novizin und KP-Funktionärin mit Schuldgefühlen suchen nach ihren jüdischen Wurzeln – und stoßen auf einen Kriegsgewinnler, an dessen Händen Blut klebt. Das könnte ein Betroffenheits-Melodram voll bleischwerem Pathos werden, das schwer unter der Last seiner Bedeutsamkeit ächzt.

 

Cooler und unverfälschter als heute

 

Nicht so bei Pawel Pawlikowski: Der Exil-Pole, der seit 1977 in Großbritannien lebt und vor allem Dokus für die BBC gedreht hat, schlägt einen angenehm lakonischen Ton an. In körnigem Schwarzweiß und ruhigen, malerisch komponierten Einstellungen beschwört er mühelos die Atmosphäre des alten Europas herauf, das hinter dem Eisernen Vorhang lange erhalten blieb.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Kreuzweg“ – Milieustudie strenggläubiger Christen von Dietrich Brüggemann, prämiert mit dem Silbernen Bären 2014

 

und hier einen Bericht über den Film „Roman Polanski: A Film Memoir“ – Biographie-Doku des polnischen Regisseurs von Laurent Bouzerau

 

und hier einen Beitrag über den Film „Der deutsche Freund“ – Suche einer argentinischen Jüdin nach ihren deutschen Wurzeln von Jeanine Meerapfel.

 

„Mein Land war in den 1960er Jahren vielleicht grau, repressiv und unterjocht, aber auf gewisse Weise war es auch ‚cooler‘ und unverfälschter als das heutige Polen“, bemerkt er treffend.

 

Hipster girl in heiliger Einfalt

 

Damals drehten Regisseure wie Andrzej Wajda und Roman Polanski kühl existentialistische Thriller wie „Asche und Diamant“ oder „Das Messer im Wasser“, Tadeusz Kantor brachte komplexe Experimental-Collagen auf die Bühne seines Theaters „Cricot 2“; dazu erklang der beste Jazz des Kontinents.

 

„Ida“ ist eine Zeitreise in diese verflossene Ära, die keinen Augenblick lang nostalgisch oder sentimental gerät; schließlich werden Grundkonflikte verhandelt, die Polen bis heute prägen. Agata Trzebuchowska wurde als hipster girl in einem Warschauer Café für die Titelrolle entdeckt; die Amateurin schwebt mit regungslosem Antlitz in heiliger Einfalt durch den Film.

 

Moralischer Bankrott in einem Satz

 

Dessen heimliche Hauptfigur ist aber ihre Tante. Mit fein dosierten Mitteln verleiht Agata Kulesza ihrer Wanda morbiden Charme und bringt zugleich ihre Zerrissenheit zum Ausdruck. Dafür reicht ihr ein Satz wie: „Ich habe Menschen zum Tode verurteilt für … was auch immer, ich weiß es nicht“. Er enthält die ganze Desillusionierung einst überzeugter Kommunisten. Ihre Partei war 1962 schon moralisch bankrott, obwohl sie noch 27 Jahre an der Macht kleben sollte.

 

Deren Sturz nimmt Regisseur Pawlikowski am Ende vorweg und spielt den Fortgang der Geschichte im Eiltempo durch: erst Flirt mit sex, drugs & rock’n’roll, dann Rückkehr zum einzig wahren Glauben. Das sprengt den Rahmen dieses ansonsten formvollendeten period piece. Doch das Schicksal ihrer Helden mit der ganzen Nation gleichzusetzen, ist auch eine altehrwürdige polnische Tradition.


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