Lars von Trier

Nymph( )maniac – Teil 2

Joe (Charlotte Gainsbourg) vergnügt sich gerne doppelt. Foto: Christian Geisnaes / Concorde Filmverleih

(Kinostart: 3.4.) Befriedigender als der erste Teil: Regisseur von Trier schickt Charlotte Gainsbourg in diverse sexuelle Grenzerfahrungen, was dem Film besser bekommt als ihr. Dabei löst sie das Dilemma von Askese und Exzess gut protestantisch auf.

Endlich kommt Lars von Trier zur Sache. Nachdem er im ersten Teil seinem Spieltrieb freien Lauf ließ und diverse Episoden, Einfälle, Assoziationen und Abschweifungen kunterbunt aneinanderreihte, geht es im zweiten Teil endlich darum, was man vom biopic einer Nymphomanin erwarten darf: Sex.

 

Info

 

Nymph( )maniac Teil 2

 

Regie: Lars von Trier,

130 Min., Dänemark/ Deutschland/ Frankreich 2013;

mit: Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgård, Stacy Martin, Shia LaBeouf, Udo Kier

 

Website zum Film

 

Und zwar echten Sex. Im ersten Teil ließ zwar Stacy Martin als Darstellerin der jüngeren Joe schon viel nackte Haut sehen. Doch sie streunte so leidenschaftslos und tranig durch den Film, dass alle Bettszenen wie jugendfreie Fitness-Gymnastik wirkten. Nun verkörpert Joe eine richtige Frau: Charlotte Gainsbourg bringt genug sex appeal mit, um fleischliche Freuden glaubhaft zu machen.

 

Die Last mit der Lust

 

Wovon sie allerdings wenige erlebt: Stattdessen beschäftigt sie vor allem die Last mit der Lust, die fiebrige Suche nach intensiven kicks und der Katzenjammer, wenn Befriedigung ausbleibt. Hemmungsloser Spaß kommt nur anfangs auf, als Stacy Martin zum letzten Mal auftritt.


Offizieller Filmtrailer


 

Möglichst viele Löffel einführen

 

Da amüsieren sich Joe und ihr Gatte Jerôme (Shia LaBeouf) im Restaurant mit frivolem Ulk: Sie führt sich so viele Löffel ein, wie er ihr reicht. Beim Hinausgehen hinterlässt sie eine klappernde Besteck-Spur; beide kichern ausgelassen über ihren Pennäler-Scherz.

 

Danach ist Schluss mit lustig. Der überforderte Jerôme gibt ihr nolens volens die Lizenz zum Fremdgehen, was ihn aber vor Eifersucht rasend macht. Streit, Trennung, Zank um das gemeinsame Kind, Single-Dasein: Obwohl Joe alle erotischen Freiheiten hat, verkümmert ihr Begehren und Orgasmen werden rar.

 

Zu viele SM- + Keuschheits-Regeln

 

Jetzt experimentiert sie mit allen Ausschweifungen, die Libertinage zu bieten hat; etwa einen Dreier mit zwei Männern. Die sollen unbedingt schwarze ghetto boys sein, mit denen sie kein Wort wechseln kann. Ihr feuchter Traum scheitert: Für ein Sandwich ist gute Koordination nötig, und Afrikaner pflegen Meinungsverschiedenheiten ausgiebig zu erörtern.

 

SM fällt leichter: Fesseln, Knebel und Peitschen sind eine Sprache, die jeder versteht. Doch allein der Meister legt das Szenario penibel fest; Sonderwünsche und Gefühlsregungen verstoßen gegen die Regeln. Das erträgt die eigenwillige Joe nicht. Genauso wenig die strikten Vorgaben einer Selbsthilfegruppe Anonymer Sexsüchtiger: Erzwungene Keuschheit hält sie nicht aus.

 

Von Ex-Mann + Ziehtochter verprügelt

 

Plötzlich treibt Joe mit harten Bandagen Schulden ein. Und lässt sich von ihrem Boss (Willem Dafoe) die Straßengöre Renée (Tania Carlin) als potentielle Nachfolgerin vermitteln: Mit ihr erlebt Joe erstmals lesbischen Sex. Um prompt von Renée verraten zu werden, als sie ausgerechnet bei Jerôme aufschlagen muss.

 

Ihr Ex-Mann und ihre Beinahe-Ziehtochter machen sie gemeinsam fertig. So wird Joe von Seligman (Stellan Skarsgård) gefunden, dem sie hernach in der Rahmenhandlung ihre Lebensgeschichte erzählt – und der Kreis schließt sich.

 

Moderne mater dolorosa im Jammertal

 

Oder eher: Der Regisseur biegt ihn gewaltsam zusammen. Es geht ihm nie um Plausibilität, Entwicklung oder Introspektion, sondern um ein Stationendrama. Von Trier schickt seine Hauptfigur in sexuelle Versuchsanordnungen und protokolliert, wie sie damit zurecht kommt – schlecht oder sehr schlecht.

 

Er stigmatisiert sie sogar im Wortsinn: An intimen Körperstellen tauchen blutige Wunden auf, die nicht heilen wollen. Wobei Charlotte Gainsbourg als moderne mater dolorosa ihre Jammertäler so gefasst durchwandert, dass stets klar bleibt: Das ist kein Leben, sondern ein Verhaltensforschungs-Test.

 

Alle Lust will Ewigkeit

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Nymphomaniac Teil 1″ von Lars von Trier mit Charlotte Gainsbourg

 

und hier ein Interview mit Charlotte Gainsbourg: „Ich war für anstößigen Sex zuständig“ über den Film „Nymphomaniac“

 

und hier einen Bericht über das Weltuntergangs-Epos Melancholia von Lars von Trier mit Kirsten Dunst + Charlotte Gainsbourg.

 

Die kulturgeschichtlichen Vergleiche und Exkurse von Beichtvater Seligman fallen immer dürftiger und abseitiger aus; dafür gewinnt er als Person an Profil. Es hat sich austheoretisiert; er muss Farbe bekennen. Mit Enthaltsamkeit und distanzierter Beobachtung hat er sich viel Leid erspart – aber zugleich nie die Wonnen der Wollust gekostet. Will er das ändern, kostet es ihn den Kopf.

 

Wenn sie den verliert, ist dagegen Joe immer ganz bei sich. „Der einzige Unterschied zwischen mir und anderen Menschen ist vielleicht, dass ich immer mehr vom Sonnenuntergang erwartet habe: atemberaubendere Farben, wenn die Sonne auf den Horizont trifft. Das ist vielleicht meine einzige Sünde“, resümiert sie. Und Sonnenuntergang ist jeden Abend: Die ganze Welt soll ihre Sinne kitzeln – alle Lust will Ewigkeit, sagt Nietzsche.

 

So landet „Nymph( )maniac“ nach vier Stunden in zwei Teilen beim ewigen Dilemma zwischen Askese und Exzess: den endlos angestrebten Extremzuständen, die beide auf Dauer so unbefriedigend sind, dass unablässig der jeweils andere lockt. Lars von Trier neigt eindeutig Entsagung zu; das Gegenteil lässt er in einer letzten Volte tödlich enden. Darin erweist er sich als gut protestantischer Skandinavier.


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