Christian Bale

Auge um Auge – Out of the Furnace

Russell Baze (Christian Bale) ist bereit zum Showdown im Stahlwerk. Foto: Tobis Film

(Kinostart: 3.4.) Showdown im Stahlwerk: Christian Bale rächt seinen Bruder, der bei illegalen Faustkämpfen umkam. Seinen Thriller siedelt Regisseur Scott Cooper im US-Arbeitermilieu an – ein perfektes Hohelied auf klassisches Proletarier-Ethos.

In einer Zeit, in der alle Webdesigner, Event-Manager oder Top-Model werden wollen, vergisst man leicht, dass es auch noch bodenständigere Jobs gibt: Stahlkocher zum Beispiel. So einer ist Russell Baze (Christian Bale): Er arbeitet in der Stahlhütte von Braddock – mitten in den bewaldeten Hügeln Pennsylvanias, die so reizvoll wie der Schwarzwald aussehen.

 

Info

 

Auge um Auge –
Out of the Furnace

 

Regie: Scott Cooper,

116 Min., USA 2013;

mit: Christian Bale, Woody Harrelson, Casey Affleck,

Zoë Saldana

 

Website zum Film

 

Dagegen war sein jüngerer Bruder Rodney (Casey Affleck) als Berufssoldat schon vier Mal im Irak. Auf Heimaturlaub kommt er mit dem Kleinstadt-Alltag nicht mehr klar; meist hängt er in der Bar oder im Wettbüro herum. Wo er Schulden anhäuft, die sein Bruder dann wieder abstottern muss.

 

Totalverlust nach Sieg durch k. o.

 

Nun will Rodney auf einen Schlag viel Geld verdienen: bei illegalen Faustkämpfen um hohe Einsätze. Buchmacher John Petty (Willem Dafoe) organisiert solche fights. Er nimmt widerstrebend Rodney als seinen Boxer mit zu einem fingierten Kampf, den Harlan DeGroat (Woody Harrelson) ausrichtet, weil er bei diesem Gangsterboss Schulden hat. Entgegen der Absprache schlägt Rodney seinen Gegner k. o. – worauf sich DeGroat grausam rächt.


Offizieller Filmtrailer


 

Crack-Höhle ohne Drogendealer

 

Auch Russell ergeht es schlecht. Nach einem schweren Autounfall, bei dem er angetrunken am Steuer saß, landet er im Knast. Während der Haft stirbt sein Vater; zudem verlässt ihn seine Freundin Lena (Zoë Saldana) für den örtlichen Sheriff (Forest Whitaker). Dann verschwindet Rodney, und der Sheriff weigert sich, nachzuforschen: Die Gegend, in der DeGroats Leute hausen, sei zu gefährlich.

 

Also macht sich Russell mit seinem Onkel Gerald (Sam Shepard) auf eigene Faust auf die Suche. Sie finden die einsam gelegene Crack-Höhle, die dem Drogendealer als Hauptquartier dient, doch nicht ihn selbst. Russell lockt DeGroat mit einem Trick nach Braddock und stellt ihn im Stahlwerk – auf vertrautem Terrain ist er im Heimvorteil.

 

Poor + white, aber nicht trash

 

Eine schlichte Fabel um Schuld und Sühne tischt Regisseur Scott Cooper da auf. Nicht was, sondern wie er das erzählt, ist atemberaubend, und vor allem: wo. Einst begann mit der Industrialisierung im Nordosten der USA ihr Aufstieg zur Weltmacht; heutzutage dämmert der rust belt im scheinbar unaufhaltsamen Niedergang vor sich hin.

 

Leidtragende sind Leute wie die Gebrüder Baze: poor and white, aber keineswegs trash. Im Gegenteil: Als Arbeitern der Faust mit dem Ehrgefühl gestandener Proletarier bedeuten ihnen Solidarität, Mut und Gerechtigkeit viel. Dass Rodney nach seinen Fronterlebnissen nicht zur Malocher-Routine in die Stahlhütte zurückkehren will, löst das Verhängnis aus – doch Russell riskiert alles, um die Scharte wieder auszuwetzen.

 

Ein Film wie aus dem Hochofen

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier einen Bericht über den Film „Dead Man Down“  – gelungener Rache-Thriller von Niels Arden Oplev mit Colin Farrell + Noomi Rapace

 

und hier eine Besprechung des Films „Broken City“  – düsterer Thriller mit Russell Crowe + Mark Wahlberg von Allen Hughes

 

und hier einen Beitrag über den Film „Der Dieb der Worte“ – Hochstapler-Thriller von Brian Klugman + Lee Sternthal mit Zoë Saldana.

 

Solche Vergeltungslogik kommt im Kino oft archaisch blutrünstig daher, wie der deutsche Verleihname suggeriert. Der englische Originaltitel Out of the Furnace passt wesentlich besser zum Film. Dieser Film scheint „aus dem Hochofen“ zu kommen: entschlackt, gehärtet, auf den Glutkern reduziert. Jede lässige Geste sitzt, jede Dialogzeile trifft ins Schwarze; alle Charaktere wirken höchst authentisch.

 

Was auch am beeindruckenden Star-Ensemble liegt, das Regisseur Cooper für diese eher kleine Produktion verpflichten konnte. Allen voran Christian Bale, der seinen Retter der verlorenen Familienehre so konzentriert, unaufgeregt und souverän spielt, als hätte er nie Batman verkörpert. Fast unverständlich, dass Casey Affleck seinem Bruder-Vorbild nicht folgen mag.

 

Family values ohne Kitsch

 

Woody Harrelson als soziopathischem Superschurken gelingt eine fabelhafte Kreuzung seiner mega-sadistischen Rolle in „Natural Born Killers“ (1994) von Oliver Stone mit seinem größenwahnsinnigen „Hustler“-Verleger Larry Flint im gleichnamigem biopic (1996) von Milos Forman: Bösartiger kann ein Antiheld nicht sein. Und kein Gegenspieler gelassener als Sam Shepard.

 

Family values ohne reaktionären Kitsch, ein Rachefeldzug ohne aufdringliches Imponiergehabe, schnörkellos voller Vertrauen in exzellente Schauspieler gefilmt: Im Rahmen des Thriller-Genres stimmt hier einfach alles. Gut möglich, dass der eine oder andere arbeitslose Webdesigner oder Event-Manager sich beim Zusehen überlegt, auf Stahlkocher umzuschulen.


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