Maria Schrader

Vergiss mein Ich

Lena Ferben (Maria Schrader) trägt Schnurrbart unter dem Esstisch. Foto: Real Fiction Filmverleih

(Kinostart: 1.5.) Regression zum Riesenbaby: Im Film von Jan Schomburg spielt Maria Schrader eine Akademikerin, die an Amnesie leidet. Doch das Drehbuch lässt sie ins Halbdebile abrutschen: für eine Nummernrevue mit peinlicher Situationskomik.

Psychische Störungen und Geisteskrankheiten im Film darzustellen, ist schwierig: Wie Bilder für subjektives Erleben von Betroffenen finden, die gesunden Zuschauern plausibel erscheinen? Nicht die Sinneswahrnehmung ist bei Kranken verzerrt, sondern ihre Interpretation – was sich Anderen kaum vermitteln lässt.

 

Info

 

Vergiss Mein Ich

 

Regie: Jan Schomburg,

95 Min., Deutschland 2014;

mit: Maria Schrader, Johannes Krisch, Ronald Zehrfeld

 

Website zum Film

 

Daran scheiterte Hans Weingartners Porträt eines jungen Schizophrenen in „Das weiße Rauschen“ (2002): Unscharfes Überblenden zu dumpf pochenden Störgeräuschen mag den Kater nach einer Party-Nacht voller Pillen und Techno illustrieren, aber keine Psychose. Ähnlich abwegig gerät die Schilderung einer retrograden Amnesie, also des Verlusts jeder Erinnerung an die Zeit vor einem traumatischen Ereignis, die sich Jan Schomburg in „Vergiss mein Ich“ vornimmt.

 

Verschleppte Enzephalitis

 

Die Geisteswissenschaftlerin Lena Ferben (Maria Schrader) bricht auf einer Party zusammen: Ihr Blickfeld verschwimmt, ihr Gehör setzt aus. Im Krankenhaus wird eine verschleppte Hirnentzündung diagnostiziert. Maria hat die Erinnerung an ihr bisheriges Leben verloren, obwohl ihre sonstigen Fähigkeiten weitgehend intakt bleiben.


Offizieller Filmtrailer


 

Völlig überzogenes overacting

 

Die Amnesie betrifft auch eigene Gefühle: Sie hat ihre Emotionen vergessen und weiß nicht mehr, wann und worüber sie sich freuen, ärgern oder grämen soll – und wie sie dem mimisch und gestisch Ausdruck verleihen kann. Ein Therapeut und ihr verständnisvoller Mann Tore (Johannes Krisch) helfen ihr geduldig, sich langsam wieder in ihre Persönlichkeit einzufinden. So weit, so plausibel.

 

Leider verleitet Regisseur Schomburg seine Hauptdarstellerin zu völlig überzogenem overacting. Maria Schrader tapst wie eine reine Törin durch den Film, als sei ihr gesamtes Hirn arg in Mitleidenschaft gezogen – obwohl sie sich fließend artikuliert und ihr Faktenwissen offenbar nicht gelitten hat.

 

Grenzdebiles Riesenbaby beim one night stand

 

Als grenzdebiles Riesenbaby spielt sie daheim wie im Kindergarten und leistet sich am laufenden Band fauxpas: Hemmungslos provoziert sie Mitmenschen. Mit einer Zufallsbekanntschaft (Ronald Zehrfeld) hüpft sie beim ersten Treffen ins Bett – und wundert sich, dass sie der Sex kalt lässt, aus dem one night stand keine große Liebe wird und der Seitensprung ihren Mann brüskiert.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Side Effects“  – Psychiatrie-Thriller mit Jude Law von Steven Soderbergh

 

und hier einen Beitrag über den Film „Finsterworld“  – episodenhafte Tragi-Komödie von Frauke Finsterwalder mit Ronald Zehrfeld

 

und hier einen kultiversum-Bericht über den Film „Inception“ – Psycho-Thriller über Unterbewusstsein von Christopher Nolan.

 

Diese Nummernrevue sorgt zwar für peinlich berührende Situationskomik, kann das Phänomen Amnesie aber kaum erhellen. Ebenso wenig die damit verbundenen Identitätsprobleme: Was bedeutet es, wenn jemand mühsam wieder lernen muss, er selbst zu sein – sogar in seinen innersten Regungen? Wie authentisch ist diese Persönlichkeit, die auf dem zweiten Bildungsweg erworben wird? Und umgekehrt: War die verloren gegangene Identität originaler – nur weil sie früher und unter anderen Umständen entstand?

 

Gegenläufige Erzählstränge in „Memento“

 

Christopher Nolan, Regisseur der „Batman“-Trilogie und von „Inception“ (2010), hat im Film „Memento“ aus dem Jahr 2000 Erinnerungsverlust brillant visualisiert. Sein Held leidet an anterograder Amnesie: Seit einem Schock kann er sich neue Eindrücke nicht mehr merken. Nolan lässt in der Gegenwart spielende Szenen rückwärts ablaufen; so ist das Publikum genauso desorientiert wie die Hauptfigur. Damit das Geschehen verständlich wird, schneidet der Regisseur die Vorgeschichte in chronologisch richtigen Schwarzweiß-Szenen dazwischen.

 

Für solch eine kühne und formal raffinierte Lösung ist „Vergiss mein Ich“ viel zu bieder. Sein Plot ist im üblichen Akademiker-juste milieu angesiedelt, in dem man bei Rotwein ausgiebig über Forschungsprojekte und Uni-Lehraufträge schwadroniert. Wenn Lena am Ende triumphal ihr neues Buch vorstellt, bleibt völlig schleierhaft, wie ihr die Rückkehr in die Normalität geglückt ist. Ein Film, den man getrost vergessen kann.


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