Pelin Esmer

Watchtower – Gözetleme Kulesi

Nihat (Olgun Simsek) beobachtet die Umgebung mit seinem Fernglas. Foto: AF Media Art Film

(Kinostart: 17.4.) Schauerromantik alla turca: Im dunklen Bergwald leben ein Brandwächter und eine Inzestgeschädigte in Zwangsgemeinschaft zusammen. Soziale Konflikte inszeniert Regisseurin Esmer so plakativ wie in Problemfilmen der 1970/80er Jahre.

Diese Türkei kennt kaum ein Tourist: steile Bergketten mit kühlem, feuchten Klima, bewachsen von dichten Nadelwäldern. Die Gegend sieht wie der Schwarzwald oder das Riesengebirge aus, doch sie liegt im Norden des Landes an der Schwarzmeerküste. In der alpin anmutenden Region spielte schon „Bal – Honig“ von Semih Kaplanoglu, Berlinale-Gewinner 2010.

 

Info

 

Watchtower
Gözetleme Kulesi

 

Regie: Pelin Esmer,

96 Min., Türkei 2012;

mit: Olgun Simsek, Nilay Erdönmez, Menderes Samancilar 

 

Website zum Film

 

Hier tritt Nihat (Olgun Simsek) seinen neuen Job an: als Wächter gegen Waldbrände. Dazu muss er allein in einem Wachturm fern der Zivilisation wohnen; vom Bergkamm aus beobachtet er mit dem Fernglas die Baumwipfel ringsum. Seine einzige Verbindung zur Außenwelt ist ein Funkgerät; damit fragt sein Chef regelmäßig ab, ob „alles normal“ sei. Manchmal wechselt Nihat über Funk mit seinen verstreut hausenden Wächter-Kollegen ein paar private Worte; selten steigt er ins Tal hinab.

 

Von Schicksalsschlägen geplagt

 

Ähnlich isoliert ist Seher (Nilay Erdönmez): Die Literatur-Studentin hat Uni und Elternhaus verlassen. Jetzt verdingt sie sich als Reisebegleiterin in Fernbussen und übernachtet in einer Kammer am Busbahnhof der Kleinstadt Tosya. Beide haben sich in diesen entlegenen, spärlich besiedelten Landstrich zurückgezogen, weil sie die Erinnerung an Schicksalsschläge plagt.


Offizieller Filmtrailer (engl. Untertitel)


 

Schuldgefühle + Gewissensbisse reisen mit

 

Nihat verlor Frau und Kind bei einem Verkehrsunfall; wie sich später herausstellt, saß er am Steuer. Seher ist ungewollt schwanger – und der Vater ein Verwandter, wie sie ihrer Mutter eröffnet. Daher verdrängt sie es bis zur Sturzgeburt; das Neugeborene setzt sie am Busbahnhof aus. Was Nihat entdeckt; er nimmt die sich sträubende Mutter samt Baby in seinem Wachturm auf. Wortkarg und feindselig leben sie nebeneinander her, bis es zum Eklat kommt.

 

Diese Konstellation kennt jeder Kinogänger: Zwei Außenseiter fliehen vor ihrer Vergangenheit und wollen anderswo neu anfangen. Doch Schuldgefühle und Gewissensbisse reisen mit und lassen ihnen keine Ruhe. Soweit, so geläufig; es kommt darauf an, was man daraus macht. Regisseurin Pelin Esmer macht daraus herzlich wenig.

 

Bilder wie von Caspar David Friedrich

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Jahreszeit des Nashorns“  – brilliantes Polit-Psychodrama über Exil-Iraner in der Türkei von Bahman Ghobadi

 

und hier einen Beitrag über den Film “Babamin Sesi – Die Stimme meines Vaters” von Orhan Eskiköy + Zeynal Doğan über kurdische Aleviten in der Türkei

 

und hier einen Bericht zum Film Once upon a time in Anatolia – perfektes Roadmovie als Total-Panorama der Türkei von Nuri Bilge Ceylan

 

Allzu sehr vertraut sie auf düstere Waldwege, zerzauste Baumkronen und unheilschwanger dräuende Wolkenformationen als visuelle Metaphern für die dunklen Geheimnisse, die ihre Protagonisten mit sich herumtragen. So verbreiten die Bilder zwar delikat romantische Stimmungen à la Gemälde von Caspar David Friedrich, aber ohne dessen metaphysische Ahnung des Unendlichen.

 

Stattdessen sollen willkürlich eingestreute Schlüsselszenen sehr diesseitige Konflikte transportieren: Frust über ausbeuterische Chefs, die ihre Versprechen nicht einhalten, und über Familienpatriarchen, die Nöte ihrer Kinder ignorieren. Oder der finale Schlagabtausch zwischen Nihat und Seher, wer von ihnen der größere Sünder ist – passend dazu schlägt neben ihnen der Blitz ein.

 

Wichtiges nebenbei gesagt

 

Das ist alles sehr plakativ und schematisch. Obwohl sich der Film stilistisch in der Tradition des türkischen Autorenkinos bewegt: Ruhige, malerische Sequenzen; sorgfältig komponierte Einstellungen und sparsame Wortwechsel, in denen Wichtiges meist nebenbei gesagt wird. Doch Regisseurin Esmer kommt mit diesen Stilmitteln nicht zurecht. Ebenso wenig ihre Hauptdarsteller, die ihr verschlossenes, introvertiertes Auftreten nicht nuancieren.

 

Das Resultat erinnert an sattsam bekannte Thesenfilme der 1970/80er Jahre. Soziale Probleme werden aufgerufen und reichlich ungelenk abgehandelt: von mehr oder minder begabten Schauspielern in hölzernen Dialogen, während die Handlung über allerlei Brüche vor sich hin holpert. Das gilt dann als gesellschaftlich relevant: Die „Deutsche Film- und Medienbewertung“ verlieh „Watchtower“ das Prädikat „besonders wertvoll“.


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