Jalil Lespert

Mutter hielt YSL für den Größten

Jalil Lespert bei der Filmpremiere von "YSL" auf der Berlinale 2014. Foto: ©SquareOne/Universum
Keine Diva, sondern ein Kreativer, der mit Sucht und Depression rang: Über Yves Saint Laurent hat Jalil Lespert einen "antimodischen" Film gedreht. Ein Interview über die Kooperation mit YSL-Partner Pierre Bergé und masochistische Kritiken-Lektüre.

Der Film erscheint zusammen mit dem Revival des YSL-Labels in der Modeszene. Ist das der richtige Zeitpunkt für solch einen Film?

 

Der erste Filmtitel war eigentlich "Love by itself", aber der Verleiher mochte ihn nicht. Es gibt bei mir keine direkte Beziehung zur Mode. Ich wollte keinen "modischen" Film im Wortsinn machen, sondern eher einen antimodischen.

 

Dennoch denkt man, wenn es um Yves Saint Laurent geht, zwangsläufig erst einmal an dessen Mode und dann an ihren Schöpfer. Der Verdacht liegt also nahe.

 

Info

 

Yves Saint Laurent

 

Regie: Jalil Lespert,

105 Min., Frankreich 2013;

mit: Pierre Niney, Guillaume Gallienne, Charlotte Le Bon

 

Website zum Film

 

Ich wollte eigentlich einen klassischen Film machen, der gut altert. Im allgemeinen Bewusstsein zählt YSL zu den Kreativen und wird in einem Atemzug mit anderen künstlerischen Genies genannt. Deswegen ist wichtig für den Film, zu zeigen, was Mode ausmacht, aber dies mehr als Hintergrund.

 

Leiden + große Liebesgeschichte

 

Vielmehr wollte ich den künstlerischen Schaffensprozess an sich zeigen. Häufig ist es ja so, dass Genies im gewissen Maße verrückt sind, womit auch ein Leiden am Leben verbunden ist. Einerseits gibt es bei solchen Menschen das unbedingte Bedürfnis, etwas zu schaffen, was ihnen auch durchs Leben hilft. Andererseits trägt das Kreative auch zu ihrem Leiden bei.

 

Außerdem wollte ich auch eine große Liebesgeschichte erzählen: die von Yves Saint Laurent und Pierre Bergé. Er war immer eine Stütze für YSL. Bei solchen Geschichten geht es mir darum, zu zeigen, wie zwei Menschen in dieselbe Richtung blicken können – und nicht, wie sie einander anschauen.


Offizieller Filmtrailer


 

Beziehung von YSL + Bergé ist Weltkultur

 

Ihre Zusammenarbeit mit Bergé war sehr eng; der Film nimmt ja auch seine Perspektive ein. Dennoch fällt sein Porträt nicht immer sehr schmeichelhaft aus. War er damit einverstanden?

 

Ich habe Pierre Bergé in der Vorbereitungsphase getroffen und ihm mein Anliegen vorgestellt, aus seiner Sicht das Leben von YSL zu erzählen. Ich finde das menschlich ein normales Vorgehen. Die Zusammenarbeit sollte mit großem Respekt verlaufen, allerdings auch auf Augenhöhe. Er hat sehr schnell verstanden, was ich mit dem Projekt will, und auch das Drehbuch zur Lektüre erhalten. Klar war allerdings immer, dass er nicht eingreifen darf; wohl aber hat er seine Meinung geäußert.

 

Ich wollte YSL nicht auf ein Podest stellen, und habe außerdem einige Episoden frei interpretiert. Immerhin handelt es sich um einen Spielfilm und keine Dokumentation. Bergé war klar, dass letztlich die Beziehung, die er mit YSL erlebt hat, nicht mehr nur seine eigene, sondern mittlerweile Weltkultur geworden ist.

 

Mode-Inszenierung hat sich stark geändert

 

Mir war außerdem die Zusammenarbeit mit der Stiftung von Bergé und YSL wichtig, die sich um den künstlerischen Nachlass kümmert: etwa die Kleider, deren Verwertung und Schutz, damit sie zum Beispiel in Museen ausgestellt werden können. Dadurch bekam ich Kontakt zu anderen Leuten aus seinem Umfeld, die am Schaffensprozess beteiligt waren: Zeichnerinnen, Näherinnen usw.

 

Das hat mir nicht nur bei der Schauspielerführung geholfen, vor allem bei Hauptdarsteller Pierre Niney. Ich habe auch erfahren, wie Modeschauen damals inszeniert wurden. Im Film geht es immerhin um drei völlig verschiedene Epochen; die Inszenierung von Mode hat sich im Lauf der Jahre sehr stark geändert.

 

Kritiken eigener Filme lesen ist masochistisch

 

Es ist noch ein weiterer Film über YSL in Arbeit; Ihr Film wurde von der französischen Presse gemischt aufgenommen. Was denken Sie darüber, und wie waren Pierre Bergés Reaktionen?

 

Dass es einen weiteren Film über YSL geben wird, ist völlig natürlich. Es ist ja auch ein guter Stoff, und ich werde mir den anderen Film sicher ansehen, weil ich mich grundsätzlich für Film interessiere. Kritiken lese ich grundsätzlich nicht, weil die oft keine Lust auf Kino machen; ich möchte mich davon nicht beeinflussen lassen. Diejenigen über meine eigenen Filme lese ich schon gar nicht; ich bin kein Masochist.

 

Ich mache Filme seit meinem 18. Lebensjahr; das ist für mich das Wichtigste. Ich habe meinen eigenen Geschmack und Ästhetik; entweder es gefällt oder eben nicht. Ich freue mich natürlich über positive Publikumsreaktionen, bin mit ihnen zufrieden und schaue nicht genauer hin.

 

Entspannter YSL-Partner

 

Pierre Bergé ist das ziemlich egal, glaube ich. Wenn man ein gewisses Alter erreicht und soviel erlebt hat wie er, hat man ein relativ leichtes Verhältnis zu den Dingen und nimmt alles nicht mehr so ernst; das habe ich bei ihm beobachtet. Aber das ist nur mein persönlicher Eindruck; am besten fragen Sie ihn selbst.

 

Modeschauen am Fernseher verfolgen

 

Inzwischen haben Sie sich als arthouse-Regisseur einen Namen gemacht. Nun haben Sie einen relativ massenkompatiblen Film gemacht. Wie finden Sie da die Balance?

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films "Yves Saint Laurent" von Jalil Lespert

 

und hier einen Beitrag über den Film “Kill Your Darlings”  - Drama über das Coming Out des Beatnik-Dichters Allen Ginsberg von John Krokidas

 

und hier einen Beitrag über den Film "La Grande Bellezza – Die große Schönheit" - Oscar-prämiertes Porträt eines gealterten Dandys in Rom von Paolo Sorrentino

 

und hier einen Bericht zum Film "Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll" - brillantes Biopic über den schrillen US-Entertainer von Steven Soderbergh mit Michael Douglas.

 

Es ist immer schön, Erfolg zu haben. Ich habe im arthouse-Kino angefangen, aber dieser Film ist bisher mein größter Erfolg. Schon bevor ich damit anfing, wusste ich, dass von YSL eine gewisse Aura ausgeht, und dass man meinen Film hohe Erwartungen knüpfen würde.

 

Ich kann mich noch daran erinnern, wie in meiner Kindheit diese Modeschauen aufgenommen wurden. Meine Mutter und meine Tante mit algerischem Hintergrund haben in ihrem Pariser Vorort die Modeschauen am Fernseher verfolgt und YSL für den Größten gehalten. Seine Mode hat viele angesprochen, und für meinen Film habe ich mir dasselbe gewünscht.

 

Kein Film für Pariser Snobs

 

Außerdem wollte ich mich vom typischen Pariser Snobismus absetzen, der nur eine sehr kleine Gruppe betrifft, die sich für etwas Besseres hält. Ich wollte ein größeres Publikum erreichen, und möglichst genau die Geschichte von YSL, seiner Sucht und Depression erzählen.

 

Durch sein kreatives Schaffen konnte er mit seinen Leiden umgehen und teilweise auch überwinden. Das wollte ich zeigen, keine launenhafte Künstlerdiva. Diese Art der Erzählung hat wohl ins Schwarze getroffen: Ich bekomme von Älteren wie Jüngeren positive Reaktionen.

 

Mögen Sie YSL eigentlich als Person?

 

Ja, ich mag ihn sehr und hoffe, er wäre stolz auf diesen Film gewesen.


Diesen Artikel drucken