Jalil Lespert

Yves Saint Laurent

Yves Saint Laurent (Pierre Niney) mit seiner Muse Victoire Doutreleau (Charlotte Le Bon). Foto: Tibo & Anouchka / SquareOne/ Universum Film

(Kinostart: 17.4.) YSL: Drei Buchstaben eroberten in den 1960ern die Modewelt. Der geniale Couturier war schwul, manisch-depressiv und drogensüchtig. Wie er dennoch den Look einer Epoche prägte, erzählt Regisseur Lespert einfühlsam und etwas brav.

Ein pied-noir („Schwarzfuß“), wie Algerienfranzosen von ihren Landsleuten genannt werden, hat die Modewelt revolutioniert. Das war dem schüchternen Spross einer Großindustriellen-Familie nicht in die Wiege gelegt. Geboren und aufgewachsen in der algerischen Großstadt Oran, gewann Yves Saint Laurent (YSL) mit 17 Jahren einen Wettbewerb im Modezeichnen.

 

Info

 

Yves Saint Laurent

 

Regie: Jalil Lespert,

105 Min., Frankreich 2013;

mit: Pierre Niney, Guillaume Gallienne, Charlotte Le Bon

 

Website zum Film

 

Wenig später zieht er nach Paris um; im Atelier von Christian Dior lernt er sein Handwerk von der Pike auf. Mit nur 21 Jahren wird er 1957 die rechte Hand des Modeschöpfers, der kurz darauf überraschend stirbt. YSL folgt ihm als künstlerischer Direktor nach; seine erste eigene Kollektion begeistert die Presse und die Pariser high society, zu deren Lieblingen er fortan zählt.

 

Rauswurf bei Dior wegen Wehrdienst

 

Bald lernt er den Kunsthändler Pierre Bergé kennen, der sein Lebens- und Geschäftspartner wird. Als YSL den Wehrdienst verweigert, um nicht in den Algerienkrieg ziehen zu müssen, und daraufhin vom Haus Dior entlassen wird, gründen beide 1961 gemeinsam das Label „Yves Saint Laurent“; es wird Jahrzehnte lang die Modewelt mit bestimmen. So kreiert YSL 1963 das berühmte Mondrian-Kleid und macht in den 1970er Jahren Hosenanzüge für Frauen endgültig salonfähig.


Offizieller Filmtrailer


 

Ex-Lebensgefährte Bergé arbeitete mit

 

Regisseur Jalil Lespert verfolgt das Leben des Couturiers von 1957 bis zum Ende der 1970er Jahre; diese Phase dürfte seine produktivste gewesen sein. Dabei nimmt der Film die Perspektive seines Lebensgefährten Pierre Bergé ein, der bei der Vorbereitung als Quelle eine wichtige Rolle spielte. Überdies wurde der Film weitgehend an Original-Schauplätzen gedreht, wie dem Atelier von YSL oder seiner Sommerresidenz in Marrakesch.

 

Das verleiht dem setting größtmögliche Authentizität, auch wenn sich Regisseur Lespert einige erzählerische Freiheiten erlaubt. Sein Anspruch war, möglichst alle Facetten der Persönlichkeit von YSL zu zeigen; er lässt also weder die Drogensucht noch die manisch-depressive Störung aus, mit denen der Designer zeitlebens zu kämpfen hatte.

 

Lagerfeld erst Freund, dann Konkurrent

 

Mit der Wahl seines Hauptdarstellers hat der Regisseur einen echten Glücksgriff getan: Pierre Niney  sieht dem echten YSL nicht nur zum Verwechseln ähnlich, sondern geht auch völlig in seiner Rolle auf. Auch die anderen Schauspieler machen ihre Sache gut, allen voran Guillaume Gallienne als Pierre Bergé.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Regisseur Jalil Lespert über den Film „Yves Saint Laurent

 

und hier eine Besprechung des Films “Kill Your Darlings”  – Drama über das Coming Out des Beatnik-Dichters Allen Ginsberg von John Krokidas

 

und hier einen Beitrag über den Film „La Grande Bellezza – Die große Schönheit“ – Oscar-prämiertes Porträt eines gealterten Dandys in Rom von Paolo Sorrentino

 

und hier einen Bericht zum Film „Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll“  – brillantes Biopic über den schrillen US-Entertainer von Steven Soderbergh mit Michael Douglas.

 

Daneben tauchen auch viele andere Berühmtheiten der Zeit auf, etwa Karl Lagerfeld (Nikolai Kinski): Mit ihm war der junge YSL zuerst befreundet, später wurde er sein ärgster Konkurrent. Schließlich war der haute couture-Modezirkus damals mehr als heute eine exklusive Angelegenheit und den rich and beautiful oder angesagten Film- und Rockstars vorbehalten.

 

Brave Modewelt ohne Ausschweifungen

 

Visuell ist der Film eine opulent ausgestattete Zeitreise durch drei ästhetisch sehr unterschiedliche Epochen: die steifen 1950er, die rebellischen 1960er und die lässigen 1970er Jahre. Durch die enge Zusammenarbeit mit Pierre Bergé und seiner Stiftung kann Regisseur Lespert ziemlich genau die Arbeitsweise von YSL zeigen und auf seine Original-Kleider und Entwürfe zurückgreifen.

 

Das ist schön anzusehen. Allerdings hält sich der Film bei der Darstellung der damaligen Mode-Szene sehr zurück. Selbst die wilden, drogengeschwängerten 1970er Jahre erscheinen bei ihm seltsam brav und alles andere als ausschweifend. Das mag daran liegen, dass die fashion world nur als – wenn auch äußerst schicker – Hintergrund fungiert.

 

Liebesgeschichte geht vor

 

Für Regisseur Lespert ist die Liebesgeschichte zwischen den beiden Männern, die immer offen mit ihrer Homosexualität umgingen, wichtiger als namedropping oder modische Accessoires. Diese histoire d’amour erzählt er einfühlsam samt allen Höhen und Tiefen, die eine langjährige Beziehung mit sich bringt – zudem waren Bergé und YSL auch Geschäftspartner.

 

Der schlichte Filmtitel drückt aus, dass der Mensch und Künstler Yves Saint Laurent ganz im Zentrum steht: wie er trotz oder gerade wegen seiner Leiden seine Kreativität auslebte. Das darzustellen, ist Regisseur Lespert eindeutig gelungen; er zeigt die Leistung des Modegenies in neuem Licht.


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