Viggo Mortensen + Kirsten Dunst

Die zwei Gesichter des Januars

Colette + Chester MacFarland (Kirsten Dunst + Viggo Mortensen, li.) müssen mit Rydal (Oscar Isaac) im Inselinneren von Kreta warten, bis sie gefälschte Pässe erhalten. Foto: Studiocanal

(Kinostart: 29.5.) High Noon im Palast von Knossos: Drei US-Amerikaner verstricken sich auf Kreta 1962 in tödliche Abhängigkeiten. Regie-Debütant Hossein Amini verfilmt den Krimi von Patricia Highsmith als stilvollen, doch etwas biederen Film noir.

Ein dichter, doch kühler Thriller im retro look: Hier verstricken sich Faszination, Eifersucht, Misstrauen und Verbrechen zum kaum entwirrbaren Geflecht. Regisseur Hossein Amini inszeniert seine Verfilmung des Krimis „Die zwei Gesichter des Januars“, den Patricia Highsmith 1964 veröffentlichte, vor hochsommerlich mediterraner Kulisse im eleganten Stil der 1960er Jahre.

 

Info

 

Die zwei Gesichter des Januars

 

Regie: Hossein Amini,

96 Min., Großbritannien/ Griechenland 2013;

mit: Viggo Mortensen, Oscar Isaac, Kirsten Dunst

 

Website zum Film

 

Der Film sieht nicht nur gut aus, sondern besticht durch klare Figurenzeichnung und ein gelungenes Drehbuch. Es fängt die eigenartige Stimmung in den Romanen der „Dichterin der unbestimmbaren Beklemmung“, wie Graham Greene sie nannte, hervorragend ein. Allerdings geht der in Großbritannien lebende Exil-Iraner Hossein Amini kein Risiko ein: Er richtet sein Regiedebüt etwas zu sehr an Machart und Tempo des film noir vergangener Zeiten aus.

 

Doppelköpfiger Gott Janus

 

Janus, der römische Gott von Anfang und Ende, ist Namenspatron des Monats Januar. Er wird traditionell mit zwei Gesichtern abgebildet: eines blickt in die Vergangenheit, das andere in die Zukunft. Anfang und Ende sind untrennbar miteinander verbunden; eine Symbiose, in der sich stets die Schicksalswege des Lebens kreuzen.


Offizieller Filmtrailer


 

Touristen-Paar trifft Gauner-Stadtführer

 

Eine Symbiose entwickelt sich auch zwischen drei US-Amerikanern, die 1962 in Athen aufeinander treffen: Das reiche und kultivierte Ehepaar Colette (Kirsten Dunst) und Chester MacFarland (Viggo Mortensen) begegnet in seinen Ferien dem jungen und gut aussehenden Rydal (Oscar Isaac), der sich als Stadtführer verdingt und mit kleinen Gaunereien durchmogelt.

 

Alle drei sind voneinander fasziniert und beobachten sich eingehend, bevor sie Bekanntschaft schließen. Anfangs möchte man den Eheleuten raten, sich mit dem zwielichtig erscheinenden Landsmann nicht einzulassen; doch schnell wird unklar, wer hier vor wem auf der Hut sein sollte.

 

Auf Kreta auf gefälschte Pässe warten

 

Als Rydal die MacFarlands in ihrem Hotel besucht, wird er zufällig Zeuge eines seltsamen Vorfalls: Chester schleppt einen leblosen Mann ins Nebenzimmer. Von diesem Anblick überrumpelt, wird er Chesters Verbündeter und hilft ihm – ein schicksalhafter Moment, der eine gemeinsame Flucht nötig macht.

 

Nun brauchen die MacFarlands neue Pässe. Rydal, ortskundig und auf seinen Vorteil bedacht, bietet ihnen seine Hilfe an, um gefälschte Papiere zu besorgen. Ihr Weg führt nach Kreta, wo sich der Stress der angespannten Lage in immer undurchsichtigeren Wirren entlädt. Zwischen Colette und Rydal scheint sich eine besondere Verbundenheit zu entwickeln.

 

Kein Ariadnefaden im Minotaurus-Labyrinth

 

Chester, paranoid und vor Eifersucht rasend, verliert immer mehr die Kontrolle über sein Verhalten. Rydal ahnt langsam, dass Chester kein harmloser Urlauber ist, doch welche Rolle spielt Colette? Bei allen Beteiligten wächst Misstrauen, gegenseitige Verdächtigungen nehmen zu; wer welche Interessen verfolgt, wird immer undurchschaubarer.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „On The Road“ – Verfilmung des Beatnik-Romans von Jack Kerouac mit Viggo Mortensen + Kirsten Dunst von Walter Salles

 

und hier einen Bericht über den Film „Eine dunkle Begierde“ – über die Entstehung der Psychoanalyse mit Viggo Mortensen von David Cronenberg

 

und hier einen Beitrag zum Film „Inside Llewyn Davis“ – Porträt eines erfolglosen Folkmusikers mit Oscar Isaac von Joel + Ethan Coen.

 

Die verworrenen Umwege ihrer gemeinsamen Reise enden symbolträchtig in den Ruinen des Palasts von Knossos; sie sind noch nicht vom Massentourismus überlaufen, sondern brüten einsam unter der glühenden Sommersonne vor sich hin. Der Legende nach befand sich hier das Labyrinth des Minotaurus. Doch der erhoffte Ausweg lässt sich nicht finden; dem Trio fehlt ein Ariadnefaden. Erst ein showdown in Istanbul durchtrennt ihre fatale Schicksalsgemeinschaft.

 

Konkurrenz um Doris-Day-Dame

 

Ganz dem noir-Genre verpflichtet, räumt Regisseur Amini den Gemütszuständen und seelischen Abgründen seiner Protagonisten mehr Raum als der Handlung ein. Dass er sich mit Verdichtung und aufs Nötigste verknappten Dialogen auskennt, hat er in seinem Drehbuch zum spektakulär stilisierten Action-Thriller „Drive“ (2010) von Nicolas Winding Refn unter Beweis gestellt.

 

Doch bei seinem eigenen Regiedebüt verzichtet Amini auf jedes Wagnis; dieser Film bleibt seltsam brav und bieder. Kirsten Dunst gewinnt als Objekt der Begierde beider Männer kaum Profil; ihre tadellos kostümierte Ehefrau bleibt bloß ein adrettes Dämchen der Doris-Day-Ära. Dagegen sorgen Viggo Mortensen und Oscar Isaac als Konkurrenten für spannende, vielschichtige Charaktere, die durch ihre widersprüchlichen Eigenschaften interessant werden.    


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