Jake Gyllenhaal

Enemy

Zwischen Adam (Jake Gyllenhaal, li.) und Anthony (Jake Gyllenhaal) kommt es zum Konflikt.Foto: Capelight Pictures

(Kinostart: 22.5.) Der Feind ist unsere eigene Frage als Gestalt: Regisseur Denis Villeneuve lässt Jake Gyllenhaal mit seinem Doppelgänger ringen. Ein ausgemergelt verrätselter Identitäts-Thriller in schwefliger Betonklotz-Vorhölle – Kubrick lässt grüßen.

Adam Bell (Jake Gyllenhaal) ist Geschichtsdozent an der Uni von Toronto. Mit hängenden Schultern durchlebt er seinen deprimierenden Alltag und eine freudlose Beziehung zu einer Freundin Mary. Als ein Kollege ihm zufällig einen lokal produzierten Film auf DVD empfiehlt, entdeckt er beim Ansehen sich selbst.

 

Info

 

Enemy

 

Regie: Denis Villeneuve,

90 Min., Kanada/ Spanien 2013;

mit: Jake Gyllenhaal, Sarah Gadon, Isabella Rossellini

 

Website zum Film

 

Oder zumindest jemanden, der ihm verdammt ähnlich sieht. Als er den Schauspieler Anthony Clare (Jake Gyllenhaal) und dessen schwangere Frau Helena (Sarah Gadon) ausfindig macht, stellen beide fest, dass er und der Kleindarsteller sich in der Tat aufs Haar, bzw. eine Narbe unter der Brust, gleichen.

 

Unheildräuend inszenierte Ödnis

 

Regisseur Denis Villeneuve verwendet viel Zeit und Mühe darauf, Adams Begegnungen mit dem geheimnisvollen Doppelgänger mysteriös und unheildräuend zu inszenieren. Sparsame, effektvolle Musik akzentuiert die Ödnis seines Daseins und suggeriert seelische Abgründe; das deutet bereits eine sexuell aufgeladene Eingangssequenz voll männlichem Voyeurismus an.


Offizieller Filmtrailer


 

Moderne Variante des Amphitryon-Mythos

 

Natürlich will jeder wissen, was die Ursache für den doppelten Jake Gyllenhaal ist. Die Klärung dieser Frage verweigert jedoch das Drehbuch. Stattdessen serviert es eine psychologisch schwer nachvollziehbare Variante des antiken Mythos von Amphitryon: Zeus nahm dessen Gestalt an, um seine Gattin Alkmene zu schwängern, die daraufhin Herakles gebar.

 

Alles, was Anthony zur Doppelgänger-Situation einfällt, ist, Adams kühle Freundin Mary zu begehren. Am Ende sind Rollen vertauscht, Menschen gestorben und keines der Geheimnisse wirklich gelüftet worden. Regisseur Villeneuve benutzt noch das Schlussbild, um dem Haufen ungelöster Fragen eine weitere draufzusetzen.

 

Über den Dingen schwebende Verweigerung

 

Insofern erinnert der erste englischsprachige Film des frankokanadischen Regisseurs mit seiner über den Dingen schwebenden Verweigerung, das Bedürfnis des Publikums nach Klarheit und Identifikation zu befriedigen, nicht nur an seine eigenen Filme „Die Frau, die singt – Incendies“ (2010) und „Prisoners“ von 2013, der nach „Enemy“ gedreht wurde.

 

Sondern auch an eine ganze Ahnenreihe von Doppelgänger-Filmen, angefangen mit Maya Derens „Meshes of the Afternoon“ (1943) bis zu „Inland Empire“ (2006) von David Lynch. Es sind reine, nichtliterarische Filmwelten, in denen das Ensemble der Filmzeichen die Erzählung bildet – nicht die Logik der Sprache, die das Kino zum Erfüllungsgehilfen eines Romans degradiert.

 

Stanley Kubrick meets José Saramago

 

Villeneuve dachte beim Dreh von „Enemy“ dagegen an Stanley Kubrick. Wie der Brite meist literarische Vorlagen adaptierte, basiert auch dieser Film auf einem Roman: „Der Doppelgänger“, den Literatur-Nobelpreisträger José Saramago 2002 veröffentlichte. Zwar hat der Frankokanadier der Vorlage eigene, sexuelle Motive hinzugefügt, doch der Film lässt sich dadurch auf literarische Weise entschlüsseln.

 

Die Figurenkonstellation, die ein Kurzauftritt von Isabella Rossellini als Adams Mutter zum Fünfeck erweitert, flüchtet sich ins Allegorische; sie erweist sich als Projektion von Adams Unterbewusstsein. Der so passiv wirkende Protagonist steht zwischen der schwangeren Gattin, vor der er geflohen sein mag, und seiner Geliebten. Bei der Entscheidung zwischen Liebe und Begehren muss er sich seinem größten Feind stellen: sich selbst.

 

Toronto als schwefelgelb vernebelte Vorhölle

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films Die Frau, die singt – IncendiesNahost-Psychodrama von Denis Villeneuve

 

und hier einen Beitrag über den Film „I, Anna“ – Psycho-Krimi um gespaltene Identität in Hochhaus-Einöde von Barnaby Southcombe mit Charlotte Rampling

 

und hier einen Bericht über den Film „Huhn mit Pflaumen“ von Marjane Satrapi über den Iran der 1950er Jahre mit Isabella Rossellini.

 

Um diesen etwas altbacken wirkenden Kampf abzubilden, benutzt Regisseur Villeneuve schwefelfarbene Filter, die Toronto in eine unheilvoll vernebelte Vorhölle verwandeln. Die Kamera weidet sich an der brutalistischen Architektur in den Arbeits- und Lebenswelten der Figuren.

 

So wie in „Clockwork Orange“ (1971) von Kubrick scheinen die Gebäude – Betonklötze, Mietskasernen, Bürowürfel mit langen, kafkaesken Gängen – die Menschen in sich zu erdrücken. Deren Umgang miteinander ist geprägt von Sprach- und Lieblosigkeit: Alle Figuren bleiben sich und dem Zuschauer in ihren emotionalen Erstickungszuständen entsetzlich fern.

 

Auf drastisches Finale vertrauen

  

Doch anders als bei Kubrick erweisen sich die Protagonisten als Sklaven der psychologischen Konstruktion des Romans: Es gibt kein Aufbegehren. So schlaff und ausdrucksarm die Schauspieler durch die Handlung geistern, so wenig gelingt es, damit Spannung oder Empathie für die zugrunde liegende condition humaine zu erzeugen.

 

Wo sich in Kubricks Filmen alle Elemente zum komplexen und in jedem Moment fesselnden System verzahnen, oder ein David Lynch das Labyrinth filmischer Zeichen konsequent verdichtet, lässt Villeneuve zahlreiche Fäden spektakulär unverbunden in der Luft hängen. Er vertraut ganz auf die Drastik des Finales. Allerdings gelingen ihm dabei einprägsame, lange nachhallende Bilder – damit kommt er seinem Vorbild Kubrick doch recht nahe.


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