Simon Busch + Alexander Sass

Fascinating India (3D)

Kühe dürfen von Hindus nicht getötet werden - sie laufen tagsüber frei herum. Foto: © Busch Media Group

(Kinostart: 15.5.) Die Zukunft des Tourismus: Alle Weltwunder in 3D besichtigen. Diese Doku klappert bedeutende Baudenkmäler in Nordindien ab; als süffiger Infotainment-Cocktail aus malerischen Bilderbögen und raunend beschworener Spiritualität.

Eigentlich ist das Vorhaben von „Fascinating India“ unmöglich: einen ganzen Subkontinent mit Jahrtausende alten Kulturen und Hunderten von Völkern, die Dutzende von Sprachen sprechen, in einen einzigen Kinofilm packen. Wie soll das gehen?

 

Info

 

Fascinating India (3D)

 

Regie: Alexander Sass + Simon Busch, 91 Min.,
Indien/ Deutschland 2014

 

Website zum Film

 

Regisseur Simon Busch und sein Kameramann Alexander Sass machen das einzig Denkbare. Sie beschränken sich auf einen kleinen Ausschnitt: den Bundesstaat Rajasthan im Nordwesten mit ein paar Abstechern in die Hauptstadt Delhi und das Ganges-Tal. Dabei suchen sie ausschließlich Orte auf, die auf dem Fahrplan jeder Standard-Rundreise stehen.

 

Vom Taj Mahal zum Kamasutra

 

Etwa die „rosafarbene Stadt“ Jaipur, die „blaue Stadt“ Jodhpur, den Jain-Tempel von Ranakpur und das nahe Udaipur, dessen idyllische See-Lage als Kulisse zahlloser Bollywood-Filme dient. Natürlich fehlt das Taj Mahal in Agra ebenso wenig wie die Tempelstadt Khajuraho, weltberühmt für ihre sinnlichen Kamasutra-Steinreliefs.


Offizieller Filmtrailer


 

Nur wenige Minuten für jede Station

 

Diese Stätten gelten in Europa seit 200 Jahren als Inbegriff klassisch indischer Baukunst. Schon englische Kolonialherren klapperten sie auf derselben Route ab, der Busch und Sass folgen. Ihre Kamera gleitet langsam an mächtigen Festungen und reich verzierten Fassaden entlang, fängt malerische Perspektiven und pittoreske Details ein. Wie die Postkarten-Ansichten heißen, erfährt man oft nur mit Verzögerung – kurz vor der nächsten Etappe.

 

Denn dieser Rundkurs läuft im Eiltempo ab: Bei 17 Stationen bleibt für jede nur wenige Minuten Zeit. Zumal sich die Macher redlich abmühen, damit ihr Architektur-Bilderbogen nicht leblos gerät. Gerne halten sie aufs Geratewohl in die Menge und filmen Passanten, Krämer, Kinder und Kühe, die ihren Weg kreuzen. Stets sauber kadriert und ins rechte Licht gerückt; das lärmend chaotische Gewimmel auf indischen Straßen kommt hier nicht vor.

 

Verbotene Leichenverbrennungen

 

Reichlich dagegen religiöses Leben: Ein Drittel des Films ist den heiligen Städten Pushkar, Varanasi (Benares) und der Kumbh Mela in Allahabad gewidmet. Zum größten Fest der Welt pilgern alle zwölf Jahre Millionen von Gläubigen, um sich im Ganges-Fluss von ihren Sünden reinzuwaschen.

 

Dieses Mega-Gemeinschaftsbad führen Busch und Sass genauso ausgiebig vor wie Leichenverbrennungen auf Treppenanlagen (Ghats) am Ganges-Ufer von Varanasi. Was pietätlos und eigentlich verboten ist – in hiesigen Krematorien darf auch nicht gedreht werden. Wer will schon menschlichen Kadavern beim Verschmoren zusehen?

 

Wie Auslands-Dokus im Discovery Channel

 

Doch der Off-Kommentar, der kundig Grundbegriffe des Hinduismus erklärt, ist um tiefen Respekt vor dessen Traditionen besorgt. Mit einer rhetorischen Verbeugung nach der anderen, die Triviales nicht scheuen: „Dicht an dicht: das Spirituelle und die profane Realität des irdischen Daseins.“ Darüber erfährt man kaum mehr, als dass anonyme Maharadschas irgendwelche Moguln bekriegten und unterlagen. Was seither geschah – Fehlanzeige.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Mitternachtskinder“  – grandiose Verfilmung von Salman Rushdies Bestseller über Indiens Geschichte

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Indien entdecken!“  – gelungener Überblick über Kunst + Fotografie im heutigen Indien in der Zitadelle Spandau, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung “Das Koloniale Auge” über frühe Porträtfotografie in Indien im Museum für Fotografie, Berlin.

 

Das wirkt, als hätten den Kommentar ein emeritierter Indologie-Professor und ein mit allen Ganges-Wassern gewaschener Fremdenführer gemeinsam verfasst. Unterlegt von Ambient-Klängen und softem Bhangra Pop, wird die Mixtur zum süffigen Infotainment-Cocktail. Wie die Auslands-Dokus im Discovery Channel, in denen couch potatoes ihr Fernweh ertränken.

 

Viel Prägendes fehlt

 

Dazu eignet sich „Fascinating India“ bestens. Alle gängigen Klischees kommen vor: vom Schlangenbeschwörer über prächtig geschmückte Parade-Elefanten bis zu Basar-Händlern, die Berge von grellbunten Saris feilbieten. Dagegen fehlt vieles, was Indien heute prägt: etwa der wohlhabende Süden, der nie islamisch beherrscht war, mit den florierenden Metropolen Mumbai (Bombay), Bangalore und Hyderabad – aber auch das verrottende Kalkutta.

 

Doch das macht nichts: Wer vom „ewigen Indien“ schwärmen und in herrlichen Panorama-Aufnahmen schwelgen will, bekommt genug Stoff. In bester Bildqualität und mit exklusivem Besichtigungsrecht; die meisten vorgestellten Baudenkmäler scheinen kaum bevölkert zu sein. Was arg schönfärbt: Scharenweise besucht die indische Mittelklasse ihre heimischen Sehenswürdigkeiten.

 

Bald dürfte immer dichteres Gedränge einen realen Aufenthalt zur Qual machen. Dann werden solche 3D-Dokus zur Zukunft des Tourismus: Alle Weltwunder bequem vom Sessel aus genießen – ohne jet lag, Stress, Hitzeschlag oder Darmerkrankungen.


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