Edward Burtynsky

Zwei Jahre Vorbereitung fürs Foto

Edward Burtynsky in Aktion. Fotoquelle: Senator Film

Ein ferngesteuerter Mini-Helikopter nimmt Muschelbänke im Meer auf: Die Doku „Watermark“ zwang Edward Burtynsky zu sehr aufwändigem Vorgehen. Wo die Schauplätze lagen, war egal, sagt er im Interview: Ihre Optik sollte die Story von selbst erzählen.

Mr. Burtynsky, „Watermark“ behandelt Phänomene, die globaler kaum sein könnten. Nach welchen Kriterien haben Sie die Motive ausgewählt, die Sie für den Film aufgenommen haben?

 

Ich habe nach Motiven mit entsprechenden Dimensionen gesucht. Also Beispiele, wie wir Menschen der Landschaft unsere Systeme aufzwingen, um Wasser zu kontrollieren, abzulenken und zu formen. Dazu eigenen sich großformatige Projekte wie Staudämme, Überland-Wasserleitungen oder Bewässerung der Wüste für intensiv betriebene Landwirtschaft Für all das benutzen wir industrielle Verfahren.

 

Info

 

Watermark

 

Regie: Jennifer Baichwal + Edward Burtynsky,

92 Min., Kanada 2013

 

Website zum Film

 

Meine gesamte Arbeit beschäftigt sich mit der Industrialisierung von Landschaften und der Maschinerie, die wir dafür einsetzen – zu unserem Vorteil. Etwa große Bergbau-Unternehmen, Steinbrüche, Städtebau und Zersiedelung: Bei all diesen Dingen zwingen Menschen ihre Bedürfnisse der Natur auf.

 

3000 Jahre Reisfelder-Terrassen

 

In „Watermark“ behandele ich Wasser auf die gleiche Weise: Neben dem Umlenken ganzer Flüsse wie des Colorado River zeige ich auch naturnahe Formen der Landwirtschaft. Etwa die Terrassen für Reisanbau, die in China seit 3000 Jahren angelegt werden. Das ist ein Beispiel für den nachhaltigen Umgang mit Wasser zur Nahrungsproduktion.


Auszüge des Interviews auf Englisch


 

Wenn der Colorado River versiegt

 

Dagegen wird in Kalifornien der Colorado River bald versiegen. Die Schneeschmelze aus den Bergen nimmt ab, aber die Wasserentnahme für Las Vegas und andere Städte steigt. Auch die Landwirtschaft zapft immer mehr aus dem Fluss ab, um Felder zu bewässern. Eines Tages könnte es sein, dass nichts mehr durch den Hoover Dam fließt, weil der Wasserpegel zu niedrig ist. Vor einem Jahrzehnt war es fast soweit, und nun gehen wir einer neuen Dürre entgegen.

 

Mich interessiert, wie die Menschheit kollektiv mit Wasser umgeht. Mit enormen Konsequenzen: Wenn das Wasser in Kalifornien nicht mehr ausreicht, um dort Obst und Gemüse anzubauen, dann bekomme ich weiter im Norden in Kanada keinen Salat oder Beeren mehr – schon gar nicht außerhalb der Saison. Dann wird es vielleicht in Mexiko oder noch weiter südlich angebaut.

 

Doch wenn der Colorado River austrocknet, hat das auch auf mein Leben Auswirkungen. Alles ist miteinander verbunden. Ich versuche, einige dieser Erzählstränge im Film und dem gleichnamigen Bildband aufzudröseln. Und zwar möglichst visuell reich, so dass die ansprechende Optik diese Geschichten quasi von selbst erzählt.

 

Lage der Schauplätze ist unwichtig

 

In Ihrem Film ist das Pazifische Zeitalter längst angebrochen: Von wenigen Abstechern in andere Regionen wie Grönland und Indien abgesehen, liegen fast alle Schauplätze des Films rund um den Stillen Ozean. Zufall oder Absicht?

 

Wir reisen um die ganze Welt: Überall, wo es Leben gibt, ist per Definition auch Wasser. Doch wir haben die Schauplätze vor allem nach ihren visuellen Qualitäten ausgewählt: Sie mussten ansprechend sein und außerdem die richtigen Inhalte transportieren. Bei jedem gezeigten Beispiel ist es nicht wichtig, wo genau in der Welt es sich befindet.

 

Auswahl aus mehr als 100 Optionen

 

Umweltverschmutzung – etwa durch das Einleiten giftiger Abwässer in Flüsse, nachdem sie zur Leder- und Schuh-Herstellung verwendet worden sind – geschieht überall auf der Welt: in Bangladesh genauso wie in Indien oder Südamerika. Ein Beispiel steht repräsentativ für andere weltweit. Dasselbe gilt für den Hoover Dam; am Assuan-Damm wird der Nil ebenso gestaut und Wasser für Bewässerung entnommen.

 

Unsere Beispiele mussten in Reichweite und zugänglich sein. Die Zuständigen mussten uns erlauben, dorthin zu reisen und die Anlagen zu filmen. Praktische Aspekte spielen also ebenso eine Rolle wie visuelle; und natürlich unser Budget. Die Auswahl war also ein Ausschluss-Verfahren: Wir begannen mit mehr als 100 Möglichkeiten und siebten die meisten davon aus, bis wir am Ende 20 Schauplätze hatten, die im Film zu sehen sind. Für ihre Wahl war ausschlaggebend, ob Visuelles und Inhaltliches gleichermaßen zur Geltung kommt.

 

Chinas Militär fliegt nur für viel Geld

 

An einer Stelle im Film – beim Stufenbrunnen in Rajastan – wird gezeigt, wie anspruchsvoll und technisch aufwändig es ist, wenn man davon ein so brillantes Foto machen will wie Sie. Welche Aufnahmen in „Watermark“ waren die schwierigsten?

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Watermark“ von Edward Burtynsky + Jennifer Baichwal

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Edward Burtynsky – Oil” mit Fotografien der Erdöl-Industrie in der Galerie C/O Berlin

 

und hier einen Bericht über den Film „Chasing Ice“  – großartige Doku über das Abschmelzen der Gletscher von Jeff Orlowski

 

und hier eine Rezension der Ausstellung “Letzte Ölung Nigerdelta” – Fotografien der Erdöl-Förderung in Nigeria in München, Oettingen + Freiburg i.Br.

 

Die größte Herausforderung war, die Zuchtfarmen für Abalone-Schnecken im ostchinesischen Meer zu fotografieren. In China kann man nicht einfach einen Hubschrauber mieten; solche zivile Luftfahrt gibt es dort nicht. Um in die Luft zu steigen, muss man mit Militärs zusammenarbeiten, die nicht sehr scharf darauf sind.

 

Ihre Hubschrauber sind riesig und kosten eine Stange Geld. Und man bekommt nur ein Zeitfenster – wenn es dann nicht klappt: Pech gehabt! Wenn etwa das Wetter schlecht ist, heißt es: Tut uns leid, aber Sie müssen trotzdem zahlen – selbst wenn Sie kein einziges Foto schießen können.

 

Heißluftballons funktionieren nicht

 

Also war meine Frage: Wie kann ich dort Luftaufnahmen machen und dabei möglicht flexibel sein? Wir haben an alle möglichen Varianten gedacht. Wir versuchten es mit Heißluftballons, was nicht funktionierte. Ein ausfahrbarer Kran war nicht hoch genug. Schließlich haben wir einen ferngesteuerten Mini-Helikopter verwendet, der groß genug war, meine Hasselblad-Kamera zu tragen.

 

Er wurde mit Video-Signalen kontrolliert, so dass ich 300 Meter tiefer vom Boden aus den Ausschnitt steuern und fotografieren konnte. In diese Aufnahme haben wir zwei Jahre Vorbereitungszeit gesteckt: Wir mussten die Ausrüstung und dafür nötige Leute finden und sie alle nach China transportieren, um sie zu machen. Das war wohl das komplizierteste Foto, das ich je geschossen habe.


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