Moritz Bleibtreu + Jürgen Vogel

Stereo

Henry (Moritz Bleibtreu) bringt Eriks Welt (Jürgen Vogel) durcheinander. Fotoquelle: © Wild Bunch Germany 2014 (Foto: Stephan Rabold)

(Kinostart: 15.5.) Springen wie ein Stofftier, landen wie ein Tiger: Im Psycho-Thriller von „Schwerkraft“-Regisseur Maximilian Erlenwein will Jürgen Vogel solide werden, doch Moritz Bleibtreu lässt ihm keine Ruhe. Ein rasanter deutscher Genre-Film.

„Stereo“ beginnt wie harmlose deutsche TV-Unterhaltung: mit einer Motorradfahrt über Land bei Sonnenschein. Seine gute Laune lässt sich der Fahrer vom Polizisten nicht verderben, der seinen Gasfuß und ölverschmierte Hände moniert. Dann kommt er bei seiner jungen Freundin an (Petra Schmidt-Schaller), küsst und scherzt und spielt übermütig mit ihrer Tochter. Der Mann ist ein ganzer Kerl – und ein großer Junge, der weiß, wo er hingehört.

 

Info

 

Stereo

 

Regie: Maximilian Erlenwein,

95 Min., Deutschland 2013;

mit: Moritz Bleibtreu, Jürgen Vogel, Petra Schmidt-Schaller

 

Website zum Film

 

Sollte man denken. Doch natürlich ist in Wahrheit alles ganz anders. Unter dem bürgerlichen Liebesglück lauert dunkel die Gewalt – in Gestalt eines Kapuzenmenschen, der erstmals auf einem vorbeifahrenden Wohnmobil auftaucht. Motorrad-Mechaniker Erik (Jürgen Vogel), der seit zwei Jahren in der Provinz wohnt, traut seinen Augen nicht.

 

Nach Arztbesuch zur Geistheilerin

 

Da der Kapuzenmann Henry (Moritz Bleibtreu) fortan nicht mehr von seiner Seite weicht, mit ihm spricht und in Eriks Intimsphäre eindringt, konsultiert der einen Arzt (Fabian Hinrichs) – als das nichts hilft, geht er zur Geistheilerin. Spätestens jetzt wechselt der Regisseur Maximilian Erlenwein ins Fahrwasser des mystery-Thrillers und Psychotrips.


Offizieller Filmtrailer


 

Küchenpsychologie + romantische Klischees

 

Was gut schien, wird nicht so bleiben; das Böse offenbart sich immer dort, wo man es nicht vermutet. Etwa im Campingwagen: Der steckt voller Ganoven, die Erik plötzlich heimsuchen und seltsame Forderungen an ihn stellen. Unterweltkönig Keitel (Georg Friedrich) hat mit dem Aussteiger noch eine Rechnung offen: Er war mal eine große Nummer im horizontalen Geschäft – und zog auch seinen Bruder hinein. Das rächt sich nun.

 

Zur Deutung kann man jede Menge Küchenpsychologie bemühen: von der Flucht vor sich selbst über Schizophrenie bis zur Wiederkehr des Verdrängten. Oder auch jede Menge romantischer Klischees: vom Motiv des Doppelgängers in den „Elixieren des Teufels“ von E.T.A. Hoffmann bis zu „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“, die Robert Louis Stevenson in die Welt setzte.

 

Umgedrehte „Schwerkraft“-Rollen

 

„Stereo“ ist auch ein Enthüllungsdrama, in dem der Jäger die eigene Spur aufnimmt – und darum so unzuverlässig ist wie Leonardo DiCaprio als Ermittler in „Shutter Island“ von Martin Scorsese. Und das unvermeidliche Blutvergießen erinnert an die übliche Gewaltästhetik etwa von Quentin Tarantino. Kein Element dieses Films ist wirklich neu.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Quellen des Lebens“  – Zeitgeschichts-Panorama von Oskar Roehler mit Moritz Bleibtreu + Jürgen Vogel

 

und hier einen Bericht über den Film „Auge um Auge – Out of the Furnace“  – atemberaubender Rache-Thriller mit Christian Bale von Scott Cooper

 

und hier einen kultiversum-Beitrag zum Film „Schwerkraft“ – Gangster-Tragikomödie von Maximilian Erlenwein mit Fabian Hinrichs + Jürgen Vogel.

 

Nicht einmal im noch schmalen Werk von Regisseur Erlenwein: In seinem hoch gelobten Debüt „Schwerkraft“ wurde Fabian Hinrichs als braver Bankangestellter unter dem Einfluss seines kriminellen Kumpels Jürgen Vogel zum gewalttätigen Gangster. Diesmal hat der Regisseur die Rollenverteilung umgedreht: Vogel will ehrbar bleiben, aber Gespenster aus seiner Vergangenheit lassen ihn nicht. Was für reichlich Rätsel und Nervenkitzel sorgt.

 

Hysterisch brutales Wienerisch

 

Dabei kann man die immer rasendere Abfahrt und düstere Stimmungsmalerei einfach genießen – wenn man es aufgibt, in all dem kernigen Geflüster und Geraune über eine milieutypische Intrige um Kohle, Ehre und Rache irgendeinen Sinn finden zu wollen. Und einem Eriks karikaturenhafte Gegenspieler egal geworden sind, die ihre hysterische Brutalität sogar zeitweise wie Keitel in breitestem Wienerisch ausleben.

 

Am Ende wird wieder Vorabend-Fernsehen zitiert, wenn die blonde Mama erlöst ihre Tochter umarmt. Aber wir befinden uns längst in einem ganz anderen Film – der gesprungen ist wie ein Stofftier, und wie ein leibhaftiger Tiger landet. Das ist für einen deutschen Genre-Film Leistung genug.


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