Jürgen Brügger + Jörg Haaßengier

Vom Ordnen der Dinge

Auch ein Zoologe liebt die Systematik. Foto: Movienet Film

(Kinostart: 29.5.) Das geht völlig in Ordnung: Vom Messen, Zählen und Aufräumen kann mancher nicht genug bekommen. Die Regisseure Brügger und Haaßengier beobachten launig schrullige Statistiker und kalkulierende Käuze, aber ohne eigene Systematik.

„Ordnung ist das halbe Leben!“, pflegte meine Oma regelmäßig zu sagen. Damit brachte sie ihren zwölfjährigen Enkel ebenso regelmäßig auf die Palme. Mir kam ihr Ordnungszwang – Oma sprach hingegen von Ordnungsliebe – geradezu militant vor.

 

Info

 

Vom Ordnen der Dinge

 

Regie: Jürgen Brügger + Jörg Haaßengier,

85 Min., Deutschland 2013;

mit: Christoph Bieler, Hubert Klinke, Erika Knop

 

Weitere Informationen

 

Ein paar Jahre später, als im Physikunterricht mit den Grundsätzen der Thermodynamik auch das Phänomen der Entropie Einzug ins pubertäre Denken gehalten hatte, konnte ich mit geordneten Systemen ganz allgemein argumentieren: Sie haben die natürliche Tendenz, sich von selbst in den Zustand der größtmöglichen Unordnung zu versetzen.

 

Kultur-Revolte gegen Ordnung

 

Doch Oma hielt dagegen: Der Mensch sei vielleicht ein Produkt der Natur, aber doch ein Subjekt der Kultur. Heute würde ich ihr da zustimmen. Schließlich lassen sich auch genügend kulturelle Gründe finden, gegen allzu übersteigerte Ordentlichkeit zu revoltieren.


Offizieller Filmtrailer


 

Schildkröte mit allen Geheimnissen der Welt

 

Ob Kultur oder Natur: Die beiden Filmemacher Jürgen Brügger und Jörg Haaßengier nähern sich ihrem Thema von der empirischen Seite. Der Vorspann gibt einen kleinen Überblick, was man so alles ordnen kann: Da spießt ein Zoologe Dutzende von Käfern auf oder legt Warane in Alkohol ein. Eine Medizintechnikerin zählt Bakterien-Kulturen in einer Petrischale; ein Geisteswissenschaftler blättert durch einen Zettelkasten.

 

Ein experimenteller Zahlenmystiker versucht nachzuweisen, dass sich alle „Urgeheimnisse der Welt in einem Schildkröten-Panzer widerspiegeln“. Er lässt Sandkörner auf einer Platte zu flüchtigen Mustern schwingen: Manchmal sehen sie aus wie eine Schildkröte von oben. „Ordnung möchte sich sozusagen bilden“, sagt er – und deutet das Verhältnis von Chaos und Kosmos als zwei Seiten einer altgriechischen Welterklärungs-Theorie.

 

Aus allem kann man Statistik machen

 

Auch Hubert Klinke zählt und ordnet für sein Leben gern; der frühere Postbeamte lobt die Vorzüge von Hängeregistratur und Aktenschrank. Als Pensionär nutzt er Ordnungssysteme freilich nur noch für die Organisation seiner Hobbys: In komplexen Tabellen kalkuliert er etwa das Aufkommen von Flaschenpfand bei Vereins-Wandertouren.

 

Die Liebe zu geordneten Zahlen bestimmt Klinkes Alltag. Als schrulliger Mercedes-Fahrer kann er Stunden auf Parkplätzen zubringen und kontrollieren, wie die Autos abgestellt sind. „Aus allem kann man eine Statistik machen“, freut er sich. Bloß warum? Egal, es macht ihm einfach Spaß: Stolz zeigt er, wie sein Hobbykeller systematisiert ist.

 

Launig unsystematischer Dokumentarfilm

 

Ebenso viel Freude hat es beiden Filmemachern gemacht, alle möglichen Ordnungsprinzipien zwanglos zu sammeln und zu einem launig unsystematischen Dokumentarfilm zusammen zu stellen. Ihren Protagonisten geben sie dabei reichlich Raum, ihre Motivation darzustellen.

 

„Die zoologische Systematik ist keine Registratur, die Ordnung erschafft“, grenzt sich etwa ein Bio-Taxonom vom Reih-und-Glied-Fanatiker ab, „sondern eine wissenschaftliche Methode, die Ordnungen erforscht – also eine Ordnung, die unabhängig vom Forscher oder Betrachter besteht.“ Die Reptilien-Sammlung in Einmachgläsern im Schrank des Forschers sieht dagegen ziemlich chaotisch aus.

 

Systematisierung als Selbstzweck

 

Der Ordnung kann man sowieso nicht entkommen. Unsere Welt ist genauestens vermessen, auf ein Hundertstel Millimeter – Mess-Ungenauigkeiten inklusive. Quasi als running gag spazieren immer wieder Vermessungs-Ingenieure durch den Film.

 

Sie setzen Höhen-Messpunkte in der Landschaft, bei Sonnenschein und Schneetreiben, überall zwischen Harz und Ostseeküste. Warum sie das tun? Ingenieure wie Regisseure bleiben die Antwort schuldig: wohl wissend, dass es bei jeder Systematisierung vor allem um die Systematisierung selbst geht.

 

Größter Unsicherheitsfaktor ist der Mensch

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung „Die Weisheit baut sich ein Haus“ – über die Architektur des Ordnens in Bibliotheken in der Pinakothek, München

 

und hier einen Bericht über den Film „Die Vermessung der Welt“ – Verfilmung des Bestsellers von Daniel Kehlmann durch Detlef Buck

 

und hier einen Beitrag über die Doku “Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” von Florian Opitz über Zeit-Ordnungen + ihren Verlust.

 

So ist es beim Zählen, Messen und Ordnen: Der Teufel steckt im Detail, ob man nun Bakterienstämme quantifizieren oder Teilnehmer einer Wandergruppe zählen will. Zwischen Pi mal Daumen und ausgereifter Messtechnologie ist alles drin. Der größte Unsicherheitsfaktor für Ordnungsfanatiker ist eben der Mensch.

 

Der Film geht sehr taktvoll mit diesem Faktor um: Ein schräger Selbstoptimierer kommt zu Wort, der mit Elektronik das eigene Verhalten zu neuen Bestmarken trimmen will. Aber auch ein Lungenkranker, dem die statistische Überwachung des eigenen Körpers mehr Lebensqualität verspricht.

 

Aufräum-Koeffizienten der Küche

 

Zwei Milieuforscher unterscheiden Hedonisten, Konservative und Pragmatiker am Aufräum-Koeffizienten ihrer Küchen und Schlafzimmer. Damit ermitteln sie Zielgruppen-Raster für die Werbeindustrie oder das Quartiersmanagement: „Nichts ist zufällig.“ Zumindest soviel ist in der Soziologie sicher.

 

Gibt es eine Ordnung a priori? Oder müssen wir endlich richtig Ordnung machen? Zwischen diesen beiden Polen oszilliert die Doku und verweigert konsequent, Stellung zu beziehen. Was hätte meine Oma dazu gesagt? Ihr wäre der Film vermutlich zu unstrukturiert gewesen. Statt im Kino zu sitzen, wäre sie lieber mit Hubert Klinke wandern gegangen. Über seinen Spleen, alles immer wieder aufs Neue zu zählen, hätte sie sich aber bestimmt lustig gemacht.


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