Edward Burtynsky

Watermark

Luftaufnahme des Colorado River Delta in der Nähe von San Felipe, Baja California, Mexiko 2011. Foto: Edward Burtynsky. Fotoquelle: Senator Film

(Kinostart: 15.5.) Das neue Bild der Erde: In atemberaubend spektakulären Bildern zeigen Fotograf Burtynsky und Regisseurin Baichwal, wie Menschen mit Wasser umgehen und damit die Welt verändern – der wohl beste Dokumentarfilm des Jahres.

So muss die Sintflut aussehen: Überall schäumen aufgewühlte Wassermassen. Wogen türmen sich bedrohlich auf und krachen herunter. Brecher schießen ins Sichtfeld und begraben donnernd alles unter sich, eingehüllt von infernalischem Lärm. Apocalypse now.

 

Info

 

Watermark

 

Regie: Jennifer Baichwal + Edward Burtynsky,

92 Min., Kanada 2013

 

Website zum Film

 

Edward Burtynsky: Water – Part II

Photographs 2009 – 2013

 

29.03.2014 – 24.05.2014

dienstags – freitags 12 bis 18 Uhr, samstags bis 15 Uhr in der Galerie Springer, Fasanenstr. 13, Berlin

 

Weitere Informationen

 

Entfesselte Naturgewalten scheinen die Welt zu zermalmen, aber sie sind gezähmt: Am Xiaolangdi-Damm, der den Gelben Fluss in China staut, wird reguliert Wasser abgelassen. Auf einer Aussichts-Plattform beobachten einheimische Touristen das gigantische Spektakel.

 

Globaler geht’s nicht

 

Als Zaungäste des Elementaren wie die Zuschauer von „Watermark“: Wasser hinterlässt allerorten sein Zeichen. Es hat die Oberfläche des Planeten geschaffen und formt sie unablässig weiter. Wasser ist die Voraussetzung jeder Existenz; ohne Wasser zerfällt alles zu Staub. Globaler geht’s nicht.

 

Gerade wegen seiner Allgegenwart sind die Zeichen, die Wasser dem Dasein einprägt, schlecht zu sehen. Was ständig präsent ist, lässt sich in ganzem Ausmaß nur aus großer Distanz erfassen. Das ist die Spezialität von Edward Burtynsky. Der kanadische Fotograf dokumentiert, wie sich die Erde durch menschliche Aktivität verändert – als Chronist des ökokatastrophalen Zeitalters.


Offizieller Filmtrailer


 

Hergestellte Landschaften

 

„Hergestellte Landschaften“ nennt sie der Fotograf: „Manufactured Landscapes“ lautete der Titel des Dokumentarfilms, den er mit Regisseurin Jennifer Baichwal 2006 über seine Arbeit drehte. Hierzulande wurde Burtynsky mit seiner Fotoserie „OIL“ zur Öl-Industrie bekannt: von Bohrinseln und Pipelines über Raffinerie-Landschaften und autogerechte Städte bis zu Schrottbergen und ausgemusterten Tankschiffen, die in Handarbeit abgewrackt werden.

 

Nun nimmt sich das Duo Burtynsky/ Baichwal die lebenswichtigste aller Flüssigkeiten vor. In einem sparsam vertonten Bilderreigen: Nach dem Überfluss in China kommt eine alte Mexikanerin im ausgetrockneten Colorado River Delta zu Wort. Bebildert mit surrealen Luftaufnahmen: Die Flussadern im Delta verästeln sich wie Kapillaren eines Organismus.

 

Felder wie Bierdeckel-Flickenteppich

 

Dann verfolgt der Film, wohin der Colorado gewandert ist: Vom Hoover Dam aufgestaut, wird sein Wasser teils nach Las Vegas umgeleitet, teils in den All American Canal. Der bewässert das Imperial Valley, den Obst- und Gemüsegarten Kaliforniens in wüstenhafter Umgebung: Da rotierende Sprenkler dauernd die Felder berieseln müssen, sind sie kreisrund – was von oben wie ein Flickenteppich aus Bierdeckeln aussieht.

 

Ihre geometrische Symmetrie, enorme Tiefenschärfe und Farbtreue lässt diese Bilder dekorativ wirken. Doch es wäre abwegig, Burtynsky vorzuwerfen, Schreckliches zu ästhetisieren. Im Gegenteil: Er macht erstmals Phänomene sichtbar, die bislang aufgrund ihrer schieren Größe dem Blick verborgen blieben. Erst seit kurzem gibt es hoch auflösende Kameras, Mini-Helikopter und ähnliche Hilfsmittel, um solche Erscheinungen in der Totalen abzulichten.

 

Netzmuster aus Muschelbänken in China

 

Gezeigt wird keineswegs nur Bedenkliches. Ein langer Flug durch den unberührten Canyon des Stikine River im westlichen Kanada könnte mitreißender kaum sein. Auch treten Menschen nicht stets als Verschwender und Verpester auf. Seit 1700 Jahren legen Bauern in Chinas Provinz Yunnan komplizierte Reisfelder-Terrassen von fragiler Schönheit an.

 

Ihre Landsleute an der Küste, die Abalone-Seeschnecken züchten, vertäuen seit jeher Muschelbänke miteinander, damit ihnen Stürme nicht schaden. Das sieht aus der Luft wie ein faszinierendes Netzmuster aus; Burtynsky musste zwei Jahre lang warten, bis ihm diese Aufnahme gelang.

 

Damm-Bau wie Lustmord-Vergewaltigung

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier das InterviewZwei Jahre Vorbereitung fürs Foto“ mit Edward Burtynsky über den Film „Watermark“

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Edward Burtynsky – Oil” mit Fotografien der Erdöl-Industrie in der Galerie C/O Berlin

 

und hier einen Bericht über den Film „Chasing Ice“  – großartige Doku über das Abschmelzen der Gletscher von Jeff Orlowski

 

und hier eine Rezension der Ausstellung “Letzte Ölung Nigerdelta” – Fotografien der Erdöl-Förderung in Nigeria in München, Oettingen + Freiburg i.Br.

 

Gefällig sind auch die Wasserspiele, mit denen das Bellagio Hotel in Las Vegas seine Gäste unterhält: eine ausgefeilte Symphonie aus Düsen und Fontänen. Für diese Freude an Vergeudung liefert der Colorado River den Rohstoff – aber solche Gigantomanie lässt sich noch steigern: In China entsteht der Xiluodu-Staudamm, der sechs Mal mehr Energie liefern soll als der Hoover Dam.

 

Die Beobachtung der Bauarbeiten zählt zu den schaurigen Höhepunkten des Films. Was zwischen Felswänden im Eiltempo von einer Heerschar Arbeiter in Beton gegossen wird, lässt jede Science-Fiction-Monster possierlich aussehen. Da ist ein Wille am Werk, sich die Natur zu Diensten zu machen, der von Lustmord-Vergewaltigung nicht mehr zu unterscheiden ist.

 

Sechs Milliarden Wasserverbraucher

 

All das reiht der Film fast kommentarlos aneinander: Traditionelle Wasserwirtschaft und hemmungsloses Um-sich-Spritzen, unbelastete Reservoirs und völlig vergiftete Abwässer, wie sie bei haarsträubender Leder-Produktion in Bangladesh entstehen. Burtynsky und Baichwal führen einfach vor, wie unterschiedlich Menschen mit Wasser umgehen, und wie das auf sie zurückwirkt.

 

Dem Film fehlt zwar eine Entwicklungs- oder Erzähllogik, aber das macht nichts: Die atemberaubenden Bilder sprechen für sich. Großformatige Abzüge einzelner Einstellungen sind derzeit in der Galerie Springer in Berlin zu sehen. Einschlägige Mahnungen und Empfehlungen möge sich jeder selbst dazu denken, wenn er etwas zuvor Ungeahntes sieht: das neue Bild der Erde mit sechs Milliarden Wasserverbrauchern.


Diesen Artikel drucken