Devid Striesow

Zeit der Kannibalen

Der neurotische Kai Niederländer (Sebastian Blomberg) lässt Pagen im Luxushotel nach einer Mücke suchen. Fotoquelle: Farbfilm Verleih

(Kinostart: 22.5.) Das Böse in Menschengestalt: Unternehmensberater sind die Buhmänner unserer Zeit. Wie sie wirklich ticken, enthüllt dieses Kammerspiel nicht: Regisseur Johannes Naber schnitzt eine Groteske mit Figuren wie aus der Drückerkolonne.

Vor 100 Jahren erkannte man Kapitalisten als Hassfiguren an Bowler-Hut, Wanst und dicker Zigarre. Heute ist das schwieriger: Anzugträger mit Aktenkoffern können Top-Manager oder Banker sein, aber auch nur kleine Angestellte. Nur bei genauem Hinsehen bemerkt man feine Unterschiede: edlen Zwirn, teure Uhren und elektronische gadgets.

 

Info

 

Zeit der Kannibalen

 

Regie: Johannes Naber,

93 Min., Deutschland 2013;

mit: Devid Striesow, Sebastian Blomberg, Katharina Schüttler

 

Website zum Film

 

Oder beim Hinhören: Die Business-Elite spricht ein Kauderwelsch aus BWL-Fachbegriffen, wohlklingendem PR-Wortgeklingel und 1000 Synonymen für dieselbe Sache – Profitmaximierung. Dieser Jargon ist lingua franca in ihrem natürlichen Habitat: den Konferenzräumen und VIP lounges der Luxushotels aller Länder und Klimazonen.

 

Außenwelt aus Pappwürfeln

 

Dort siedelt Regisseur Johannes Naber seine „Zeit der Kannibalen“ an. Als Schauplätze genügen ihm drei Hotel-Suiten und ein Flur; die sehen in dieser Preisklasse überall ähnlich aus. Die Außenwelt – im Dauersmog brütende Metropolen in Indien oder Nigeria – besteht aus ein paar Pappwürfeln, die an Hochhäuser erinnern sollen: ein low cost-Verfremdungseffekt.


Offizieller Filmtrailer


 

Auf miese Drückerkolonne machen

 

Ihr Hotel verlassen Frank Öllers (Devid Striesow) und Kai Niederländer (Sebastian Blomberg) nicht: Draußen ist es ihnen zu heiß und dreckig. Weiter als bis zu Hotel-Bar und indoor swimming pool wagen sie sich nie. Wozu auch? Hier treffen sie Verhandlungspartner, Berichte schreiben sie am Laptop; Mahlzeiten bringt der room service. Gibt es was zu feiern, bestellen sie Edelnutten aufs Zimmer.

 

Denn beide geben sich als rustikale Alphatiere – das wird zum Problem des Films. Mitunter berichten Deserteure aus Investment-Banken, wie verächtlich ihre Ex-Kollegen intern über Kunden lästern. Doch diese beiden Exemplare reden unentwegt so, sogar gegenüber Klienten – was jeder Realität spottet. Wer bei Geschäftsverhandlungen die Etikette ignoriert, würde auf der Karriereleiter nie so weit aufsteigen wie solche um den Globus jettenden McKinseyaner. Öllers und Niederländer machen auf miese Drückerkolonne.

 

Von Anfang an erledigte Fälle

 

Als grobe Groteske kann der Film nicht leisten, was er sich vornimmt: Gebaren und Charaktere von top consultants zu vivisezieren. Er scheut die Mühe, glaubhaft Atmosphäre und Rituale der Finanzwelt zu entwerfen, um sie später genüsslich zu demontieren, sondern haut von Anfang an voll drauf. Was diese Zyniker, die nach Vorankommen lechzen, sofort zu erledigten Fällen macht: Natürlich leiden sie unter Depressionen, Phobien oder unlösbaren Familienproblemen.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Doku „Dramaconsult“ – über Geschäftsleute aus Nigeria auf der Suche nach deutschen Partnern von Dorothee Wenner

 

und hier einen Bericht über den Film „Cosmopolis“ – brilliantes Finanzhai-Psychogramm von David Cronenberg mit Robert Pattinson

 

und hier einen Beitrag über den Film „Der Albaner“ – über die Kriminalisierung eines illegalen Immigranten von Johannes Naber.

 

Das ändert auch das Auftauchen von Bianca März (Katharina Schüttler) kaum. Die Ersatzfrau für einen wegbeförderten Kollegen zeigt mehr Sprach- und Affektkontrolle, ist aber ebenso nach Schema F konstruiert: Gutmensch-Vergangenheit in einer NGO, Yogini mit Multikulti-Erfahrung, deutsche Meisterin im PowerpointKaraoke (das gibt es tatsächlich) – und zugleich intrigantes U-Boot des Vorstands. Sie soll die beiden Außendienstler aushorchen und ausschalten.

 

Besser vorher Praktikum machen

 

Madame März sorgt zwar für etwas gewitztere Dialoge, aber die Grundkonstellation bleibt gleich: Alle schmeißen sich vorhersehbar aneinander ran, um sich prompt auszutricksen. Ihre Killer-Instinkte aus schrankenloser Gier und skrupellosem Verrat werden mit dem Holzhammer vorgeführt. Der zerlegt auch die Einrichtung; namenlose Terroristen erledigen den Rest. Bleibt am Ende die bange Frage: Was machen Unternehmensberater eigentlich beruflich – und vor allem: wie?

 

Dass Regisseur Naber diese Farce so holzschnittartig schnitzt, verwundert: Sein Debüt „Der Albaner“ überzeugte mit präziser Milieuschilderung und subtiler Figurenzeichnung, wofür er 2011 den Max-Ophüls-Preis erhielt. Davon ist beim Nachfolger wenig übrig. „Zeit der Kannibalen“ wirkt so stereotyp lebensfern, als hätten Naber und Drehbuchautor Stefan Weigl zu lange brainstormings in Hotel-Lobbys abgehalten – vielleicht hätten sie besser öfter vor die Tür gehen sollen. Oder zum Praktikum in eine Unternehmensberatung.


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