Forest Whitaker + Orlando Bloom

Zulu

Ali Sokhela (Forest Whitaker) wird von einem Drogengangster bedroht. Foto: Studio Hamburg Enterprises

(Kinostart: 8.5.) Kein Kap der guten Hoffnung: Forest Whitaker und Orlando Bloom enttarnen ein Rassisten-Drogenkomplott. Den rasanten Politkrimi macht Regisseur Jérôme Salle zum Panorama eines Südafrika, das von Apartheids-Altlasten stranguliert wird.

Es geht los wie in einem ganz gewöhnlichen Krimi. In Kapstadt wird die Leiche einer jungen Weißen aus wohlhabendem Hause gefunden; Spuren einer Designer-Droge finden sich in ihrem Blut. Drei Mitglieder der Mordkommission machen sich an die Arbeit: good cop, bad cop and boring cop.

 

Info

 

Zulu

 

Regie: Jérôme Salle,

110 Min., Südafrika/ Frankreich 2013;

mit: Forest Whitaker, Orlando Bloom, Conrad Kemp

 

Website zum Film

 

Der schwarze Chef-Ermittler Ali Sokela (Forest Whitaker) hat unter dem Apartheids-Regime schwer gelitten: Sein Vater wurde massakriert, er selbst an heikler Stelle verstümmelt. Dennoch lehnt Ali Rassismus strikt ab; er begegnet jedem mit Respekt, ungeachtet seiner Hautfarbe.

 

Karikatur eines Bullen-Wracks

 

Dagegen wirkt Kollege Brian Epkeen (Orlando Bloom) wie die Karikatur eines Wracks mit Polizei-Dienstmarke: Er kurvt in einer Rostschüssel herum und futtert Tabletten wie Smarties. Seine Ex hat ihn für einen Zahnarzt verlassen, sein Sohn verachtet ihn. Feierabende verbringt er mit hochprozentigen Drinks und willigen Schönheiten.


Offizieller Filmtrailer


 

Schluss mit Multikulti-Idylle

 

Dann wäre da noch der stets korrekte Dan Fletcher (Conrad Kemp), der sich liebevoll um seine krebskranke Frau kümmert. Also nach Genre-Regeln ein Langweiler, der als erster dran glauben muss. So kommt es: Als das Trio am Strand den dealer sucht, der das Mordopfer mit Stoff versorgte, wird es von einer gang überfallen. Dan bleibt auf der Strecke.

 

Und der französische Regisseur Jérôme Salle schaltet auf Turbo um. Schluss mit Multikulti-Idylle und gemütlichen barbecues an Sommerabenden – mit Vollgas hinein in die Gegensätze und Abgründe eines Landes, in dem Misstrauen, Hass und Brutalität allgegenwärtig sind und jeder sehen muss, wo er bleibt.

 

Geheimforschung an Giften gegen Schwarze

 

Fortan verfolgen Ali und Brian verschiedene Fährten. Ali fahndet in den schwarzen townships nach der Quelle der Droge, die ihre user extrem aggressiv macht. Brian kundschaftet eine leer stehende Strand-Villa aus, die einer Briefkastenfirma gehört. Beide Spuren laufen zusammen: Drahtzieher sind hochrangige Ex-Mitarbeiter des „Project Coast“.

 

Unter diesem Decknamen ließ die Apartheids-Regierung Wissenschaftler in den 1980er Jahren chemische und biologische Waffen entwickeln. Weniger zur Kriegsführung gegen äußere Feinde, als vielmehr gegen die innere Bevölkerungsmehrheit: besonders starkes Tränengas, um Unruhen niederzuschlagen; Stoffe, die gezielt schwarze Männer unfruchtbar machen sollten; und Hautkontakt-Gifte, die Demonstranten und Oppositionelle töteten.

 

Duldsamkeit in Person wird Racheengel

 

Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern gesichertes zeitgeschichtliches Wissen. Projekt-Chef Wouter Basson wurde 1999 in Pretoria vor dem High Court angeklagt, ein UN-Report fasste die Erkenntnisse auf 250 Seiten zusammen. Doch außerhalb Südafrikas ist diese Horror-Forschung wenig bekannt – was sich „Zulu“ geschickt zunutze macht.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier einen Beitrag über den Film „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“  – episches Biopic über Nelson Mandela von Justin Chadwick

 

und hier eine Besprechung des Films „Nairobi Half Life“  – packender Kenia-Thriller von Tosh Gitonga

 

und hier einen kultiversum-Bericht über den Film “The Bang Bang Club” – Drama über Pressefotografen im Südafrika der Apartheid-Endphase von Steven Silver.

 

Basson wurde 2002 frei gesprochen: Er habe nur Befehle befolgt. Diesem Persilschein-Typ entspricht im Film ein Polizeidezernat-Leiter, der während der Apartheid Regimegegner folterte und danach amnestiert wurde. Das rechtfertigt Ali beharrlich mit dem höheren Ziel nationaler Versöhnung – bis ein grausamer Gewaltakt selbst ihn überfordert. Der brillante Forest Whitaker, bis dahin die Duldsamkeit in Person, wird zum Racheengel.

 

Wie im Lazarett unter Feindbeschuss

 

So entfaltet „Zulu“ das facettenreiche Panorama einer Gesellschaft, unter deren brüchigem Minimal-Konsens unbewältigte Altlasten und Konflikte schwelen: Die Wunden sind nicht verheilt oder vernarbt, sie nässen noch. Doch Regisseur Salle legt sie nicht sorgsam frei wie eine Krankenschwester, sondern kunstvoll improvisiert und hektisch wie ein Feldscher im Lazarett unter Feindbeschuss.

 

Diese Ausnahmezustand-Atmosphäre macht den präzise konstruierten Politkrimi so mitreißend. Schauplätze und Akteure jagen einander im gleißenden Sonnenlicht; hier landen sie in einer Sackgasse, dort tauchen neue Indizien auf.

 

Kanak Sprak am Kap

 

Dabei wird die Tonspur zur Kakophonie: Man redet Englisch, Afrikaans und Zulu wild durcheinander, gerne auch in einem Satz – Kanak Sprak am Kap. Alle Mosaiksteine fügen sich, wie es die Genre-Regeln gebieten, erst am Ende zum schlüssigen Gesamtbild. Und das könnte erbarmungsloser kaum sein.


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