Richard Linklater

Boyhood

Mason (Ellar Coltrane) beobachtet den Himmel und träumt. Foto: Universal Pictures

(Kinostart: 5.6.) Die längsten Dreharbeiten aller Zeiten: Zwölf Jahre benötigte Regisseur Linklater für diese Chronik einer Kindheit, die authentischer nicht sein könnte. Zweieinhalb Stunden Auf und Ab entfalten das größte aller Dramen: normales Leben.

So unspektakulär dieser Film daherkommt, so rekordverdächtig ist er: Zwölf lange Jahre hat es gedauert, bis alle Aufnahmen im Kasten waren. Das dürften die längsten Dreharbeiten gewesen sein, die ein Spielfilm jemals hatte. Es gab einige Dokumentations-Vorhaben, die noch zeitraubender waren; manche Filme lagen jahrelang auf Eis, bevor sie fertig gestellt wurden. Aber ein Dutzend Jahre Dreharbeiten für einen Spielfilm ist wohl einmalig.

 

Info

 

Boyhood

 

Regie: Richard Linklater,

164 Min., USA 2013;

mit: Ellar Coltrane, Patricia Arquette, Ethan Hawke

 

Weitere Informationen

 

Dafür braucht man verdammt viel Ausdauer. Dass er sie hat, bewies Richard Linklater bereits mit seiner Trilogie „Before Sunrise“, „Before Sunset“ und „Before Midnight“: Dieses Endlos-Beziehungsdrama zwischen Ethan Hawke und Julie Delpy begann 1995 und endete 2013. Ohnehin experimentiert Linklater gern mit scripted reality. Sein zweiter Film „Rumtreiber“ von 1991 porträtierte 100 Charaktere an einem einzigen Tag. Mit Erfolg: Der Originaltitel „Slacker“ wurde sprichwörtlich für etliche Jugendliche der 1990er Jahre.

 

Talking heads wie im TV

 

Dabei ist der Autodidakt Linklater ein völlig konventioneller Regisseur. Seine Aufnahmen sind so gewöhnlich wie bei x-beliebigen Vorabendserien: Einstellungen in Halbtotale, kaum Schwenks, geschweige denn Filmtricks. Stets passiert das Gleiche: Personen treten vor die Kamera und reden miteinander. Talking heads wie im TV.


Offizieller Filmtrailer


 

Lebensgefühl der Generation X

 

Worüber sie sprechen, hat Linklater aber eine treue Fangemeinde beschert: buchstäblich über alles, doch in einem so freimütig ungekünstelten Ton, wie er im Kino selten ist. Dieser visuell so unambitionierte Filmemacher hat ein äußerst feines Gehör für Seelenregungen und Ausdrucksweise seiner Generation – zumindest für ihre liberal oder alternativ denkenden,  sich irgendwie selbst verwirklichenden Vertreter. Also diejenigen, die in Großstadt-Kinos weltweit Autorenfilme ansehen.

 

Sie erkennen sich und ihr Lebensgefühl auf der Leinwand wieder – und lieben die Protagonisten dafür. Wie viele Beziehungs-Diskussionen zwischen Jungakademikern mögen wohl nach den Mustern ablaufen, die Ethan Hawke und Julie Delpy vorformuliert haben? Dabei legt der Regisseur ihnen nichts in den Mund, im Gegenteil: Er hat alle Argumente, Widerworte und Ausflüchte seinen Mitmenschen abgelauscht. Linklater-Figuren könnten wirklichkeitsnäher nicht sein.

 

Mama liebt Trinker, Papa wird solide

 

So funktioniert auch „Boyhood“. Nur geht es hier nicht um die Gefühlsmechanik von Partnern, die einander kriegen oder auch nicht, sondern darum, wie ein Kind das Aufwachsen in seiner Umgebung erlebt. Zu Beginn ist Mason (Ellar Coltrane) ist ein gewöhnlicher sechsjähriger Junge; seine Eltern haben sich getrennt. Er lebt mit seiner Schwester Samantha (Lorelei Linklater) bei der Mutter Olivia (Patricia Arquette), die periodisch mit seinem Vater (Ethan Hawke) herumstreitet.

 

Also eine ganz normale Patchwork-Familie der Gegenwart. Mama holt verantwortungsvoll ihren Studienabschluss nach, wird Psychologie-Dozentin und verliebt sich in ihren Ex-Professor – der entpuppt sich später als cholerischer Trinker. Papa schlägt sich mit wechselnden Jobs durch, kümmert sich trotzdem am Wochenende liebevoll um seine Kinder und wird irgendwann solide: Seine Neue ist Tochter braver, strenggläubiger Hinterwäldler.

 

Realer Alterungsprozess, fiktive story

 

Derweil gehen Mason und Samantha zur Schule, machen lustlos ihre Hausaufgaben, verkrachen und versöhnen sich mit ihren Freunden und werden allmählich größer. Wie gesagt: Alles ganz normal. Warum schaut man diesen juste milieu-Existenzen gebannt zu? Weil der Film episch ausholend und zugleich in jedem Augenblick präzise das größte aller Dramen vorführt: normales Leben.

 

So lebensnah wie möglich: Zwölf Jahre lang hat der Regisseur jährlich seine Akteure für mehrere Drehtage zusammengeholt. Ihr Alterungsprozess ist real, die Geschichte fiktiv – doch Ereignisse und Dialoge wirken derart authentisch, als würde man sie selbst miterleben. Dass Wünsche, Sehnsüchte und Enttäuschungen der US-middle class abgehandelt werden, stört nicht: Sie sind mutatis mutandis universell.

 

Radikale Technik-Skepsis

 

Zumal sich die Hauptperson so prächtig entwickelt, wie Linklater nur hoffen konnte. Mason wird weder verstockter Einzelgänger noch gefallsüchtige Betriebsnudel; er ist häufig mit von der Partie und steht zugleich beobachtend am Rand. Das bekommt dem Film bestens – insbesondere, sobald sich in der Pubertät seine Individualität immer mehr entfaltet.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie ein Interview mit Richard Linklater über „Boyhood“

 

und hier eine Besprechung des Films “Before Midnight” von Richard Linklater über eine unendliche Liebesgeschichte mit Ethan Hawke + Julie Delpy

 

und hier einen Bericht über den Film „For Ellen“  – Drama über ein US-Scheidungskind von So Yong Kim

 

und hier einen Beitrag zum Film Winterdieb von Ursula Meier über einen elternlosen Jungen in der Schweiz, Gewinner des Silbernen Bären 2012.

 

Von dem, was hierzulande US-teenies gern zugeschrieben wird – Konsumismus, Sportwahn, Bildungsferne –, findet sich bei Mason keine Spur. Mit seiner bissigen Ironie würde er prima in jeden selbstverwalteten Jugendklub oder zur Schülerzeitungs-Redaktion passen. Seine Technik-Skepsis ist für amerikanische Verhältnisse geradezu radikal: Digitalsüchtigen Freunden hält er entgegen, sie machten „überhaupt keine echten Erfahrungen mehr“. Vor dem Weggang ins college schlägt er vor, die NSA solle seine Internet-Daten auswerten, um ihm den passenden Zimmernachbarn zuzuweisen.

 

Bibel + Gewehr zum Geburtstag

 

Aber dann bedankt er sich artig, wenn ihm seine hillbilly-Stiefgroßeltern zum Geburtstag Bibel und Gewehr schenken. Und beim highschool-Abschluss lächelt er stolz, wenn seine Eltern Erinnerungsfotos von ihm in Talar und Doktorhut machen. Selten war die Dialektik zwischen Aufbegehren und Anpassung so hautnah mitzuerleben.

 

Es sind die best days of our lives, die Linklater mit unendlicher Liebe zum Detail auf die Leinwand bringt: mit allen Wechselfällen, Umzügen, Schwärmereien, Knatsch, durchzechten Nächten, erster Liebe und erstem Herzeleid. Wer alt genug ist, um diesen Film sehen zu wollen, hat sie längst hinter sich – und sie kommen nie zurück.


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