München

Nofretete – tête-à-tête – Wie Kunst gemacht wird

J&K: Horus and Anubis in Islamic Cairo, 2006, Photo, 75 cm x 112 cm. Photo: J&K, Fotoquelle: Ägyptisches Museum, München
Der lange Schatten des Pharaonen-Reichs: Altägyptische Motive und Formensprache beeinflussen die Kunst bis heute. Das zeigt eine ambitionierte Schau im Ägyptischen Museum; sobald sie auf Museen und Publikum ausgreift, franst sie etwas aus.

Nein, Nofretete ist nicht vorübergehend nach Bayern umgezogen; sie bleibt in Berlin. Nur eine abgewandelte Kopie besucht derzeit München im Rahmen einer Sonderschau im Ägypten-Museum. Hans-Peter Feldmann, zeitgenössischer Künstler mit Hang zu Pastichen, hat 2012 die einäugige Büste der Königin nachgebildet, grell geschminkt, ihr ein zweites Auge eingesetzt – und siehe da: die Schöne schielt!

 

Info

 

Nofretete - tête-à-tête - Wie Kunst gemacht wird

 

07.05.2014 - 07.09.2014

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr

im Ägyptischen Museum, Gabelsbergerstr. 35, München

 

Weitere Informationen

 

In der Ausstellung steht diese Pop-Version eines 3000 Jahre alten Originals stellvertretend für alle Kunstwerke, deren zeitgeistige Vermarktung ihre ursprünglichen Inhalte und Zwecke überlagert. Die Kuratoren Sam Bardaouil und Till Fellrath konzipierten die Schau unter dem Titel „Tea with Nefertiti“ für das Museum der Modernen Arabischen Kunst (Mathaf ) in Doha, der Hauptstadt von Katar. Dann wurde sie in Paris gezeigt, nun in München.

 

In drei Bereiche gegliedert

 

Mit rund 90 Beiträgen von 40 internationalen Künstlern der Moderne und Gegenwart soll geklärt werden, „wie Kunstwerke durch die Art ihrer Präsentation und Interpretation ihre Bedeutung verändern und oft widersprüchliche Funktionen übernehmen.“ Dazu ist die Ausstellung in die drei Teilbereiche „Künstler“, „Museum“ und „Publikum“ gegliedert.


Statements von Museums-Direktorin Sylvia Schoske, Ägyptologe Dietrich Wildung + Impressionen der Ausstellung; © ganz-muenchen.de


 

Im ersten Abschnitt werden moderne und zeitgenössische Arbeiten den altägyptischen Originalen in der Dauerausstellung gegenüber gestellt. Hier stehen die Ästhetik der altägyptischen Kunst und die Frage, wie sehr ihr Motiv- und Stilrepertoire bis heute nachwirkt, im Vordergrund.

 

Fauvist als ägyptischer Kubist

 

Da findet man zwischen Anubis- und Horus-Statuetten die leise surreal wirkende Fotografie „Horus and Anubis in Islamic Cairo“ des dänisch-deutschen Duos Janne Schäfer & Kristine Agergaard (J & K), die zwei verkleidete Ägypterinnen vor einer heutigen Shisha-Stube zeigt. Paula Modernsohns expressionistisches Selbstporträt ist sichtbar davon beeinflusst, dass sie sich mit Mumien-Gesichtern beschäftigte.

 

Die Skulptur eines Schreitenden von Alberto Giacometti ist zwischen klassisch-ägyptischen Stand-Schreit-Figuren bestens aufgehoben. Der niederländische Fauvist Kees van Dongen malte seine „Marchesa Luisa Casati“ zwar im Profil, gab ihr aber ein ganzes Auge wie in Frontalsicht; das war schon im „ägyptischen Kubismus“ auf Reliefs üblich.

 

Tupperware-Sarkophag für heutige Pharaonen

 

Dem Einfluss altägyptischer Kunst wird aber nicht nur in der westlichen Moderne nachgespürt. Auch Mahmoud Moukthar (1891-1934), der als Ägyptens berühmtester moderner Künstler gilt, knüpfte an Jahrtausende alte Formprinzipien an. Eine ironische Innovation ist dagegen der „Tupperware-Sarcophagus“ des Brasilianers Vik Muniz für Möchtegern-Pharaonen von heute.

 

In der Sektion „Museum“ steht dann im Fokus, wie die jeweilige Präsentation die Wirkung von Kunstwerken prägt. Candida Höfers streng sachliche Fotografien des Nofretete-Saales im Berliner Neuen Museum dokumentieren den Kontext der Architektur und deren weihevolle Aura. Aufnahmen von Thomas Struth des Prado in Madrid sind allerdings weniger erhellend. Offenbar nehmen die Kuratoren zu große Unschärfen und Umwege in Kauf, um mehr Star-Künstler dabei zu haben.

 

Sensations-Fund von Mohammeds Pferd

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Im Licht von Amarna - 100 Jahre Fund der Nofretete" im Neuen Museum, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Wegbereiter der Ägyptologie über Carl Richard Lepsius (1810-84) im Neuen Museum, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung Die geretteten Götter aus dem Palast von Tell Halaf über 3000 Jahre alte syrische Monumente im Pergamonmuseum, Berlin.

 

Eine wahre Freude ist dagegen die authentisch wirkende Persiflage einer Wissenschafts-Sensation von Mohamad-Said Baalbaki. Der in Berlin lebende Libanese deckt damit die häufig fatale Mischung aus Denkfaulheit, Obrigkeitshörigkeit, Rekord- und Geldgier im Kunstbetrieb auf, die zu spektakulären Fälschungen führt.

 

 

Baalbaki dokumentiert mit Urkunden, Funden und Fotos die Ausgrabung eines Skeletts des sagenhaften „Al-Burak“. Mit jenem geflügelten Pferd mit Menschenkopf soll angeblich einst der Prophet Mohammed zum Himmel und zurück geritten sein. All die falschen Belege, die Baalbaki ausbreitet, sind nicht nur gut erfunden, sondern auch gut gemacht.

 

Massenhafte Toten-Diener

 

Die dritte Abteilung „Publikum“ soll verdeutlichen, wie Kunstwerke für kunstferne Zwecke instrumentalisiert wurden und werden; das franst inhaltlich am meisten aus. Hierfür steht etwa eine mit dem Konterfei der Nofretete vermarktete Nähmaschine, die Ala Younis entdeckt hat, ebenso wie Feldmanns schrill schielende Pharaonin.

 

Aber auch die im gesamten Museum verteilten Miniatur-Usheptis, die der Ägypter Bashem Yousri en masse aus Lehm formt: So werden diese Diener der Toten, die ihnen in der Antike im Jenseits zur Seite stehen sollten, in der Gegenwart zur anonymen Masse.


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