Sandrine Kiberlain

Violette

Simone de Beauvoir (Sandrine Kiberlain) und Violette Leduc (Emmanuelle Devos) verbindet eine tiefe Freundschaft. Foto: Kool Film

(Kinostart: 26.6.) Pionierin einer Sprache für weiblichen Sex: Die Autorin Violette Leduc, protegiert von Simone de Beauvoir, schrieb sich frei von multipler Frustration. Ihre Biographie verfilmt Regisseur Martin Provost mit Respekt und Distanz.

Violette Leduc (Emmanuelle Devos), geboren 1907 als uneheliches Kind eines reichen Bürgers und seiner Bediensteten, lebt in der Endphase des Zweiten Weltkriegs vom Schwarzmarkthandel. Sie wohnt mit dem erfolglosen, schwulen Schriftsteller Maurice Sachs irgendwo in der Provinz der Normandie.

 

Info

 

Violette

 

Regie: Martin Provost,

139 Min., Frankreich/ Belgien 2013;

mit: Sandrine Kiberlain, Emmanuelle Devos, Olivier Gourmet

 

Website zum Film

 

Ihre Einsamkeit und Frustration lassen ihn kalt. Bald reißt der Krieg ihn fort, sie ist darüber nicht unglücklich. Es ist ein freudloses Dasein, das in teilweise anstrengender Gemächlichkeit auf der Leinwand vorüberzieht. Doch langsames Tempo und trockener Tonfall der Erzählweise haben ihren Sinn: Aus der grobschlächtigen, frustrierten Frau wird noch etwas.

 

Eigene Sprache für weiblichen Sex

 

Violette Leduc zählt nicht zu den bekanntesten französischen Autorinnen, doch sie gilt vor allem in feministischen Kreisen als Pionierin – als Erfindern einer eigenen Sprache für weibliche Sexualität. Ihre ersten Romane erschienen, wie die ihres Freundes Jean Genet, bei Gallimard, einem der renommiertesten Verlage Frankreichs.


Offizieller Filmtrailer OmU


 

Last der Herkunft + unerwidertes Verlangen

 

Den Kontakt zu Gallimard vermittelte ihre Förderin Simone de Beauvoir (Sandrine Kiberlain), die vom Manuskript ihres Debüts „L’Asphyxie“ („Das Ersticken“, 1945) begeistert war. Darin wie in späteren Büchern beschrieb sie ihre Kindheit, ihre Affäre mit einer Mitschülerin auf dem Internat und ihre Abtreibung nach der Scheidung von ihrem ersten Mann.

 

Leduc erzählte vom Hadern mit der eigenen Hässlichkeit und der Last ihrer illegitimen Herkunft, von ihrem allzu oft unerwiderten Verlangen und ihrer Lust. Das war Skandalstoff für ihren Verlag wie für das Publikum der 1940er bis 1960er Jahre: Ihre 1964 veröffentlichte Autobiographie „La bâtarde“ („Die Bastardin“) wurde ein Sensationserfolg.

 

Von Egozentrik + Ehrgeiz geprägt

 
In Zeiten, in denen sich auffällig viele Filmregisseure für weibliche Lust interessieren, zählt zu den Vorzügen dieses Films, das Leben von Violette Leduc weder zu skandalisieren noch ihre Prosa illustrieren zu wollen. Auch wird ihr Kampf um Anerkennung nicht als heroischer Aufstieg aus proletarischem Elend inszeniert – wie das Künstler-Filme wie „Mein linker Fuß“ (1989) von Jim Sheridan, „Ein Engel an meiner Tafel“ (1990) von Jane Campion und „Basquiat“ (1996) von Julian Schnabel vorgemacht haben.

 

Violettes Entschlossenheit ist durchaus von Egozentrik und Ehrgeiz geprägt. Sie wirkt dabei nicht sehr sympathisch, und jeder Erfolg erscheint ihr am Ende kleiner als erhofft. Zudem lässt Regisseur Martin Provost kein Pandämonium berühmter Zeitgenossen aufmarschieren. Kein Camus oder Sartre: Das Personal beschränkt sich auf die berühmte Freundin Simone de Beauvoir, Jean Genet und den homosexuellen Freund und Mäzen Jacques Guérin (Olivier Gourmet), der Leduc zwar fördert, den sie aber erfolglos umwirbt.

 

Tiefer Respekt + höfliche Distanz

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Die Poetin“  – Biopic über die lesbische US-Dichterin Elizabeth Bishop von Bruno Barreto

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Jean Genet – Hommage zum 100. Geburtstag“ im Schwulen Museum, Berlin

 

und hier eine kultiversum-Rezension des Films „Séraphine“ – Biopic über Séraphine Louis, Hauptvertreterin naiver Malerei um 1900, von Martin Provost.

 

Wenn der Film also so viel weglässt, was tut er dann? Er findet eine schlichte, beobachtende Bildsprache zu Violettes Weg. Auf ihr literarisches Werk stieß Regisseur Provost bei der Arbeit an seinem biopic über die französische Malerin Séraphine Louis, das 2009 sieben Césars gewann. So wie schon „Séraphine“ ist auch „Violette“ von tiefem Respekt und höflicher Distanz geprägt.

 

Der Regisseur baut seinen großartigen Darstellerinnen eine Bühne aus blassen Farben und spürbarer moralischer Enge. Er fällt keine Urteile und erklimmt keine Barrikade; er schaut zu und lässt Makel, Widersprüche und Hässlichkeit sein, was sie sind. Entwicklungen gehen allmählich vonstatten.

 

Sonne lacht in der Provence

 

Zum Beispiel wandelt sich das Licht: Als Violette schließlich in einem Landhaus in der Provence zu einer Art Zufriedenheit findet, scheint erstmals prachtvoll die Sonne. Die Natur, die zu Filmbeginn grau, schlammig und feindlich wirkte, erblüht in allen Farben. Diese angenehm unspektakuläre Erzählweise lädt dazu ein, die Texte der 1972 verstorbenen Autorin neu zu entdecken.


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