Gustav Hofer + Luca Ragazzi

What Is Left?

Luca Ragazzi und Gustav Hofer. Foto: déjà-vu film

(Kinostart: 12.6.) Was ist die italienische Linke, und wenn ja, wie viele? Zwei Kultur-Journalisten grasen das politische Spektrum links der Mitte ab; ihre vergnügliche Doku schwankt zwischen Albernheit und Verzweifelung – wie der Rest des Landes.

Was ist links, und was bleibt übrig von den alten Werten der Linken? Mit ihrem neuen Film „What is Left?“ stellen die beiden italienischen Kultur-Journalisten Gustav Hofer und Luca Ragazzi eine doppelsinnige Frage, die nicht nur im politisch und wirtschaftlich desolaten Italien relevant ist. Allerdings beschränken sie ihre Suche nach Antworten ausschließlich auf ihr Heimatland.

 

Info

 

What Is Left ?

 

Regie: Gustav Hofer und Luca Ragazzi,

74 Min., Italien 2013;

mit: Gustav Hofer und Luca Ragazzi

 

Website zum Film

 

Schon ihr vorhergehender Film „Italy – love it or leave it“ war eine spezielle Mischung aus road movie, Zeichentrick-Versatzstücken und Dokumentation, gewürzt mit Dialog-Witz und (Selbst-)Ironie. All diese Elemente findet sich auch in „What is Left?“ wieder. Damals ging es um die Verkommenheit Italiens in toto; diesmal geht es um den traurigen Zustand der politischen Linken.

 

Vier Namen für eine Partei

 

In der dortigen Parteien- und Politbündnislandschaft kommt man schnell durcheinander: So wurde etwa aus dem PCI (Partito Communista Italiano) erst PDS (Partito Democratico della Sinistra), dann DS (Democratici di Sinistra) und schließlich PD (Partito Democratico) – allein die vielen Umbenennungen der Mitte-Links-Demokraten sprechen Bände über die inneren Kämpfe, die sie seit dem Zusammenbruch des Kommunismus durchgestanden haben.


Offizieller Filmtrailer OmU


 

 

Perfekte Feinde + Populisten

 

Für ihren Dokumentarfilm treiben sich Hofer und Ragazzi in Partei-Ortsvereinen ebenso herum wie auf Wahlkampfveranstaltungen. Sie beobachten die Selbstzerfleischung der Linken aus der Nähe – und aus der Distanz die beiden großen Populisten Silvio Berlusconi und Beppe Grillo.

 

Der abgehalfterte Cavaliere, lange „der perfekte Feind“ nicht nur der italienischen Linken, sieht inzwischen aus wie seine eigene Wachsfigur. Er muss derzeit nach einer rechtskräftigen Verurteilung stundenweise Sozialdienst im Altenheim ableisten – arbeitet aber weiter an seinem comeback. Der Ex-Komiker und unberechenbare Schreihals Grillo ist dagegen prinzipiell und lautstark gegen alles – was seiner „Fünf Sterne“-Bewegung bei der letzten Parlamentswahl 2013 einen Erdrutschsieg bescherte.

 

Idealisten + Verschrotter

 

Einige der „Grillini“-Parteigänger interviewen die Regisseure ebenso wie den PD-Vordenker Fabrizio Barca, dessen Polit-Kauderwelsch sie trotz aufrechten Bemühens nicht verstehen. Sie begleiten Celeste Costantino von der linksgrünen Partei SEL und den jungen PD-Kandidaten Enzo Lattuca. Deren heiliger Ernst und Glauben an die Möglichkeit einer besseren Welt sind beeindruckend.

 

Dass die PD-Parteivorsitzenden Bersani und Letta scheitern und der skrupellos ehrgeizige Matteo Renzi als Parteichef der Linken und Ministerpräsident zum neuen starken Mann Italiens aufsteigen würde, haben Hofer und Ragazzi vorausgeahnt. Doch sie werden nicht warm mit dem früheren Oberbürgermeister von Florenz, der sich selbst „Verschrotter“ der alten politischen Garde nennt.

 

Sympathische Snobs + Salonkommunisten

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Venezianische Freundschaft“italienisches Einwanderer-Drama von Andrea Segre

 

und hier einen Bericht über die eindringliche Doku Das Venedig Prinzip von Andreas Pichler über Verfall durch Massentourismus

 

und hier einen Beitrag zum Film „La Grande Bellezza“  – herrliche Rom-Hommage von Paolo Sorrentino, prämiert mit dem Auslands-Oscar 2014.

 

Weil aber Italien ein Land der eingefleischten Dialektiker ist, und hier die Grenze zwischen Komödie und Tragödie grundsätzlich verschwimmt, kann sich das Paar auch nicht einigen, wie schlimm es jetzt wirklich um die italienische Linke steht. Wenn der aus Südtirol stammende Hofer, der sich als „Europäer“ betrachtet, mit dem Römer Ragazzi vor der Kamera diskutiert, führt das zu Dialogen voller Sarkasmus.

 

Der eine ist im Herzen grün, der andere bezeichnet sich als „Realsozialisten“ – sympathische Snobs, die man früher „Salonkommunisten“ genannt hätte, sind sie beide. Die größte Schwierigkeit für integres politisches Handeln ist eben, dass der eigene Komfort näher liegt als die Ideale.

 

Links ist Verwirrung

 

Eingebettet in den Film ist eine Quiz-Show, von einer Blondine mit Russenmütze moderiert. Ihre Fangfragen sollen den Suchenden Orientierung geben: Ist Wohltätigkeit besser als Sozialstaat? Bargeld besser als Kreditkarte? Jobs zuerst für Immigranten oder für Italiener? Ist eine Zwei-Klassen-Medizin ungerecht?

 

Nach dem Quiz steht fest steht: Typisch links ist in Italien nur die Verwirrung. Der Film wirkt in manchen Passagen albern; aber stets spürt man, dass hinter der Ironie seiner Macher natürlich ein Stück echte Verzweiflung steckt. Zum Schluss wachsen Hofer und Ragazzi über sich hinaus. In perfekter Nonchalance und mit einer herrlichen Prise Monty Python-Humor tragen sie einen utopischen Song vor, in dem die Hoffnung aus drei Farben besteht: Grün, Pink und Rot.


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