Yann Gonzalez

Begegnungen nach Mitternacht – Les rencontres d´après minuit

Ali (Kate Moran), die Satanisten-Transe Udo (Nicolas Maury) und Matthias (Niels Schneider) feiern zärtlich dessen Auferstehung von den Toten. Foto: Edition Salzgeber

(Kinostart: 10.7.) Swinger-Party als Höllentrip: Frivol parlieren die Gäste über ihre Leidenschaften, aber das Grauen treibt sie ihnen aus. Seine raffinierte Polygamie-Tragikomödie sabotiert Regisseur Yann Gonzalez mit abgeschmackten Mystery-Effekten.

Der Auftakt verspricht eine aufregende Nacht: Ein junges Paar, Ali (Kate Moran) und Matthias (Niels Schneider), und ihr Transgender-Dienstmädchen Udo erwarten Gäste für eine Swinger-Party. Im eleganten Designer-Apartment stehen Drinks und Drogen bereit; die high tech-Jukebox spielt zur Stimmung passende Musik, sobald man nur die Hand auflegt.

 

Info

 

Begegnungen nach Mitternacht

(Les rencontres d´après minuit)

 

Regie: Yann Gonzalez,

93 Min., Frankreich 2013;

mit: Kate Moran, Niels Schneider, Nicolas Maury

 

Weitere Informationen

 

Nacheinander treffen die Mitspieler ein: Die Schlampe mag es direkt und heftig, der Hengst (Ex-Fußballer Eric Cantona, der seit 15 Jahren schauspielert) ist extrem gut bestückt, der Teenager (Alain-Fabien Delon, Sohn von Alain Delon) sammelt sexuelle Erfahrungen, und die Diva sehnt sich nach Zärtlichkeit im Dunkeln.

 

Einfach nicht zur Sache kommen

 

Das bekennen alle freimütig; ausführlich erzählen sie von ihren Fantasien und Lastern. Wenn sie sich aber anschicken, jene auszuleben, kommt prompt etwas dazwischen: Es klingelt, der nächste Gast platzt herein, oder die Polizei steht vor der Tür – und fahndet nach einem der Anwesenden.


Offizieller Filmtrailer OmU


 

Bonmots wie bei screwball comedy

 

Doch die Atmosphäre bleibt prickelnd. Lippen werden geleckt, Hände verschwinden im Schritt. Der Hengst legt sein mächtiges Glied frei und berichtet von seinem letzten Abenteuer. Er wurde festgenommen und eingesperrt; in seiner Zelle erschien eine aufgedonnerte Kommissarin (Beatrice Dalle als gealterter Schatten ihrer selbst). Als Domina traktierte sie ihn mit einer Peitsche – dann drehte sie den Spieß um und ließ sich demütigen, bis es ihr kam.

 

Was wie eine schmierige B-movie-Szene klingt, inszeniert Regisseur Yann Gonzalez mit leichter Hand. Wie die ganze erste Filmhälfte: Kultivierte Konversation perlt frivol vor sich hin, Bonmots schwirren umher wie bei einer screwball comedy. Alle Anwesenden nehmen die Leidenschaften und Wünsche der Anderen ernst und ironisieren sie zugleich milde – weil sie nicht so recht zueinander passen. Weswegen auf solchen Partys viele Teilnehmer kaum auf ihre Kosten kommen: außer Reden nichts gewesen.

 

Bekenntnis-Briefe jeden Monat am Kiosk

 

Für dieses Dilemma findet Regisseur Gonzalez wunderbar unangestrengte Einstellungen und Dialoge. In Frankreich hat l´échangisme („die Austauscherei“) eine lange Tradition; sie reicht bis ins ancien régime des 18. Jahrhunderts zurück. Libertinage war ein Privileg der Oberschicht, die bei aller Zügellosigkeit auf gute Manieren hielt – und sie in erotischen Romanen ausmalte.

 

Ihre heutigen Nachfolger sind ein Zeitschriften-Genre, das es in Deutschland nicht gibt: Lettres de confession, also „Bekenntnis-Briefe“. In diesen Monatsmagazinen berichten anonyme Männer und Frauen anschaulich über – wohl erfundene – Details ihres Liebeslebens: wie und mit wem sie es neulich getrieben haben.

 

Wollust als Fluch nach Frischluftzufuhr

 

Eine anregende Bettlektüre, die kein Porno ersetzen kann: Explizite Drastik ja, aber bitte mit Stil. Nicht zufällig präsentiert sich im Film der Hengst als verhinderter Dichter, und der Teenager schwärmt wie ein Rimbaud oder die beatniks vom prallen Leben. Dann sind der verführerischen Worte genug gewechselt, es müsste etwas passieren – und Regisseur Gonzalez wechselt abrupt Schauplatz und Tonlage: Die Abendgesellschaft fährt aufs Land.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Feuchtgebiete” – brillante Verfilmung des Erotik-Bestsellers von Charlotte Roche durch David Wnendt

 

und hier einen Beitrag über den Film „Ihr werdet Euch noch wundern“ – Konversationsdrama unter Liebespaaren von Alain Resnais

 

und hier eine Kritik des Films “Shame” von Steve McQueen mit Michael Fassbender als Sex-Süchtigem.

 

Frischluft bekommt dem Film schlecht. Das Leichtfüßige kippt ins Tragische: Alle offenbaren nun ihre Ängste, Verletzungen und Verluste. Was rasch ins Tragikomische umschlägt: Die Gastgeber entpuppen sich als Wiedergänger aus mythischer Zeit. Matthias starb einst im Krieg; Udo erweckte ihn mit satanistischen Ritualen wieder zum Leben und zwang das Paar zu ewigen Ausschweifungen. Wollust als Fluch: Dem entzieht sich der Held durch Selbstentleibung.

 

Seelenfrieden in Patchwork-Familie

 

Solche billigen Fantasy-Klischees lösen auch die Komplexe der übrigen Figuren auf, bis alle geläutert von dannen ziehen. Nur der Teenager, der aus seinem Elternhaus weglief, bleibt: Er hat in Ali und Udo eine Ersatzfamilie gefunden. So findet auch dieses Töpfchen sein Deckelchen.

 

Diese Volte rückwärts zum Seelenfrieden in der postmodernen Patchwork-Familie lässt einen ratlos zurück. Anfangs führt Regisseur Gonzalez vor, wie souverän er die Verlockungen, Mechanismen und Rituale von organisierter Polygamie durchschaut. Dann reduziert er alles auf eine simple Kompensationsthese: Wer seine Lust auslebt, muss irgendetwas Schlimmes verdrängen.

 

Schmonzette aus Mystery-Mottenkiste

 

Damit sabotiert Gonzalez die erste Filmhälfte: Sie ist viel zu erfahrungsgesättigt ausgefeilt, als dass ihr mit schlicht gestrickter Alltagsmoral beizukommen wäre. Also bemüht der Regisseur Gruseleffekte aus der Mystery-Mottenkiste, um den zweiten Teil ins Prokrustesbett gutbürgerlicher Wohlanständigkeit zu pressen.

 

Aus Überzeugung oder Angst vor der eigenen Courage? Schwierig zu sagen. Jedenfalls mündet, was als raffinierte Reflexion über schillernde Facetten des Begehrens begann, in eine sentimentale Schmonzette.


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