Dominik Graf

Die geliebten Schwestern

Ein Sommer voller Unbeschwertheit zu dritt: Charlotte (Henriette Confurius, re.), Caroline (Hannah Herzsprung) und Friedrich Schiller (Florian Stetter) tollen in Rudolstadt umher. Foto: Edition Senator

(Kinostart: 31.7.) Summer of Love 1788: Schiller liebte zwei Schwestern zugleich. Als er eine heiratete, brach die andere mit beiden. Ihre idealistische Liebes-Utopie filmt Regisseur Dominik Graf formvollendet: als Spiegel für die arg monogame Gegenwart.

Auch Klassiker haben klein angefangen: 1788 ist Friedrich Schiller (1759-1805) schon ein berühmt-berüchtigter Dichter durch seine skandalumwitterten Dramen wie „Die Räuber“ oder „Kabale und Liebe“, aber praktisch pleite. Seine Anstellung als Militärarzt hat er aufgegeben, aus Württemberg ist er 1782 geflohen. Seither zieht er unstet durch deutsche Länder.

 

Info

 

Die geliebten Schwestern

 

Regie: Dominik Graf,

139 Min., Deutschland 2013;

mit: Hannah Herzsprung, Florian Stetter, Henriette Confurius, Claudia Messner

 

Website zum Film

 

In Weimar begegnet er der 21-jährigen Charlotte von Lengefeld (Henriette Confurius); sie soll bei ihrer Patentante höfische Etikette lernen und sich eine gute Partie angeln. Schiller ist ihr ebenso zugetan wie ihrer drei Jahre älteren Schwester Caroline (Hannah Herzsprung), die mit dem Pedanten von Beulwitz verheiratet ist. Dessen Vermögen erlaubt Mutter Louise und beiden Töchtern ein standesgemäßes Dasein im thüringischen Rudolstadt. Dorthin folgt ihnen der Dichter.

 

Eine heiraten, mit anderer schlafen

 

Beide Schwestern sind ein Herz und eine Seele; sie nehmen Schiller in ihren Lebensbund auf. Davon zeugen stapelweise codierte Briefe, von denen manche später verschwanden; so lässt sich die Dreiecks-Beziehung nicht mit letzter Sicherheit beweisen, aber sehr wahrscheinlich gab es sie. Um das zu kaschieren, soll Friedrich Charlotte ehelichen – doch als diese nach Weimar gerufen wird, verbringt er mit Caroline eine Liebesnacht.


Offizieller Filmtrailer


 

Schweizer adoptieren Neugeborenes

 

Dennoch heiraten Friedrich und Charlotte in Jena – nachdem sie seine bisherige Gönnerin Frau von Kalb ausgeschaltet und er eine Professur an der dortigen Universität erhalten hat. Erst als die Frischvermählte ihrer Schwester gesteht, dass sie mit ihrem Gatten die Ehe nicht vollzieht, kommt es zum Bruch – Caroline will nicht im Weg stehen.

 

Fünf Jahre später treffen sich Friedrich und Caroline zufällig in Tübingen. Während Charlotte das erste Kind ihres Mannes erwartet, wird auch Caroline schwanger. Davon darf der ungeliebte Beulwitz nichts erfahren. Schillers alter Studienfreund Wilhelm von Wolzogen (Ronald Zehrfeld) begleitet Caroline in die Schweiz; dort gibt sie das Neugeborene in fremde Hände, lässt sich von ihrem ersten Mann scheiden und heiratet Wolzogen. Charlotte ist entsetzt.

 

Gesellschafts-Zwang erledigt ménage à trois

 

1802 versucht Mutter Louise auf dem Sterbebett, ihre Töchter miteinander auszusöhnen. Doch das gelingt erst, als der kränkliche Schiller einen Anfall erleidet, der sie wieder zusammenführt. Allerdings hält die Dreisamkeit nicht lange: 1805 stirbt der Dichter an einer Lungenentzündung.

 

So tragisch endet die aufregendste ménage à trois der deutschen Literaturgeschichte. Schiller und seine Herzensdamen versuchten, polyamourös zu leben – nicht im Konkubinat oder als heimliche Liaison, sondern in vertrauensvoller Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Womit sie fast 180 Jahre, bevor der Begriff „freie Liebe“ aufkam, scheitern mussten: mehr an gesellschaftlichen als an selbst auferlegten Zwängen.

 

Keine Zeit für romantische Liebe

 

Das macht der Film von Dominik Graf wunderbar deutlich. Bei allen idealistischen Höhenflügen sind die drei keine Engel und Eifersucht, Neid oder Ranküne ihnen nicht fremd. Doch dürften sie, wie sie könnten, würden Toleranz und Großmut wohl obsiegen und das fragile Beziehungs-Dreieck beisammen halten. Aber die Verhältnisse sind nicht so.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier das InterviewFaszinierende Liebesbrief-Debatte“ – Regisseur Dominik Graf über „Die geliebten Schwestern“.

 

und hier eine Besprechung des Films „The Invisible Woman“ – Historiendrama über die heimliche Geliebte von Charles Dickens von und mit Ralph Fiennes

 

und hier einen Bericht über den Film “Tabu– Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden“ von Christoph Stark über die inzestuöse Liebe des Dichters Georg Trakl + seiner Schwester mit Lars Eidinger

 

und hier einen Beitrag über den Film „Ludwig II.“ – Biopic über den bayerischen Märchenkönig mit Hannah Herzsprung als Kaiserin Sisi.

 

Ehen sind Versorgungs-Institute zur sozialen Absicherung; Herzensregungen zählen wenig. Dagegen rebelliert die Generation des Sturm und Drang erstmals mit einer Gefühls-Auffassung, die bald „romantische Liebe“ heißen wird: Lauteren Seelen soll nichts verwehrt sein, solange sie ihrer inneren Stimme folgen und ihr Gegenüber als ebenbürtig achten. Für dieses individualistische Selbstverständnis war die Zeit noch nicht reif.

 

Prokrustesbett der Trauschein-Beziehung

 

Fragt sich, ob sie es seither je geworden ist. Freigeister aller Epochen haben dieses Konzept aufgegriffen: die bohémiens und Lebensreformer, die Bloomsbury Group und beatniks, Anarchisten, Hippies, Kommunarden und viele mehr. Ihr Bestreben, frei flottierender Zuneigung keine Fesseln anzulegen, kehrte nach einer Weile stets zurück ins Prokrustesbett der monogamen Zweierbeziehung mit Trauschein: ein rechtlich bis ins Kleinste geregeltes Vertragsverhältnis. Keine Alternative, nirgends?

 

Die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit spielt Regisseur Graf in einer Nebenhandlung durch: der französischen Revolution von 1789. Anfangs zählt Schiller zu ihren glühenden Anhängern – bis ihm sein Freund Wolzogen von den Gräueltaten mit der Guillotine im terreur berichtet. Danach bemüht sich der Dichter um die Konsolidierung seiner privaten Verhältnisse parallel zur politischen Restauration. Posthum wird er als gezähmtes Genie der deutschen Klassik im Bücherregal stehen.

 

Wie Bildungsbürger in Nachbarschaft

 

Wie es dazu kommen konnte, bebildert Dominik Graf gewohnt formvollendet: mit leidenschaftlich auftrumpfenden Schauspielern, detailgetreu nachempfundenem Zeitkolorit und souveräner Inszenierung, die trotz zahlreicher Schauplätze und Mitwirkender jederzeit den Überblick behält. Trotz 225 Jahren Abstand sieht diese Schiller-Affäre so gegenwärtig aus, als würde sie sich bei Bildungsbürgern in der Nachbarschaft abspielen. Was zeigt, wie aktuell und ungelöst die Frage geblieben ist: Was tun mit zarten Gefühlen abseits der Norm?


Diesen Artikel drucken