Diao Yinan

Feuerwerk am helllichten Tage – Black Coal, Thin Ice

Liao Fan und Gwei Lun Mei. Foto: ©Weltkino Filmverleih

(Kinostart: 24.7.) Film noir in Chinas Provinz: Ein Ex-Cop sucht einen Mörder, um sich zu rehabilitieren – die Spur führt in eine Reinigung. Genre-Kino mit brillant eigenwilliger Bildsprache, auf der Berlinale 2014 mit zwei Bären ausgezeichnet.

Das kommt selten vor: Auf der diesjährigen Berlinale gewann dieser Film, der im Wettbewerb unter dem Titel „Black Coal, Thin Ice“ lief, zwei Hauptpreise: den Goldenen Bären für den besten Film und den Silbernen Bär für den besten Hauptdarsteller. Trotzdem ist er sogar in China zu sehen – die Zensur ließ ihn ohne größere Änderungen passieren.

 

Info

 

Feuerwerk am helllichten Tage – Black Coal, Thin Ice (Bai Ri Yan Huo)

 

Regie: Diao Yinan,

106 Min., China/Hongkong 2014;

mit: Liao Fan, Gwei Lun Mei, Wang Xuebing

 

Website zum Film

 

Was erstaunlich ist: Der Film zeichnet nicht nur ein düsteres Bild vom Leben in der chinesischen Provinz. Mit einem depressiven, manipulierenden Ex-Polizisten als Hauptfigur rückt er auch chinesische Staatsdiener nicht gerade in schmeichelhaftes Licht.

 

Leichenteile in der Produktion

 

In einem Kohle-Bergwerk wird ein menschlicher Arm gefunden. Weitere Leichenteile tauchen in diversen anderen Produktionsstätten auf. Kommissar Zhang Zili (Liao Fan), dem noch seine Scheidung zu schaffen macht, erleidet ein weiteres Trauma: Zu Beginn der Ermittlungen sterben zwei Verdächtige sowie zwei Kollegen bei einer Schießerei. Damit scheint eine Lösung des Falles undenkbar.


Offizieller Filmtrailer


 

Alles dreht sich um die Wäscherin

 

Zhang scheidet aus dem Polizeidienst aus und wird Angestellter bei einem Wachdienst. Fünf Jahre später ist er alkoholkrank und schwer depressiv. Als es so aussieht, als könne er tiefer nicht sinken, wird Zhang von einem Ex-Kollegen aufgesucht: Es gibt einen neuen Mordfall, der Ähnlichkeiten mit Zhangs damals ungelöstem Fall aufweist. Zentrale Figur in beiden Fällen ist Wu Zhizhen (Gwei Lun Mei); eine junge Frau, deren Ehemann fünf Jahre zuvor als erstes Mordopfer identifiziert worden war.

 

Wu arbeitet immer noch in derselben kleinen Reinigung, in der sie schon nach dem ersten Fall verhört worden war. Zhang beginnt auf eigene Faust mit inoffiziellen Ermittlungen. Was treibt ihn an? Der Ehrgeiz, in den Kreis seiner alten Kollegen wieder aufgenommen zu werden? Oder die erotische Anziehungskraft der geheimnisvollen Frau?

 

Wegen Männern an der Welt leiden

 

Regisseur Diao Yinan zeigt eine fast nur von Männern bevölkerte Welt. Die zarte Erscheinung von Hauptdarstellerin Gwei Lun Mei aus Taiwan wirkt zwischen all diesen robusten Gestalten sehr zerbrechlich; die körperliche Überlegenheit der Männer, die sie begehren, scheint sie zu bedrohen. Die einzige andere relevante Frau im Film, eine beeindruckende Matrone, ist Inhaberin der Bar „Feuerwerk am helllichten Tage“. Beide weiblichen Figuren verbindet ihr durch Männer ausgelöstes Leiden an der Welt.

 

Diese Konstellation wirkt so rätselhaft wie der Filmtitel: In der englischen Variante betont er scharfe Kontraste; in der deutschen Übersetzung der chinesischen Version etwas kaum Sichtbares. Das Enigmatische setzt sich in der Komposition fort: Auf geheimnisvolle Weise scheinen die Bilder stets mehr zu bedeuten, als auf ihnen zu sehen ist.

 

Bedrohung durch makellose Tableaus

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „A Touch of Sin“  – kompromissloses Sozial-Drama über das heutige China von Jia Zhangke

 

und hier einen Bericht über den Film “Venezianische Freundschaft”  –Einwanderer-Drama mit Zhao Tao von Andrea Segre

 

und hier einen Bericht über den Film Drachenmädchen – Doku über den Drill an Chinas größter Kampfkunst -Schule von Inigo Westmeier

 

Klar zu erkennen sind jeweils nur minimalistische Details; winzige Ausschnitte einer Wirklichkeit, die sich dahinter allenfalls erahnen lässt. Diao Yinans Bildsprache kennzeichnet eine so karge wie ausgesuchte Ästhetik: Ruhige, lange Einstellungen zeigen wenige Dinge oder Menschen auf einmal. Jeder Einzelheit kommt dadurch um so größere Bedeutung zu.

 

Wirbelnde Schneeflocken, dampfende Suppenschüsseln oder explodierende Feuerwerkskörper werden zu exquisit arrangierten Tableaus angeordnet; ihre Makellosigkeit transportiert stets auch die Ahnung einer unsichtbaren Bedrohung. So wird ein mehrfach gezeigter Baum an einer Straßenecke zum stummen Zeugen der Geschehnisse.

 

In der Spur von Orson Welles

 

Oft glaubt man Bildzitate aus der Tradition des film noir zu erkennen. Regisseur Diao hat Klassiker wie „Die Spur des Falken“ (1941) von John Huston mit Humphrey Bogart und „Der dritte Mann“ (1949) von Carol Reed mit Orson Welles genau studiert; er lässt ebenso eine Schlüsselszene in einem Riesenrad spielen.

 

Dennoch stehen seine Einstellungen nur für sich selbst – und für das, was sie verbergen. Der ganze Film erscheint wie ein einziges großes Bilderrätsel, das sich nur teilweise lösen lässt: Selbst am Ende, als alle Verbrechen aufgeklärt scheinen, gibt es längst nicht all seine Geheimnisse preis.


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