Dominik Graf

Faszinierende Liebesbrief-Debatte

Regisseur Dominik Graf. Foto Edition Senator
Epische Länge für ganz große Gefühle: Die Dreiecksbeziehung von Schiller mit zwei Schwestern erzählt Dominik Graf in 140 Minuten; seine TV-Fassung ist noch länger. Warum er für die Figuren-Entwicklung so viel Zeit braucht, erklärt er im Interview.

Wie sind Sie auf Friedrich Schiller als Hauptfigur eines Films gekommen?

 

Ich habe vor sieben Jahren mit großer Freude einen Kostümfilm über Clemens Brentano gedreht. Er heißt „Das Gelübde“ und erzählt die berühmte Episode, wie Brentano monatelang die blutende Nonne Anna Katharina Emmerick nach ihren Jesus-Visionen befragte.

 

Info

 

Die geliebten Schwestern

 

Regie: Dominik Graf,

139 Min., Deutschland 2013;

mit: Hannah Herzsprung, Florian Stetter, Henriette Confurius, Claudia Messner

 

Website zum Film

 

Es war für mich das erste Mal, dass bei Dreharbeiten Pferde durchs Bild liefen und Kutschen rollten. Ich fand es großartig, mich mit einer fernen Vergangenheit auseinanderzusetzen, und sie dabei möglichst fremd und gleichermaßen nah erscheinen zu lassen.

 

Es in sich überzeugend aussehen lassen

 

Was macht einen gelungenen Historienfilm aus?

 

Ich glaube, man sollte nicht versuchen, dem Niveau großer internationaler Produktionen nachzueifern, sondern vielmehr dafür sorgen, dass es in sich überzeugend aussieht. Ich habe bei diesem Film wieder mit der gleichen Crew von „Das Gelübde“ gearbeitet.


Offizieller Filmtrailer


 

Freude an dieser Liebes-Konstellation

 

Der Film handelt von Schillers Dreiecksbeziehung mit zwei Schwestern. War Ihnen zuvor diese Episode aus seinem Leben bekannt?

 

Nein, Schiller ist ja nicht gerade wegen seiner weltbewegenden Amouren berühmt. Die Idee für den Stoff kam von der Produzentin Uschi Reich, die bereits 2005 im Film „Schiller“ mit Matthias Schweighöfer seine Anfänge als Dichter verfilmt hatte. Als ich mich dann mit den Biografien der Beteiligten beschäftigte, hatte ich schon viel Freude an der Vorstellung dieser Liebes-Konstellation, und machte mich ans Drehbuch.

 

Pferde und Kutschen sind Nebensache

 

Hat Sie vor allem der historische Rahmen gereizt?

 

Nein. Wie schon bei Clemens Brentano und Anna Katharina Emmerick findet auch zwischen Schiller und den Schwestern eine Liebes-Debatte statt. Wie sie das ausdrücken und ihre Briefe hin und her gehen, fasziniert mich sehr. Pferden und Kutschen zu inszenieren, macht zwar Spaß, ist aber letztlich nur Nebensache. Das eigentlich Inspirierende ist für mich die Kommunikation zwischen den Figuren.

 

Ins Kino kommt eine kürzere Fassung von „Die geliebten Schwestern“. Die auf der Berlinale gezeigte "Festival-Version" ist länger, die fürs Fernsehen noch länger. Gelten auf der Leinwand andere Regeln als im TV?

 

Es war von Anfang an klar, dass der Stoff eine epische Länge haben wird; wir erzählen ja 14 Jahre einer großen Liebesgeschichte. Es gibt nun drei Versionen: einen Zweiteiler von 190 Minuten fürs Fernsehen, den Director’s Cut mit 170 Minuten, der auf der Berlinale zu sehen war, und die Kinoversion mit 140 Minuten. Die Varianten unterscheiden sich vor allem durch verschiedene Erzähl-Geschwindigkeiten. 

 

Bei US-Serien nur noch Dramaturgie-Peitsche

 

Sie erhielten 2010 für die zehnteilige TV-Krimiserie „Im Angesicht des Verbrechens“ viel Lob. Finden Sie, dass heutzutage im Fernsehen die besseren Geschichten erzählt werden?

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Die geliebten Schwestern" von Dominik Graf

 

und hier eine Besprechung des Films “The Invisible Woman” – Historiendrama über die heimliche Geliebte von Charles Dickens von und mit Ralph Fiennes

 

und hier einen Bericht über den Film “Tabu– Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden“ von Christoph Stark über die inzestuöse Liebe des Dichters Georg Trakl + seiner Schwester mit Lars Eidinger

 

und hier einen Beitrag über den Film “Ludwig II.” – Biopic über den bayerischen Märchenkönig mit Hannah Herzsprung als Kaiserin Sisi.

 

Deutsche TV-Serien der 1960/70er Jahre wie etwa „Am grünen Strand der Spree“ oder „Die merkwürdige Lebensgeschichte des Friedrich Freiherrn von der Trenck“ waren schon damals besser als deutsches Kino oder US-Serien von heute. Fernsehen ist das bessere Kino, wenn es dort mehr Raum und Zeit in den Erzählungen gibt. Bei US-Serien spüre ich heute nur noch die Dramaturgie-Peitsche.

 

Drehbuch-Autoren als Hütchenspieler

 

Was meinen Sie damit?

 

Ich stelle mir vier Drehbuch-Autoren in einem Raum vor, die sich gegenseitig darin überbieten, wie sie den Zuschauern die nächste Story-Überraschung um die Ohren hauen. Serien wie „Akte X“ und „Homicide“ fand ich noch stark an den Charakteren orientiert, seit dem Jahr 2000 wurde mir das aber alles zu technisch – als würden die Autoren wie Hütchenspieler den nächsten Trick präsentieren. Das mag zwar verblüffend sein, aber es ist nicht meine Art des Erzählens.

 

Wir mögen's gern netter

 

Sie mögen Genrefilme wie Western und Horror. Würde es Sie auch gerne derlei drehen?

 

Genrefilme liebe ich sehr, und ich würde gern noch einmal einen Polizeifilm fürs Kino machen. Zumal ich nach neueren Filmen wie „Harms“ von Nikolai Müllerschön mit Heiner Lauterbach in der Titelrolle inzwischen das Gefühl habe, dass manche hierzulande sich wieder trauen, Genrefilme fürs Kino machen. Andererseits war und ist die Stimmung in Branche und Filmförderanstalten immer schon gegen harte Genrefilme. Wir mögen's gern netter.


Diesen Artikel drucken