Clint Eastwood

Jersey Boys

Frankie Valli (John Lloyd Young), Tommy DeVito (Vincent Piazza), Nick Massi (Michael Lomeda) und Bob Gaudio (Erich Bergen, v.l.n.r.). Foto: Warner Bros. Pictures Germany

(Kinostart: 31.7.) Schicke Anzüge und schmissige Tollen: The Four Seasons waren in den 1960ern auf Hits abonniert. Clint Eastwood verfilmt das Erfolgs-Musical zur Bandgeschichte: etwas unentschieden zwischen Episoden-Drama und flotten Gesangsnummern.

Drei Minuten vor Schluss kippt der Film. Vorher hat Clint Eastwood mehr als zwei lange Stunden versucht, aus „Jersey Boys“ ein echtes Drama zu stricken. Einen Film, wie Eastwood schon einige gedreht hat: über Jungs aus schwierigen Verhältnissen, kleine Ganoven oder Emporkömmlinge. Kurz vor Schluss aber bekommt der Film plötzlich den drive eines Musicals.

 

Info

 

Jersey Boys

 

Regie: Clint Eastwood,

134 Min., USA 2014;

mit: John Lloyd Young, Vincent Piazza, Christopher Walken

 

Website zum Film

 

Das gleichnamige Stück, das mit dem US-Theater-Oscar Tony ausgezeichnet wurde und seit Jahren erfolgreich am New Yorker Broadway und in Las Vegas läuft, huldigt der populären Tanzmusik der 1950/60er Jahre. Dieser sound jagte auch dem weißen, spießigen Nachkriegsamerika in eher spaßfreien Bundesstaaten wie Ohio oder eben New Jersey etwas Schwung in die steifen Hüften. Kurz vor dem Abspann performed das gesamte Ensemble auf den Straßen: die Big Band haut in die Tasten, greift in die Saiten, bläst ins Horn, auf dass alles tanze und alle Sorgen vergesse.

 

Fokus auf Versatzstücke

 
Nun sind Musicals nicht jedermanns Sache; auch Eastwoods nicht. „Jersey Boys“ nur für die große Leinwand adaptieren, war ihm zu banal; das Genre neu zu erfinden, zu heikel. Also fokussiert er auf die dramatischen Elemente, die im Musical nur als narrative Versatzstücke zum nächsten Hit überleiten.


Offizieller Filmtrailer


 

Eastwood spielt Bar-Jazz in Heimatstadt

 

Doch Eastwood wollte keinen Musikfilm machen. Das hat er ja schon 1988 getan: mit dem biopic „Bird“ über den „ernsthaften“ Jazz-Saxofonisten Charlie Parker. Bekanntlich ist Eastwood ein Jazz-Fan, der sich in der Bar seiner Heimatstadt Carmel auch mal selbst ans Klavier setzt.

 

Im Zentrum seines neuen Films stehen die Lebensgeschichten von Frankie Valli und Tommy DeVito. Frankie, eigentlich Francesco Castelluccio, und Tommy kommen aus Belleville, New Jersey. Auf ihrer Straße können sie in der Ferne die skyline von Manhattan sehen.

 

Falsett-Stimme wie Schranktür

 

Frankie ist Barbier und Tommy ein halbseidener Tunichtgut, der gern ein halbstarker Mafioso wäre. So tritt er jedenfalls auf, um beim örtlichen Paten Angelo „Gyp“ DeCarlo gut dazustehen. Sein Versuch, das eigene Leben auf kriminelle Beine zu stellen, scheitert jedoch schon am Anfang kläglich. Das bringt ihn für sechs Monate in den Knast, während Frankie den Kopf gerade noch aus der Schlinge ziehen kann. Schließlich ist da noch die Musik.

 

Tommy ist der eigentliche Kopf der Band, die später als The Four Seasons Karriere machen sollte. Heimliche Attraktion in der Frühphase, als die Band noch ständig den Namen wechselt und in kleinen Kaschemmen zwischen Hoboken und Atlantic City aufspielt, ist aber Frankies Falsett-Stimme. Er hat dieses Doo-Wop-Organ, das sich eher anhört wie eine Schranktür, die dringend geölt werden muss, als wie eine Singstimme.

 

Klein-Klein von Andeutungen + Episödchen

 

Schnell kommt der erste Erfolg mit einer cover version von „You Are the Apple of My Eye“. Doch erst als sich der Komponist Bob Gaudio der Band anschließt und man den New Yorker Produzenten Bob Crewe engagiert, geht es wirklich ab. Hits wie „Sherry“, „Big Girls Don’t Cry“ oder „Walk Like a Man“ sind Knaller: kurz und knapp, mit einfacher, eingängiger Melodie und einem Text, der Mädels direkt ins Herz sticht, aber auch Mafia-Größen zu Tränen rührt. Cheesy würde man das heute wohl nennen.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Inside Llewyn Davis“ – Porträt eines erfolglosen Folk-Musikers in den 1960er Jahren von Joel + Ethan Coen.

 

und hier einen Bericht über den Film „The Sapphires“  – Tragikomödie über eine Aborigines-Soul-Girlgroup der 1960er Jahre von Wayne Blair

 

und hier einen Beitrag über den Film Not Fade Away – Drama einer US-Provinz-Rockband in den 1960/70er Jahren von David Chase mit James Gandolfini.

 

Auch unter der Regie von Clint Eastwood fehlen die einschlägigen Hits nicht. Doch bleiben sie nur Ohrwürmer. Die rhythmische Ausgelassenheit, die sie im Musical verströmen dürfen, verkneift er sich. Stattdessen bemüht sich der 84-jährige Kalifornier, das Italo-Flair der Ostküstenprovinz einzufangen. Dabei verliert er sich aber leider im Klein-Klein von Andeutungen und Episödchen, von denen keine zum großen Drama einer Gesellschaftsgeschichte reicht.

 

Als nächstes ein Scharfschützen-biopic

 

Den Film rettet letztlich sein Ensemble; der gesamte cast singt selbst. John Lloyd Young gab den Frankie Valli schon auf der Musical-Bühne. Auch Erich Bergen wurde wieder für die Rolle des Bob Gaudio verpflichtet; herausragend aber tritt Vincent Piazza als Tommy DeVito auf. Und Christopher Walken ist prädestiniert für die Figur des Kredithais Gyp, der im wirklichen Leben Frank Sinatras Draht zur Unterwelt war.

 

Clint Eastwoods 34. Regiearbeit bleibt unentschieden. Trotz schöner Einfälle wie direkten Ansprachen der Protagonisten ans Publikum oder eines bis ins Kleinste zeitgemäß ausstaffierten Szenenbilds: Die Neudefinition des Musical-Films ist „Jersey Boys“ nicht geworden. Das wäre ein Coup gewesen, gerade für Dirty Harry. Bei seinem nächsten Projekt dürfte er wieder sicherer agieren: Er dreht das biopic eines Armee-Scharfschützen.


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