Baden-Baden

Lesser Ury und das Licht

Waterloo-Brücke bei durchbrechender Sonne, 1926. Öl auf Leinwand, Privatsammlung, Foto: © Museum LA8

Impressionist des Kunstlichts: Lesser Ury galt in Berlin um 1900 als „künstlerischer Verherrlicher der Reichshauptstadt“. Nach seinem Krach mit Kunst-Mogul Max Liebermann geriet er ins Abseits. Das Museum LA8 ermöglicht, sein Werk neu zu entdecken.

Das Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts in Baden-Baden schlägt beherzt eine Brücke zwischen beiden Sphären, die sonst einander häufig misstrauisch beäugen. Die aktuelle Ausstellung verknüpft das Thema Kunstlicht mit den Arbeiten von Lesser Ury (1861-1931).

 

Info

 

Lesser Ury und das Licht

 

05.04.2014 – 31.08.2014

täglich außer montags

11 bis 18 Uhr

im Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts, Lichtentaler Allee 8, Baden-Baden

 

Weitere Informationen

 

Der jüdische Sohn eines Bäckers aus der heute polnischen Provinz Posen kam 1887 nach Berlin. Dort wurde er neben Lovis Corinth, Max Slevogt, Walter Leistikow und Max Liebermann eine prägende Gestalt der hauptstädtischen Kunstszene im Kaiserreich. Als er sich 1892 mit Liebermann überwarf, sank allerdings sein Stern. Mehr als 120 Jahre später schwankt das Urteil über ihn: Für die einen ist Ury ein überschätzter Epigone, für die anderen ein unterschätztes Genie. Das Museum entscheidet sich für Letzteres.

 

Europa im Gaslicht

 

„Europa im Gaslicht“ heißt ein Buch von Justus Franz Wittkop über „Die hohe Zeit des Bürgertums 1848-1914“. Passenderweise steht am Eingang der Ausstellung eine Gaslaterne. Daneben führt eines der bekanntesten Bilder Urys ihre Wirkung vor: „Nächtliches Berlin“ von 1919 zeigt Straßenbeleuchtung im Regen, elektrische Tram und bürgerliche Nachtbummler. Solche Bilder begründeten seinen Ruf als „künstlerischer Verherrlicher der Reichshauptstadt“ – so Berlins Oberbürgermeister Böß 1921.


Diashow: Werke von Lesser Ury


 

Vernunft wird zur Göttin des Kunstlichts

 

Das Thema Kunstlicht wird im Erdgeschoss mit Lampen und Leuchten knapp abgehandelt, vor allem aber mit Werbeplakaten aus der Zeit um 1900: Junge Damen räkeln sich dem Licht entgegen oder tragen Fackeln durch die Finsternis. So wird die Ikonographie der französischen Revolution von der Industrie clever als Marketing-Instrument eingesetzt; die Göttin der Vernunft wird zur Göttin des Kunstlichts.

 

Ein Stockwerk höher sind Bilder Urys aus dem späten 19. Jahrhundert versammelt: von industriell erzeugtem Kunstlicht keine Spur. Tageshelle dominiert; auf zwei Gemälden spenden Kamin- und Herdfeuer rötlich wärmenden Schein. Hier hängt auch das bekannteste Bild seiner Frühphase, das „Pariser Interieur“ von 1881. Der Kunstkritiker Robert Breuer, ein Vertrauter des ersten Reichspräsidenten Friedrich Eberts, sah darin Urys beste Leistung.

 

Verpfuschtes Dasein als Bilanz

 

Beide Etagen verbinden Widersprüche: Lesser Ury, der als Maler des Kunstlichts gelten soll, malt im 19. Jahrhundert fast nur Tageslicht. Oder: Über schwarzweißen Radierungen des Künstlers prangt ein emphatisches Kritiker-Zitat zu seiner eigenwilligen Farbigkeit; neben seinem Lebenslauf samt Erfolgen steht seine eigene düstere Bilanz vom „verpfuschten Dasein“. Mit dialektischem Biss setzt sich die Ausstellung solchen Gegensätzen aus.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung  “Wien – Berlin: Kunst zweier Metropolen von Schiele bis Grosz”mit Werken von Lesser Ury in Berlin und Wien

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung  “1912 – Mission Moderne“ – Rekonstruktion der Jahrhundertschau des Sonderbundes im Wallraf-Richartz-Museum, Köln

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung «Die Welt will Grunewald von mir» – Bilder von Walter Leistikow im Bröhan-Museum, Berlin.

 

Die Gegenüberstellung von Urys Gemälden mit Werbeplakaten der Epoche macht anschaulich, wie plakativ er oft in Motivwahl und Gestaltung arbeitete: In Holland malt er Windmühlen, in Paris den Eiffelturm und in London die Waterloo Bridge. Sein Bild aus London lässt an den englischen Proto-Impressionisten William Turner denken. Dazu ist von Ury eine Anekdote überliefert: Berliner Kunstfreunde sollen in London vor Turners Bildern ausgerufen haben „Das ist ja Ury!“.

 

Meister der Selbststilisierung

 

Seine folgenreichste Aktion zur Selbststilisierung war gewiss der Bericht, er habe in einem Bild von Max Liebermann die Lichtführung korrigiert. Das hält bis heute manche Zweifel lebendig, ob nicht Lesser Ury der bessere Impressionist gewesen sei. Zudem pflegte Ury zeitlebens den Mythos, Liebermann habe seine öffentliche Anerkennung behindert. Diesem Mythos entrinnt auch die Ausstellung nicht bei ihrem Bemühen, Ury neu zu entdecken.

 

Der Katalog macht deutlich, wie widersprüchlich seine Persönlichkeit war: So begann er als Suchender, der an fünf verschiedenen Akademien Unterricht nahm. Dabei ist vor allem der Grafiker Ury neu zu entdecken, der mit dem Maler wohl zeitlebens im Streit lag: In gelungenen Radierungen, Lithographien und Zeichnungen, die häufig stimmiger als seine Gemälde sind. Überdies werden erstmals seine Foto-Übermalungen präsentiert; er bearbeitete Aufnahmen mit der Feder. Zumindest bei diesen Mixed-Media-Arbeiten war er wirklich avantgardistisch.


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