Dmitri Nabokov

Der Schmetterlingsjäger – 37 Karteikarten zu Nabokov

Der Schmetterlingsjäger. Foto: © Harald Bergmann Filmproduktion/ NFP marketing & distribution

(Kinostart: 17.7.) Uni-Seminar auf der Leinwand: Film-Essayist Harald Bergmann versucht sich am Weltliteraten Vladimir Nabokov. Mit Biographie-Rückblenden, nachgespielten Roman-Szenen und Theorie-Debatten – nur für Kenner seines Werks voll verständlich.

Regisseur Harald Bergmann hat sich als Kino-Essayist mit Filmen wie der „Hölderlin-Trilogie“ oder „Brinkmanns Zorn“ über den Dichter Rolf Dieter Brinkmann einen Namen gemacht. Sein neues Werk „Der Schmetterlingsjäger“ beschäftigt sich mit einem ebenso berühmten wie extremen Literaten: Vladimir Nabokov.

 

Info

 

Der Schmetterlingsjäger – 37 Karteikarten zu Nabokov

 

Regie: Harald Bergmann,

135 Min., Deutschland/ Schweiz 2013;

mit: Dmitri Nabokov, Heinz Wismann, Klaus Wyborny

 

Weitere Informationen

 

Der russisch-amerikanische Schriftsteller wurde mit seinem Roman „Lolita“ 1955 weltbekannt. Doch der Regisseur interessiert sich nicht für das einstige Skandal-Buch, sondern für Nabokovs philosophische Betrachtungen zur „Textur der Zeit“ in einem Kapitel seines Romans „Ada oder das Verlangen“; außerdem für seine Autobiografie „Erinnerung, sprich“.

 

Sohn Dmitri starb während Dreharbeiten

 

Aus beiden Büchern stellt Bergmann wichtige Szenen nach. Anfangs fährt der laut Nabokov „charmante Schurke“ Van Veen aus dem Roman „Ada“ durch die Alpen zu einem Treffen mit der Hauptfigur. Dann lassen lebende Bilder die Kindertage des Autors wieder erstehen, während sein Sohn Dmitri Auszüge aus „Erinnerung, sprich“ vorträgt; er starb 2012 während der Dreharbeiten.


Offizieller Filmtrailer


 

Philosoph mimt Nabokov bei Schmetterlingsjagd

 

„Der Schmetterlingsjäger“ ist kein konventionelles biopic. Assoziativ verknüpft der Regisseur nachgespielte Roman-Szenen mit biografischen Begebenheiten, etwa Nabokovs Exil in Berlin: Dort lebte er mit seiner Familie von 1922 bis 1936.

 

Zwischendurch unterhalten sich der Philosoph Heinz Wismann und der Filmemacher Klaus Wyborny über das Problem, Nabokovs komplexem Werk gerecht werden zu können. Da Wismann dem alten Nabokov ähnlich sieht, darf er noch den Schmetterlingsjäger mimen: Der Literat war auch ein renommierter Schmetterlings-Experte.

 

Vom Zarenreich über Exil-Stationen in die Schweiz

 

Fünf Kapitel und einen Epilog lang arbeitet sich Bergmann an seinem Themas ab. Er montiert sein Material mal wild, mal nachvollziehbar zusammen und lässt am Ende Nabokov seine Romanfiguren bei einer Feier durchs Fenster beobachten. Das ist kühn gedacht und originell ausgeführt, wird aber auf weite Strecken nur verständlich, wenn der Zuschauer mit Nabokovs Werk vertraut ist.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung „Gisèle Freund – Fotografische Szenen und Porträts“ mit Aufnahmen von Vladimir Nabokov in der Akademie der Künste, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Georg Büchner: Revolutionär mit Feder und Skalpell“ im Darmstadtium, Darmstadt

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „© Arno Schmidt: Der Schriftsteller als Fotograf“ im Günter Grass-Haus, Lübeck.

 

Dennoch kann man seinen Lebensweg von der Kindheit als Aristokraten-Spross im Zarenreich über verschiedene Stationen im Exil bis zum letzten Interview kurz vor seinem Tod 1977 in der Schweiz nachverfolgen. Dagegen wirken die teilweise mit Laiendarstellern besetzten Romanszenen reichlich blass und hölzern. Zudem dröhnt im Hintergrund meist ein Mozart-Klavierkonzert, gespielt von der Pianistin Mitsuko Ushida.

 

Leichter akademischer Snobismus

 

Am interessantesten sind die Dispute der beiden älteren, weißhaarigen Herren, die das szenische Material kommentieren und interpretieren, wobei einer den anderen auch mal einen Dummkopf nennt. Lässt man ihren leichten akademischen Snobismus außer Acht, erfährt man einiges über Nabokovs komplexe Gedankenwelt. Solch ein Uni-Seminar auf der Leinwand dürfte am ehesten Geisteswissenschaftler ansprechen.

 

Es geht dabei um die Allmacht des Schriftstellers beim literarischen Schöpfungsakt und seinen (Nicht-)Bezug zum Leser; aber auch um das Dilemma von Filmemachern, die zugleich das Bedürfnis nach Unterhaltung als auch intellektuelle Ansprüche erfüllen müssen.

 

Zu laut, zu lang

 

Vorteilhaft an diesen Zwiegesprächen ist, dass sie nicht von Musik unterlegt sind: In den Spielszenen nervt die Dauerbeschallung mit Mozart. Außerdem hätte Regisseur Bergmann seinen Film straffen sollen. Mit 135 Minuten Laufzeit wird er nicht nur seinem Thema Zeit kaum gerecht, sondern auch die Geduld des Zuschauers arg überstrapaziert.


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